Wir können immer mehr. Aber können wir es auch gut auffangen?

Nach zwei intensiven Tagen am 29. Internationalen DESO Seminar für Onkologiepflege in St. Gallen bin ich mit vielen neuen Informationen, Begegnungen und Gedanken nach Hause gefahren. Geblieben sind bei mir weniger einzelne Studien, Therapien oder Folien. Geblieben ist vielmehr eine Frage, die weit über diese Fortbildung hinausgeht:
Was bedeutet medizinischer Fortschritt eigentlich für die Pflege?
Wir können Krebserkrankungen immer differenzierter behandeln, Nebenwirkungen gezielter beeinflussen und Menschen über längere Zeit mit ihrer Erkrankung begleiten. Gleichzeitig verlagern sich Behandlungen zunehmend in den ambulanten Bereich, Aufenthalte werden kürzer und Patientinnen und Patienten tragen einen grossen Teil ihrer Erkrankung und Therapie im Alltag.
Für mich entsteht daraus eine klare Konsequenz: Mit den Möglichkeiten der Medizin wächst auch die Verantwortung der Pflege.
Das beginnt bereits bei der Frage, was wir unter einem guten Ergebnis verstehen. Prof. Dr. Heike Bischoff-Ferrari zeigte beim Thema Longevity, dass Lebensjahre und gesunde Lebensjahre zwei unterschiedliche Grössen sind. Dieser Gedanke ist bei mir hängen geblieben. Ein langes Leben erzählt einen Teil der Geschichte. Ebenso entscheidend ist, wie ein Mensch diese Jahre erlebt und mit welcher Lebensqualität sie verbunden sind.
In der Onkologie begegnet uns diese Frage in einer ganz konkreten Form. Eine Therapie kann medizinisch möglich sein. Entscheidend bleibt, welchen Wert diese Möglichkeit für den einzelnen Menschen hat.
Damit kommen wir zu einer der anspruchsvollsten Fragen unseres Berufsalltags:
Was ist eigentlich das Ziel?
Bei einer fortgeschrittenen Erkrankung kann eine weitere Therapielinie verfügbar sein und gleichzeitig mit erheblichen Belastungen verbunden sein. Die Gedanken von PD Dr. Dr. Friedemann Honecker zu Futility haben diese Spannung sehr deutlich gemacht. Medizinische Machbarkeit und individueller Nutzen verlangen eine sorgfältige gemeinsame Betrachtung.
Gerade hier bekommt Hoffnung eine besondere Bedeutung.
Hoffnung kann viele Formen annehmen. Sie kann sich auf Heilung richten, auf zusätzliche Lebenszeit, auf ein wichtiges Familienereignis, auf gute Symptomkontrolle, auf Zeit zu Hause oder auf ein selbstbestimmtes Lebensende.
Die anspruchsvolle Aufgabe besteht darin, diese Hoffnung ernst zu nehmen und gleichzeitig gemeinsam zu klären, welchem Ziel eine Behandlung dient.
Für mich gehört die pflegerische Perspektive zwingend in diese Diskussion. Denn vieles, was für solche Entscheidungen relevant ist, zeigt sich im täglichen Kontakt mit den Patientinnen und Patienten.
Das wurde mir bei einem scheinbar kleinen Thema nochmals besonders bewusst: Geschmacksveränderungen.
Anke Jähnke bezeichnete sie als eine «unsichtbare Nebenwirkung». Das trifft es gut. Ein Mensch kann medizinisch stabil sein und gleichzeitig erleben, dass plötzlich alles metallisch schmeckt, vertraute Lebensmittel unangenehm werden und Essen seinen Genuss verliert. Gemeinsame Mahlzeiten verändern sich, der Appetit sinkt und damit kann auch die Lebensqualität beeinträchtigt werden.
Auf keinem Monitor erscheint dafür ein Alarm.
Genau solche Situationen zeigen mir, weshalb Nähe in der Pflege eine klinische Bedeutung hat. Während einer Schicht entsteht aus Gesprächen, Beobachtungen und kleinen Veränderungen ein Gesamtbild. Ein fast unberührtes Essen, eine neue Unsicherheit beim Gehen oder ein beiläufig erwähntes Symptom kann eine relevante Information liefern.
Bei modernen Immuntherapien bekommt diese Beobachtungskompetenz zusätzliches Gewicht. Nebenwirkungen können verschiedene Organsysteme betreffen und sich zunächst sehr unspezifisch zeigen. Eine Veränderung, die für sich allein unscheinbar wirkt, kann im Zusammenhang mit der Therapie eine wichtige Bedeutung erhalten.
Damit wird pflegerische Nähe zu einem Teil der Patientensicherheit.
Für mich liegt hier eine Entwicklung, die grosse Aufmerksamkeit verdient: Je komplexer die Medizin wird, desto höher werden auch die Anforderungen an die Pflege. Fachwissen, klinische Einschätzung, Beratung und Patientenedukation gewinnen an Bedeutung.
Doch Wissen und Kompetenz brauchen auch die entsprechenden Bedingungen, um wirksam zu werden.
Ein Satz aus dem Referat von Isabelle Steeb über Moral Distress hat mich deshalb besonders beschäftigt:
«Eigentlich weiss ich, was richtig wäre ... aber ich kann es nicht umsetzen.»
Darin liegt für mich eine der zentralen Spannungen unseres Pflegealltags.
Eine Pflegefachperson kann eine Situation fachlich richtig einschätzen und gleichzeitig innerhalb von Bedingungen arbeiten, die ihren Handlungsspielraum begrenzen. Zeitdruck, verfügbare Ressourcen, Hierarchien und Entscheidungsstrukturen beeinflussen, wie viel von professionellem Wissen tatsächlich beim Menschen ankommt.
Besonders relevant fand ich deshalb die Aussage, dass Belastung häufig dort entsteht, wo professionelle Werte auf begrenzten Einfluss treffen.
Das verändert auch meinen Blick auf Resilienz.
Menschen brauchen persönliche Ressourcen. Regeneration, soziale Beziehungen, Bewegung und ein bewusster Umgang mit Belastungen tragen dazu bei, langfristig gesund zu bleiben. Anette Brechtls Gedanken zum Gesundbleiben in Zeiten knapper Ressourcen haben diesen persönlichen Anteil sehr schön aufgegriffen.
Gleichzeitig hat Resilienz für mich auch eine organisatorische Dimension.
Eine Pflegefachperson kann hoch kompetent und engagiert sein. Ihre Expertise entfaltet ihren Wert dort, wo Strukturen Raum für professionelles Handeln schaffen. Klinische Verantwortung braucht Mitsprache. Ganzheitliche Pflege braucht entsprechende Ressourcen. Interprofessionelle Zusammenarbeit braucht eine Kultur, in der unterschiedliche fachliche Perspektiven Gewicht erhalten.
Genau deshalb nehme ich aus St. Gallen weniger eine Liste neuer Erkenntnisse mit als einen geschärften Blick auf meinen eigenen Berufsalltag.
Der Fortschritt in der Onkologie ist beeindruckend. Neue Therapien eröffnen Möglichkeiten, Menschen leben länger mit ihrer Erkrankung und Behandlungen werden zunehmend differenziert und ambulant durchgeführt.
Mit diesem Fortschritt wächst unsere pflegerische Aufgabe.
Wir brauchen Pflegefachpersonen, die komplexe Therapien verstehen und gleichzeitig wahrnehmen, wie ein Mensch damit lebt. Wir brauchen pflegerische Expertise beim Symptommanagement, bei der Begleitung von Therapieentscheidungen und bei der Vorbereitung auf den Alltag ausserhalb des Spitals. Und wir brauchen Strukturen, in denen diese Expertise wirksam werden kann.
Medizinischer Fortschritt zeigt sich für mich deshalb auch daran, wie gut es uns als Gesundheitssystem gelingt, seine Möglichkeiten in eine gute und menschliche Versorgung für den einzelnen Menschen zu übersetzen.
Zum Schluss bleibt für mich vor allem Dankbarkeit. Mein herzlicher Dank gilt Dr. Agnes Glaus und dem gesamten SONK-Team für die Organisation dieser beiden intensiven Tage und besonders für den SONK Educational Grant, der mir die Teilnahme ermöglicht hat.
Neben dem fachlichen Programm war auch der persönliche Austausch wertvoll. Das gemeinsame Networking-Dinner bot Raum für Begegnungen und Gespräche über Institutionen, Fachgebiete und Berufsrollen hinweg. Gerade dieser Austausch gehört für mich zu einer guten Weiterbildung. Manchmal begleitet einen ein Gedanke aus einem persönlichen Gespräch genauso lange wie eine Folie aus dem Vortragssaal.

