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Haben Sie eine Spritze für mich?“

Ich dachte zuerst, sie brauche wieder eines ihrer Schmerzmedikamente. In den letzten Tagen hatte sie häufiger danach gefragt.„Ja, sicher. Wie stark sind die Schmerzen?“, fragte ich, um zu wissen, welches Reservemedikament ich holen sollte.

„Ich habe keine Schmerzen“, sagte sie.

Ich hielt kurz inne.„Sie möchten eine Spritze gegen Schmerzen?“

„Ja. Eine Spritze gegen Schmerzen. Ich möchte diesen Schmerz ein für alle Mal beenden.“

In diesem Moment wurde mir klar, dass wir nicht über körperliche Schmerzen sprachen.


Ich setzte mich zu ihr. „Ich kann Ihnen etwas geben. Es wird die Schmerzen für eine gewisse Zeit lindern. Wenn sie wiederkommen, klingeln Sie einfach. Dann gebe ich Ihnen wieder etwas.“

Sie schüttelte den Kopf.„Nein. Ich will etwas, das alles beendet. Ich bin müde. Ich kann nicht mehr. Meine Tochter will, dass ich kämpfe. Aber ich habe keine Kraft mehr.“


Zum ersten Mal sah ich Tränen in ihren Augen, Dieser Moment ist mir bis heute geblieben.


Sie war über achtzig Jahre alt. Sie lebte mit einem Tumor, der nicht operiert werden konnte. Die erste Chemotherapie hatte nicht gewirkt. Die zweite ebenfalls nicht. Nun stand eine dritte Therapielinie im Raum mit Bestrahlung, vielleicht mit dem Ziel, Schmerzen zu reduzieren, vielleicht in der Hoffnung, doch noch Zeit zu gewinnen.


Ihr Mann war fünf Jahre zuvor gestorben. Seitdem war sie zunehmend allein. Die Krankheit hatte nicht nur ihren Körper geschwächt, sie hatte auch ihre Welt kleiner gemacht.. Entscheidungen über weitere Therapien wurden immer schwerer. Nicht nur wegen der medizinischen Prognose, sondern wegen der emotionalen Verantwortung, die sie für ihre Familie empfand.


Sie sagte, sie sei schon lange bereit gewesen zu gehen.Doch sie blieb. Für ihre Tochter. Für die Familie. Für das Gefühl, noch gebraucht zu werden.


Solche Situationen sind kein Einzelfall. Ich erlebe sie immer wieder. Menschen am Lebensende kämpfen nicht nur gegen eine Krankheit.

Sie kämpfen gegen Erwartungen.

Gegen Schuldgefühle.

Gegen die Angst, andere im Stich zu lassen.


In diesen Momenten wird sichtbar, wie komplex medizinische Entscheidungen wirklich sind. Eine Therapie ist selten nur eine medizinische Frage. Sie ist auch eine Frage von Hoffnung, von Beziehung und von Verantwortung.

Wann ist Weiterkämpfen Ausdruck von Lebenswillen? und wann wird es zu einer Erwartung, die ein Mensch kaum noch tragen kann?


Für mich sind solche Begegnungen nie Routine. Ich höre Sätze, die man nicht einfach abhaken kann. Ich sitze einem Menschen gegenüber, der nicht nur krank ist, sondern erschöpft vom Tragen, Hoffen und Rücksichtnehmen. In solchen Momenten spüre ich, wie schmal der Grat ist zwischen professioneller Klarheit und menschlicher Erschütterung. Ich kann nicht einfach nur Medikamente richten verabreichen und weitergehen.


Ich muss zuhören, aushalten, einordnen und zugleich meine Verantwortung wahrnehmen. Denn nicht jeder Wunsch darf aus Verzweiflung heraus sofort zur Entscheidung werden. Gerade darin liegt die Schwierigkeit: da zu sein, ohne zu drängen. Ehrlich zu bleiben, ohne hart zu werden. Und einen Menschen ernst zu nehmen, auch dort, wo es keine einfache Antwort mehr gibt.


Gerade deshalb sind Gespräche über das Lebensende so wichtig lange bevor alle Optionen ausgeschöpft sind. Patientenverfügungen, ehrliche Gespräche in Familien, klare Vorstellungen über Therapieziele können helfen, Druck aus Situationen zu nehmen, die sonst von Unsicherheit geprägt sind.


Auch als Gesellschaft stehen wir vor einer wichtigen Frage. Wir verfügen über immer mehr medizinische Möglichkeiten. Doch sprechen wir genügend darüber, wann genug genug ist? Unterstützen unsere Strukturen Menschen wirklich dabei, in Würde Entscheidungen zu treffen? Oder organisieren wir oft einfach das Weiterkämpfen, weil Loslassen schwer auszuhalten ist?



Manchmal habe ich den Eindruck, dass nicht nur Krankheiten schwer wiegen sondern auch die Erwartungen der Menschen, die uns lieben.



Loslassen wird noch immer zu oft als Aufgeben verstanden. Dabei kann es auch ein Ausdruck von Respekt sein. Respekt vor der Lebensleistung eines Menschen. Respekt vor seiner Erschöpfung. Respekt vor seinem Wunsch, selbst zu bestimmen, wie der letzte Abschnitt seines Lebens aussehen soll.

Die Art, wie wir Menschen in ihrer letzten Lebensphase begleiten, sagt viel darüber aus, was für eine Gesellschaft wir sein wollen.




