top of page


Nach zwei intensiven Tagen am 29. Internationalen DESO Seminar für Onkologiepflege in St. Gallen bin ich mit vielen neuen Informationen, Begegnungen und Gedanken nach Hause gefahren. Geblieben sind bei mir weniger einzelne Studien, Therapien oder Folien. Geblieben ist vielmehr eine Frage, die weit über diese Fortbildung hinausgeht:



Was bedeutet medizinischer Fortschritt eigentlich für die Pflege?


Wir können Krebserkrankungen immer differenzierter behandeln, Nebenwirkungen gezielter beeinflussen und Menschen über längere Zeit mit ihrer Erkrankung begleiten. Gleichzeitig verlagern sich Behandlungen zunehmend in den ambulanten Bereich, Aufenthalte werden kürzer und Patientinnen und Patienten tragen einen grossen Teil ihrer Erkrankung und Therapie im Alltag.


Für mich entsteht daraus eine klare Konsequenz: Mit den Möglichkeiten der Medizin wächst auch die Verantwortung der Pflege.


Das beginnt bereits bei der Frage, was wir unter einem guten Ergebnis verstehen. Prof. Dr. Heike Bischoff-Ferrari zeigte beim Thema Longevity, dass Lebensjahre und gesunde Lebensjahre zwei unterschiedliche Grössen sind. Dieser Gedanke ist bei mir hängen geblieben. Ein langes Leben erzählt einen Teil der Geschichte. Ebenso entscheidend ist, wie ein Mensch diese Jahre erlebt und mit welcher Lebensqualität sie verbunden sind.

In der Onkologie begegnet uns diese Frage in einer ganz konkreten Form. Eine Therapie kann medizinisch möglich sein. Entscheidend bleibt, welchen Wert diese Möglichkeit für den einzelnen Menschen hat.


Damit kommen wir zu einer der anspruchsvollsten Fragen unseres Berufsalltags:

Was ist eigentlich das Ziel?


Bei einer fortgeschrittenen Erkrankung kann eine weitere Therapielinie verfügbar sein und gleichzeitig mit erheblichen Belastungen verbunden sein. Die Gedanken von PD Dr. Dr. Friedemann Honecker zu Futility haben diese Spannung sehr deutlich gemacht. Medizinische Machbarkeit und individueller Nutzen verlangen eine sorgfältige gemeinsame Betrachtung.

Gerade hier bekommt Hoffnung eine besondere Bedeutung.

Hoffnung kann viele Formen annehmen. Sie kann sich auf Heilung richten, auf zusätzliche Lebenszeit, auf ein wichtiges Familienereignis, auf gute Symptomkontrolle, auf Zeit zu Hause oder auf ein selbstbestimmtes Lebensende.

Die anspruchsvolle Aufgabe besteht darin, diese Hoffnung ernst zu nehmen und gleichzeitig gemeinsam zu klären, welchem Ziel eine Behandlung dient.

Für mich gehört die pflegerische Perspektive zwingend in diese Diskussion. Denn vieles, was für solche Entscheidungen relevant ist, zeigt sich im täglichen Kontakt mit den Patientinnen und Patienten.

Das wurde mir bei einem scheinbar kleinen Thema nochmals besonders bewusst: Geschmacksveränderungen.

Anke Jähnke bezeichnete sie als eine «unsichtbare Nebenwirkung». Das trifft es gut. Ein Mensch kann medizinisch stabil sein und gleichzeitig erleben, dass plötzlich alles metallisch schmeckt, vertraute Lebensmittel unangenehm werden und Essen seinen Genuss verliert. Gemeinsame Mahlzeiten verändern sich, der Appetit sinkt und damit kann auch die Lebensqualität beeinträchtigt werden.


Auf keinem Monitor erscheint dafür ein Alarm.


Genau solche Situationen zeigen mir, weshalb Nähe in der Pflege eine klinische Bedeutung hat. Während einer Schicht entsteht aus Gesprächen, Beobachtungen und kleinen Veränderungen ein Gesamtbild. Ein fast unberührtes Essen, eine neue Unsicherheit beim Gehen oder ein beiläufig erwähntes Symptom kann eine relevante Information liefern.