Mit diesem Seminar beginnt zugleich ein neues Kapitel: Dr. Jennifer van Düren übernimmt die Aufgabe von Dr. Agnes Glaus. Dr. Agnes Glaus wünsche ich für ihren weiteren Weg alles Gute und danke ihr herzlich für ihr grosses Engagement für die onkologische Fortbildung und die Pflege. Dr. Jennifer van Düren wünsche ich für ihre neue Aufgabe viel Freude, Erfolg und viele spannende Begegnungen. Ich freue mich darauf, ihre Arbeit weiterzuverfolgen und zu sehen, welche neuen Impulse in den kommenden Jahren entstehen.
Und ich wünsche mir, dass noch viele weitere Pflegefachpersonen die Möglichkeit nutzen, von solchen Weiterbildungen und Kongressen zu profitieren. Fachliche Weiterentwicklung braucht Räume, in denen wir neues Wissen aufnehmen, Erfahrungen teilen, Fragen diskutieren und uns miteinander vernetzen können. Was wir dort mitnehmen, fliesst anschliessend in unsere Teams und in die Versorgung unserer Patientinnen und Patienten zurück.
Der nächste Termin steht bereits fest: 26. und 27. August 2027 in St. Gallen.
Ich hoffe, wir sehen uns dort wieder. Und ich freue mich darauf, im nächsten Jahr noch mehr Pflegefachpersonen in St. Gallen zu sehen, die diese Gelegenheit für Weiterbildung, Austausch und Vernetzung nutzen.



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