Es war ein typischer Dienstag im Spätdienst. Lisa, meine neue Kollegin, erst seit einem Jahr in der Pflege, eilte zum dritten Mal innerhalb einer Stunde zu Frau Weber – einer 78-jährigen Patientin mit Oberschenkelhalsbruch. Obwohl die Physiotherapeutin ausdrücklich betont hatte, dass Frau Weber das Aufstehen selbst üben sollte, sprang Lisa sofort auf, um ihr zu helfen.

„Lisa, darf ich dir etwas sagen?“, fragte ich behutsam, nachdem wir Frau Weber versorgt hatten. „Du meinst es gut, aber manchmal hilfst du den Patient:innen mehr, wenn du ihnen Raum für ihre eigene Selbstständigkeit gibst.“ In Lisas Augen spiegelte sich Erstaunen – und eine erste Einsicht. „Aber ich dachte immer, eine gute Pflegekraft ist jederzeit bereit zu helfen“, entgegnete sie.

Ihre Worte berührten mich tief. Ich erkannte mich selbst darin wieder – so, wie ich vor vielen Jahren war. Auch ich glaubte, dass ständige Verfügbarkeit und unermüdliche Hilfsbereitschaft das Wesen guter Pflege ausmacht. Doch mit der Zeit begriff ich: Wer immer alles gibt, gerät unweigerlich in die Erschöpfung.

 

Die Gratwanderung zwischen Engagement und Überforderung

Seit über 20 Jahren arbeite ich in der Pflege – ein Beruf, der mich erfüllt, aber mich auch oft an meine Grenzen gebracht hat. Anfangs war mein Antrieb klar: Ich wollte helfen, gebraucht werden, etwas bewirken. Doch in meinem Innersten spielte auch der Wunsch nach Anerkennung eine Rolle. Während meiner Ausbildung in Tansania übernahm ich freiwillig Nachtdienste (Insomnie lass sich grüssen)  in der Kinderklinik, legte Infusionen und trainierte intensiv den Umgang mit PVK/Viggo. Ich wollte meine Fähigkeiten perfektionieren – und tat es oft auf Kosten meiner eigenen Erholung.

Doch irgendwann merkte ich, dass mein ständiges Einspringen, Überstunden und das Zurückstellen meiner eigenen Bedürfnisse nicht nur mich belasteten, sondern auch die Qualität meiner Arbeit beeinträchtigten.

Das sogenannte Helfersyndrom ist in der Pflege weit verbreitet. Wer sich nur über seinen Einsatz für andere definiert, zahlt langfristig einen hohen Preis – körperlich, emotional und beruflich. Lange hielt ich es für normal, Pausen ausfallen zu lassen oder auf Freizeit zu verzichten. Aber irgendwann wurde mir klar: Ich kann nur dann gut für andere sorgen, wenn ich selbst auf mich achte.

Pflege ist ein Marathon, kein Sprint. Ich habe Kolleg:innen erlebt, die sich völlig verausgabt haben und dann den Beruf aufgeben mussten. Auch ich stand kurz davor. Ein Schlüsselmoment war die Erkenntnis, dass meine übertriebene Fürsorge manchen Patient:innen mehr schadete als half. Indem ich alles abnahm, nahm ich ihnen auch die Chance, selbstständiger zu werden.

 




Neue Perspektiven: Selbstfürsorge als Schlüssel zur Nachhaltigkeit

Dieses ständige Gefühl, nie genug zu tun, begleitete mich lange. Selbst nach einem anstrengenden Tag fragte ich mich, ob ich nicht noch mehr hätte leisten können. Doch ich lernte: Dauerhafte Selbstkritik führt in die Erschöpfung. Empathie ist essenziell, aber wer sich zu stark mit den Patient:innen identifiziert, nimmt ihr Leid mit nach Hause.

Ich begann, klare Grenzen zu setzen – nicht nur für mich, sondern auch im Team. Denn wer immer zur Stelle ist und alles übernimmt, nimmt Kolleg:innen die Verantwortung ab und verhindert, dass sie selbst wachsen. Ein gesundes Mass an Unterstützung ist entscheidend.

Heute weiss ich: Wer in der Pflege langfristig gesund bleiben will, muss Selbstfürsorge ernst nehmen. Ich habe gelernt, meinen Wert nicht nur an meinem Einsatz für andere zu bemessen. Ich muss nicht jede Schicht übernehmen, nicht immer die Erste sein, die einspringt. Und siehe da: Die Welt dreht sich weiter.

Supervisionen und der Austausch mit Kolleg:innen halfen mir zu erkennen, dass ich mit meinen Herausforderungen nicht allein bin. Auch Arbeitgeber tragen Verantwortung: Klare Arbeitsstrukturen, regelmässige Schulungen und Unterstützung in Belastungssituationen können Burnout vorbeugen.




 

Hingabe mit Mass: Ein nachhaltiger Weg in der Pflege

Hingabe ist das Herzstück der Pflege – doch niemand kann dauerhaft geben, ohne auch an sich selbst zu denken. Sich zu schützen bedeutet nicht Egoismus, sondern ist die Grundvoraussetzung, um langfristig für andere da sein zu können.

Wenn ich heute auf meinen Weg zurückblicke, sehe ich, wie sehr ich mich verändert habe. Ich liebe meinen Beruf – doch jetzt weiss ich, dass ich nicht unendlich belastbar bin. Und das ist völlig in Ordnung.

Jetzt bin ich neugierig auf deine Erfahrungen:

  • Hast du dich schon einmal in der „Helfersyndrom-Falle“ gefühlt?

  • Wie meisterst du heute die Herausforderungen in der Pflege?

  • Welche Strategien helfen dir, ein gesundes Gleichgewicht zu finden?

 

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