Bei modernen Immuntherapien bekommt diese Beobachtungskompetenz zusätzliches Gewicht. Nebenwirkungen können verschiedene Organsysteme betreffen und sich zunächst sehr unspezifisch zeigen. Eine Veränderung, die für sich allein unscheinbar wirkt, kann im Zusammenhang mit der Therapie eine wichtige Bedeutung erhalten.

Damit wird pflegerische Nähe zu einem Teil der Patientensicherheit.


Für mich liegt hier eine Entwicklung, die grosse Aufmerksamkeit verdient: Je komplexer die Medizin wird, desto höher werden auch die Anforderungen an die Pflege. Fachwissen, klinische Einschätzung, Beratung und Patientenedukation gewinnen an Bedeutung.

Doch Wissen und Kompetenz brauchen auch die entsprechenden Bedingungen, um wirksam zu werden.

Ein Satz aus dem Referat von Isabelle Steeb über Moral Distress hat mich deshalb besonders beschäftigt:


«Eigentlich weiss ich, was richtig wäre ... aber ich kann es nicht umsetzen.»


Darin liegt für mich eine der zentralen Spannungen unseres Pflegealltags.

Eine Pflegefachperson kann eine Situation fachlich richtig einschätzen und gleichzeitig innerhalb von Bedingungen arbeiten, die ihren Handlungsspielraum begrenzen. Zeitdruck, verfügbare Ressourcen, Hierarchien und Entscheidungsstrukturen beeinflussen, wie viel von professionellem Wissen tatsächlich beim Menschen ankommt.

Besonders relevant fand ich deshalb die Aussage, dass Belastung häufig dort entsteht, wo professionelle Werte auf begrenzten Einfluss treffen.


Das verändert auch meinen Blick auf Resilienz.


Menschen brauchen persönliche Ressourcen. Regeneration, soziale Beziehungen, Bewegung und ein bewusster Umgang mit Belastungen tragen dazu bei, langfristig gesund zu bleiben. Anette Brechtls Gedanken zum Gesundbleiben in Zeiten knapper Ressourcen haben diesen persönlichen Anteil sehr schön aufgegriffen.

Gleichzeitig hat Resilienz für mich auch eine organisatorische Dimension.

Eine Pflegefachperson kann hoch kompetent und engagiert sein. Ihre Expertise entfaltet ihren Wert dort, wo Strukturen Raum für professionelles Handeln schaffen. Klinische Verantwortung braucht Mitsprache. Ganzheitliche Pflege braucht entsprechende Ressourcen. Interprofessionelle Zusammenarbeit braucht eine Kultur, in der unterschiedliche fachliche Perspektiven Gewicht erhalten.


Genau deshalb nehme ich aus St. Gallen weniger eine Liste neuer Erkenntnisse mit als einen geschärften Blick auf meinen eigenen Berufsalltag.


Der Fortschritt in der Onkologie ist beeindruckend. Neue Therapien eröffnen Möglichkeiten, Menschen leben länger mit ihrer Erkrankung und Behandlungen werden zunehmend differenziert und ambulant durchgeführt.


Mit diesem Fortschritt wächst unsere pflegerische Aufgabe.


Wir brauchen Pflegefachpersonen, die komplexe Therapien verstehen und gleichzeitig wahrnehmen, wie ein Mensch damit lebt. Wir brauchen pflegerische Expertise beim Symptommanagement, bei der Begleitung von Therapieentscheidungen und bei der Vorbereitung auf den Alltag ausserhalb des Spitals. Und wir brauchen Strukturen, in denen diese Expertise wirksam werden kann.


Medizinischer Fortschritt zeigt sich für mich deshalb auch daran, wie gut es uns als Gesundheitssystem gelingt, seine Möglichkeiten in eine gute und menschliche Versorgung für den einzelnen Menschen zu übersetzen.


