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Frühdienst oder Spätdienst? Zwei verschiedene Welten der Pflege

  • Autorenbild: ignatius ounde
    ignatius ounde
  • 13. Aug.
  • 4 Min. Lesezeit

Vor Kurzem bin ich auf ein Video gestossen, das die Wahl zwischen Tag- und Nachtdienst in der Pflege mit einer toxischen Beziehung vergleicht. Auf der einen Seite der Nachtdienst: weniger Führungspersonen, weniger Angehörige, mehr Ruhe, dafür ein zerstörter Schlafrhythmus. Auf der anderen Seite der Tagdienst: Ärzte, Visiten, Angehörige, Telefonate und ständig jemand, der etwas von einem möchte.

Ich musste schmunzeln. Vieles daran erkennt man sofort wieder. Gleichzeitig dachte ich: So einfach ist es eben auch wieder nicht.

Frühdienst ,Spätdienst und Nachtdienst sind für mich tatsächlich zwei verschiedene Welten der Pflege.


Ich bin ein Frühdienst-Mensch


Wenn ich wählen kann, nehme ich den Frühdienst. Das hat zuerst einmal wenig mit Pflege und viel mit meinem eigenen Rhythmus zu tun. Ich stehe gerne früh auf. Ich kann vor der Arbeit meinen Sport machen, gehe arbeiten und habe am Abend noch etwas vom Tag. Ich kann Zeit mit meinen Kindern verbringen, Freunde treffen, an einer Sitzung oder einem gesellschaftlichen Anlass teilnehmen oder auch wann es sehr selten vorkommt einfach zu Hause sein.

Der Frühdienst entspricht meinem natürlichen Rhythmus.

Beim Spätdienst gerät dieser Rhythmus durcheinander alter lasst sich grüssen. Ich schlafe später, stehe trotzdem häufig früh auf und merke irgendwann, dass mir Energie fehlt. Auch Sport und Essen verschieben sich. Nach mehreren Spätdiensten fühle ich mich weniger produktiv.

Schlaf ist für mich deshalb ein entscheidender Faktor. Die zusätzliche Ruhe und Autonomie eines Nacht- oder Spätdienstes wiegt für mich den Preis eines verschobenen Schlafrhythmus kaum auf.

Doch es gibt noch einen anderen Grund, weshalb ich den Frühdienst bevorzuge.


Wenn das ganze Spital wach ist


In manchen Darstellungen über Pflege klingt es fast so, als seien Ärzte, Angehörige, Physiotherapie, Visiten und Telefonate vor allem Störungen.

Ich erlebe das anders.

Ich mag es, wenn das System läuft.

Wenn ich eine ärztliche Verordnung brauche, ist jemand erreichbar. Wenn eine Frage zur weiteren Behandlung auftaucht, kann sie direkt geklärt werden. Physiotherapie und andere Fachpersonen sind im Haus. Angehörige kommen und bringen Informationen mit, die für unsere Betreuung wichtig sein können. Untersuchungen werden organisiert, Entscheidungen getroffen und die nächsten Schritte geplant.

Natürlich bedeutet das auch Koordination, Dokumentation, Telefonate und Unterbrechungen. Doch genau diese Zusammenarbeit gehört für mich zur Pflege.

Ich möchte den Patienten gemeinsam mit anderen betreuen. Pflege findet für mich mitten in diesem Netzwerk statt.

Deshalb fühle ich mich im Frühdienst am stärksten als Pflegefachmann. Das mag paradox klingen, weil gerade dort besonders viel organisiert und koordiniert werden muss. Für mich gehört genau das zur professionellen Pflege.

Und trotzdem bleibt immer etwas liegen

Eine Sache beschäftigt mich beim Frühdienst regelmässig: die Übergabe von Aufgaben an den Spätdienst.

Manchmal kommt eine Verordnung spät. Eine Behandlung muss noch durchgeführt werden. Eine Information kommt kurz vor Schichtende. Dann gebe ich die Aufgabe an meine Kolleginnen und Kollegen weiter.

Das ist völlig normal. Wir arbeiten als Team und die Pflege läuft 24 Stunden am Tag. Im Spätdienst übernehme ich genauso Aufgaben aus dem Frühdienst.

