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Ich kann nicht mehr: Wenn Kämpfen zur Last wird

  • Writer: ignatius ounde
    ignatius ounde
  • 22 hours ago
  • 3 min read

Haben Sie eine Spritze für mich?“

Ich dachte zuerst, sie brauche wieder eines ihrer Schmerzmedikamente. In den letzten Tagen hatte sie häufiger danach gefragt.„Ja, sicher. Wie stark sind die Schmerzen?“, fragte ich, um zu wissen, welches Reservemedikament ich holen sollte.

„Ich habe keine Schmerzen“, sagte sie.

Ich hielt kurz inne.„Sie möchten eine Spritze gegen Schmerzen?“

„Ja. Eine Spritze gegen Schmerzen. Ich möchte diesen Schmerz ein für alle Mal beenden.“

In diesem Moment wurde mir klar, dass wir nicht über körperliche Schmerzen sprachen.


Ich setzte mich zu ihr. „Ich kann Ihnen etwas geben. Es wird die Schmerzen für eine gewisse Zeit lindern. Wenn sie wiederkommen, klingeln Sie einfach. Dann gebe ich Ihnen wieder etwas.“

Sie schüttelte den Kopf.„Nein. Ich will etwas, das alles beendet. Ich bin müde. Ich kann nicht mehr. Meine Tochter will, dass ich kämpfe. Aber ich habe keine Kraft mehr.“


Zum ersten Mal sah ich Tränen in ihren Augen, Dieser Moment ist mir bis heute geblieben.


Sie war über achtzig Jahre alt. Sie lebte mit einem Tumor, der nicht operiert werden konnte. Die erste Chemotherapie hatte nicht gewirkt. Die zweite ebenfalls nicht. Nun stand eine dritte Therapielinie im Raum mit Bestrahlung, vielleicht mit dem Ziel, Schmerzen zu reduzieren, vielleicht in der Hoffnung, doch noch Zeit zu gewinnen.


Ihr Mann war fünf Jahre zuvor gestorben. Seitdem war sie zunehmend allein. Die Krankheit hatte nicht nur ihren Körper geschwächt, sie hatte auch ihre Welt kleiner gemacht.. Entscheidungen über weitere Therapien wurden immer schwerer. Nicht nur wegen der medizinischen Prognose, sondern wegen der emotionalen Verantwortung, die sie für ihre Familie empfand.


Sie sagte, sie sei schon lange bereit gewesen zu gehen.Doch sie blieb. Für ihre Tochter. Für die Familie. Für das Gefühl, noch gebraucht zu werden.


Solche Situationen sind kein Einzelfall. Ich erlebe sie immer wieder. Menschen am Lebensende kämpfen nicht nur gegen eine Krankheit.

Sie kämpfen gegen Erwartungen.

Gegen Schuldgefühle.

Gegen die Angst, andere im Stich zu lassen.


In diesen Momenten wird sichtbar, wie komplex medizinische Entscheidungen wirklich sind. Eine Therapie ist selten nur eine medizinische Frage. Sie ist auch eine Frage von Hoffnung, von Beziehung und von Verantwortung.

Wann ist Weiterkämpfen Ausdruck von Lebenswillen? und wann wird es zu einer Erwartung, die ein Mensch kaum noch tragen kann?


Für mich sind solche Begegnungen nie Routine. Ich höre Sätze, die man nicht einfach abhaken kann. Ich sitze einem Menschen gegenüber, der nicht nur krank ist, sondern erschöpft vom Tragen, Hoffen und Rücksichtnehmen. In solchen Momenten spüre ich, wie schmal der Grat ist zwischen professioneller Klarheit und menschlicher Erschütterung. Ich kann nicht einfach nur Medikamente richten verabreichen und weitergehen.


Ich muss zuhören, aushalten, einordnen und zugleich meine Verantwortung wahrnehmen. Denn nicht jeder Wunsch darf aus Verzweiflung heraus sofort zur Entscheidung werden. Gerade darin liegt die Schwierigkeit: da zu sein, ohne zu drängen. Ehrlich zu bleiben, ohne hart zu werden. Und einen Menschen ernst zu nehmen, auch dort, wo es keine einfache Antwort mehr gibt.


Gerade deshalb sind Gespräche über das Lebensende so wichtig lange bevor alle Optionen ausgeschöpft sind. Patientenverfügungen, ehrliche Gespräche in Familien, klare Vorstellungen über Therapieziele können helfen, Druck aus Situationen zu nehmen, die sonst von Unsicherheit geprägt sind.


Auch als Gesellschaft stehen wir vor einer wichtigen Frage. Wir verfügen über immer mehr medizinische Möglichkeiten. Doch sprechen wir genügend darüber, wann genug genug ist? Unterstützen unsere Strukturen Menschen wirklich dabei, in Würde Entscheidungen zu treffen? Oder organisieren wir oft einfach das Weiterkämpfen, weil Loslassen schwer auszuhalten ist?



Manchmal habe ich den Eindruck, dass nicht nur Krankheiten schwer wiegen sondern auch die Erwartungen der Menschen, die uns lieben.



Loslassen wird noch immer zu oft als Aufgeben verstanden. Dabei kann es auch ein Ausdruck von Respekt sein. Respekt vor der Lebensleistung eines Menschen. Respekt vor seiner Erschöpfung. Respekt vor seinem Wunsch, selbst zu bestimmen, wie der letzte Abschnitt seines Lebens aussehen soll.

Die Art, wie wir Menschen in ihrer letzten Lebensphase begleiten, sagt viel darüber aus, was für eine Gesellschaft wir sein wollen.

 
 
 

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