Zum Schluss bleibt für mich vor allem Dankbarkeit. Mein herzlicher Dank gilt Dr. Agnes Glaus und dem gesamten SONK-Team für die Organisation dieser beiden intensiven Tage und besonders für den SONK Educational Grant, der mir die Teilnahme ermöglicht hat.

Neben dem fachlichen Programm war auch der persönliche Austausch wertvoll. Das gemeinsame Networking-Dinner bot Raum für Begegnungen und Gespräche über Institutionen, Fachgebiete und Berufsrollen hinweg. Gerade dieser Austausch gehört für mich zu einer guten Weiterbildung. Manchmal begleitet einen ein Gedanke aus einem persönlichen Gespräch genauso lange wie eine Folie aus dem Vortragssaal.


Mit diesem Seminar beginnt zugleich ein neues Kapitel: Dr. Jennifer van Düren übernimmt die Aufgabe von Dr. Agnes Glaus. Dr. Agnes Glaus wünsche ich für ihren weiteren Weg alles Gute und danke ihr herzlich für ihr grosses Engagement für die onkologische Fortbildung und die Pflege. Dr. Jennifer van Düren wünsche ich für ihre neue Aufgabe viel Freude, Erfolg und viele spannende Begegnungen. Ich freue mich darauf, ihre Arbeit weiterzuverfolgen und zu sehen, welche neuen Impulse in den kommenden Jahren entstehen.

Und ich wünsche mir, dass noch viele weitere Pflegefachpersonen die Möglichkeit nutzen, von solchen Weiterbildungen und Kongressen zu profitieren. Fachliche Weiterentwicklung braucht Räume, in denen wir neues Wissen aufnehmen, Erfahrungen teilen, Fragen diskutieren und uns miteinander vernetzen können. Was wir dort mitnehmen, fliesst anschliessend in unsere Teams und in die Versorgung unserer Patientinnen und Patienten zurück.


Der nächste Termin steht bereits fest: 26. und 27. August 2027 in St. Gallen.

Ich hoffe, wir sehen uns dort wieder. Und ich freue mich darauf, im nächsten Jahr noch mehr Pflegefachpersonen in St. Gallen zu sehen, die diese Gelegenheit für Weiterbildung, Austausch und Vernetzung nutzen.

 

Vor ein paar Monaten hatten wir einen dieser Frühdienste, bei denen schon am Morgen klar war: Heute könnte es eng werden.

Eine Person im Team war krank, eine weitere Pflegefachperson verspätete sich. Noch bevor der Dienst richtig begonnen hatte, organisierte die Tagesverantwortung Unterstützung. Zum Glück konnte eine Kollegin aus dem Flexpool einspringen. Die personelle Situation entspannte sich.

Die Arbeit lief währenddessen weiter.

Und die Klingel auch.

Ein Patient wollte Wasser. Das Wasser stand auf dem Tisch, das Glas daneben. Es ging darum, das Wasser einzuschenken. Kurze Zeit später klingelte es wieder. Ein Gegenstand sollte verschoben werden. Dann sollte etwas vom Tisch gereicht werden. Die Decke lag anders als gewünscht. Wieder klingelte es.

Jeder einzelne Wunsch war klein. Jeder brauchte vielleicht dreissig Sekunden oder eine Minute. In der Summe wurden daraus viele Unterbrechungen.

Irgendwann fällt im Team an solchen Tagen gerne die scherzhafte Frage: «Ist heute Vollmond?»

Mich beschäftigte an diesem Morgen allerdings eine ernstere Frage:


Wo endet Unterstützung und wo beginnt Bedienung?


Eine kleine Bitte kann ein grosses Bedürfnis sein


Diese Frage ist weniger einfach, als sie zunächst klingt.

Wir betreuen Menschen mit sehr unterschiedlichen Bedürfnissen. Manche können aufgrund ihrer Erkrankung, einer Operation, Schmerzen, Schwäche oder einer Therapie selbst einfache Handlungen kaum ausführen.