Trotzdem bleibt manchmal dieses Gefühl:


Ich bin gegangen, bevor meine Arbeit fertig war.


Dabei liegt genau darin eine besondere Wahrheit unseres Berufes: Unsere Arbeit ist eigentlich nie fertig.

Solange ein Patient im Spital liegt, geht seine Geschichte weiter. Ich übernehme ihn am Morgen von einer Kollegin oder einem Kollegen. Einige Stunden später gebe ich ihn weiter. Danach übernimmt die Nachtwache. Am nächsten Morgen beginnt der Kreislauf erneut.

Erst wenn ein Patient nach Hause geht oder stirbt, endet diese Form unserer gemeinsamen Begleitung.

Vielleicht müssen wir deshalb in der Pflege auch lernen, Verantwortung weiterzugeben. Eine gute Übergabe bedeutet kein unfertiges Arbeiten. Sie bedeutet, dass jemand anderes die Verantwortung übernimmt und die Geschichte weiterträgt.


Wenn es am Abend ruhiger wird


Und dann kommt der Spätdienst. Irgendwann wird es ruhiger auf der Station. Viele Untersuchungen sind vorbei. Die meisten Visiten sind abgeschlossen. Angehörige gehen nach Hause. Der Betrieb verändert seinen Rhythmus.

Auch die Patienten verändern sich.

Ich habe über die Jahre gemerkt, dass gerade am Abend Gespräche entstehen, die tagsüber kaum stattfinden.

Vielleicht liegt es daran, dass weniger Menschen ins Zimmer kommen. Vielleicht daran, dass der Tag langsam zu Ende geht. Vielleicht auch daran, dass man einen Patienten mehrere Abende hintereinander betreut und sich dadurch Vertrauen entwickelt.

Man hilft jemandem beim Waschen. Man unterstützt ihn beim Aufstehen. Man begleitet ihn ins Bett. Man erlebt einen Menschen in einem Moment grosser Verletzlichkeit.

Und plötzlich beginnt jemand zu erzählen.

Über die Familie. Über die Angst. Über das, was zu Hause wartet. Über die Hoffnung, wieder gesund zu werden.

Oder über Dinge, die bisher kaum jemand erfahren hat.

Ich habe in Spätdiensten viele solcher Gespräche erlebt. Manchmal erfahre ich innerhalb einer Stunde mehr über einen Menschen als während mehrerer hektischer Begegnungen am Tag.

Diese Nähe gehört für mich zu den besonderen Seiten der Pflege.

Sie hat gleichzeitig eine Grenze. Als Pflegefachmann muss ich spüren, wie weit ein Gespräch gehen soll und welche Informationen für die Betreuung wichtig sind. Patienten vertrauen uns manchmal sehr persönliche Dinge an. Dieses Vertrauen verlangt Professionalität.


Zwei Welten, derselbe Patient


Darum überzeugt mich die einfache Vorstellung wenig, dass der Tagdienst stressig und der Nachtdienst angenehm sei.

Beide Dienste haben ihren eigenen Charakter.

Am Tag sehe ich die Stärke eines funktionierenden Systems. Verschiedene Berufsgruppen bringen ihre Perspektiven ein. Entscheidungen können schnell getroffen werden. Diagnostik, Therapie, Pflege und Angehörige greifen ineinander.

Am Abend entsteht dafür häufig etwas anderes: Zeit und Nähe.

Dann wird aus dem Patienten in Zimmer 24 plötzlich wieder stärker der Mensch mit seiner Geschichte, seiner Familie, seinen Ängsten und seinen Hoffnungen.

Für mich persönlich bleibt der Frühdienst meine erste Wahl. Mein Körper funktioniert besser in diesem Rhythmus. Mein Privatleben funktioniert besser. Und auch beruflich mag ich die Dynamik, wenn das ganze Spital wach ist.

Trotzdem würde ich auf die Erfahrungen aus den Spätdiensten kaum verzichten wollen.

Denn manchmal zeigt sich Pflege genau dann von einer anderen Seite.

Wenn die Visite vorbei ist. Wenn die Angehörigen gegangen sind. Wenn der Gang langsam ruhiger wird. Wenn man sich für einen Moment ans Bett setzt.

Und der Patient plötzlich sagt:

„Darf ich Ihnen noch etwas erzählen?“

 
 
 

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