Für sie können vermeintlich kleine Dinge sehr gross sein.

Ein Glas Wasser einschenken. Die Decke richten. Etwas vom Tisch nehmen. Sich im Bett anders positionieren.

Und manchmal steckt hinter einer scheinbar banalen Bitte etwas, das wir zunächst gar nicht sehen: Angst, Schmerzen, Unsicherheit, Kontrollverlust oder eine zunehmende Schwäche.

Stellen wir uns jemanden vor, der innerhalb kurzer Zeit mehrmals klingelt und immer wieder anders gelagert werden möchte. Irgendwann könnte im hektischen Alltag der Eindruck entstehen: Schon wieder eine Komfortfrage. Vielleicht steckt dahinter jedoch ein Schmerz, der zunimmt und bisher zu wenig Beachtung erhalten hat.


Auch wir Pflegenden können Situationen falsch einschätzen. Genau deshalb gehört zu professioneller Pflege die Bereitschaft, immer wieder neu hinzuschauen.

Die entscheidende Frage lautet also zuerst: Was steckt hinter diesem Wunsch?


Selbstständigkeit gehört ebenfalls zur Pflege


Genauso gehört zur professionellen Pflege, vorhandene Fähigkeiten zu erkennen, zu erhalten und zu fördern.

Wer selbstständig trinken, sich bewegen oder einen Gegenstand erreichen kann, besitzt Ressourcen. Diese Ressourcen zu nutzen, ist Teil von Selbstständigkeit und kann selbst ein Pflegeziel sein.

Deshalb beschäftigt mich der Moment, in dem aus einem Wunsch die Erwartung entsteht, dass eine Pflegefachperson ihn unmittelbar erfüllen soll.

Auf einer Station haben Aufgaben unterschiedliche Prioritäten.

Während jemand auf sein Wasser wartet, braucht vielleicht ein anderer Mensch Schmerzmedikamente. Eine Patientin entwickelt Fieber. Eine Therapie muss vorbereitet werden. Ein Eintritt kommt. Ein Austritt steht an.


Der einzelne Patient erlebt verständlicherweise zuerst sein Zimmer und seine Situation. Wir als Pflegende tragen gleichzeitig Verantwortung für mehrere Menschen.

Pflege bedeutet deshalb auch Priorisierung.

Ein Gespräch darüber, wer für morgen einen Pyjama oder Schuhe mitbringen kann, bekommt seinen Platz. Vielleicht nach der Medikamentenrunde. Vielleicht einige Minuten später.

Das ist Teil professioneller Verantwortung.


Wenn Eskalation Aufmerksamkeit schafft


Schwieriger wird es für mich an einem anderen Punkt.

Eine Bitte wird später erfüllt als gewünscht. Daraufhin wird eine andere Pflegefachperson gerufen. Danach vielleicht die Leitung. Oder es wird eine andere zuständige Pflegeperson verlangt.

Eine Beschwerde kann absolut berechtigt sein. Menschen können zu lange warten. Bedürfnisse können übersehen werden. Kommunikation kann misslingen. Patient:innen müssen Kritik äussern können und damit ernst genommen werden.

Gleichzeitig entsteht ein problematischer Mechanismus, wenn Beschwerden und Eskalation dazu führen, dass professionelle Prioritäten verändert werden:


Wer am stärksten fordert oder am schnellsten eskaliert, erhält am meisten Aufmerksamkeit.


Genau dort braucht es aus meiner Sicht eine gemeinsame Haltung im Team.

Wenn eine Pflegefachperson eine Bitte fachlich begründet auf später verschiebt und die nächste Person sie sofort erfüllt, nur um eine Diskussion zu vermeiden, entsteht unbeabsichtigt eine Botschaft: Eskalation funktioniert.


Deshalb sollte eine Beschwerde ernst genommen und geprüft werden. Gleichzeitig braucht eine fachlich begründete Priorisierung Rückhalt im Team.

Auch der Wunsch nach einer anderen Pflegefachperson verdient eine sorgfältige Betrachtung. Dafür kann es gute Gründe geben: Vertrauen, Kommunikation, persönliche Grenzen oder konkrete Erfahrungen in der Betreuung.

Ein Wechsel allein aufgrund einer unerfüllten Forderung schafft hingegen ein schwieriges Signal.

Sonst riskieren wir, Aufmerksamkeit zunehmend danach zu verteilen, wer den grössten Druck erzeugt, statt danach, wer sie pflegerisch am dringendsten braucht.

Und das betrifft am Ende alle Patientinnen und Patienten.


Kommt die Konsumlogik ins Spital?


Diese Situationen führen mich zu einer grösseren Frage.

Wir leben in einer Welt, in der sehr vieles unmittelbar verfügbar geworden ist. Wir bestellen per Knopfdruck. Wir wählen Anbieter. Wir erwarten individuelle Lösungen. Dienstleistungen werden bewertet und bei Unzufriedenheit gewechselt.

Ich frage mich, ob ein Teil dieser Erwartung zunehmend auch in das Gesundheitswesen getragen wird:


Ich bezahle, also bestimme ich, welche Leistung ich wann und von wem erhalte.


Ob dies tatsächlich eine gesellschaftliche Entwicklung ist, kann ich aus meinem Berufsalltag allein kaum beurteilen. Ich beobachte diese Haltung jedoch immer wieder in einzelnen Situationen.

Ein Spital folgt einer besonderen Logik. Zeit, Personal, Fachwissen und Aufmerksamkeit sind gemeinsame Ressourcen. Ihre Verteilung orientiert sich an medizinischem und pflegerischem Bedarf, Dringlichkeit und professioneller Einschätzung.


Patientenzentrierung bedeutet deshalb für mich weit mehr als Wunscherfüllung.

Sie bedeutet, einen Menschen ernst zu nehmen, seine Würde zu schützen, seine Bedürfnisse wahrzunehmen, ihn einzubeziehen und gleichzeitig seine Selbstständigkeit zu fördern.

Dazu gehören auch Grenzen.


Verantwortung liegt auf mehreren Seiten


Der Frühdienst, mit dem diese Geschichte begann, zeigt gleichzeitig, dass auch die Rahmenbedingungen stimmen müssen. Wir starteten mit einem kurzfristigen Engpass. Die Tagesverantwortung reagierte, der Pflegepool unterstützte uns und die Situation stabilisierte sich.

Genau solche Strukturen braucht gute Pflege.

Die Institution trägt Verantwortung für angemessene personelle und organisatorische Bedingungen.

Wir Pflegenden tragen Verantwortung dafür, Bedürfnisse ernst zu nehmen, hinter Wünsche zu schauen, Prioritäten fachlich zu setzen, diese verständlich zu kommunizieren und unsere eigene Einschätzung immer wieder zu überprüfen.

Patient:innen dürfen eine kompetente, respektvolle, sichere und menschliche Versorgung erwarten. Gleichzeitig gehört für mich auch ihre Eigenverantwortung zur Partnerschaft: vorhandene Fähigkeiten einzusetzen und anzuerkennen, dass Dringlichkeit und pflegerischer Bedarf bestimmen können, wann Unterstützung erfolgt.

Vielleicht sollten wir deshalb bereits früh im Spitalaufenthalt deutlicher darüber sprechen, wie Pflege funktioniert.

Eine Klingel wird wahrgenommen, auch wenn eine andere Situation gerade Vorrang hat.

Ein Wunsch wird gehört, auch wenn seine Erfüllung warten muss.

Und Selbstständigkeit bedeutet im Spital weiterhin, das selbst zu tun, was die eigene Situation erlaubt.

Für meinen Pflegealltag bleiben deshalb drei einfache Sätze:

«Was brauchen Sie?»

«Was können Sie selbst übernehmen und wobei brauchen Sie meine Unterstützung?»

Und manchmal:

«Ich habe Ihren Wunsch gehört. Ich komme zu Ihnen, sobald es die Situation erlaubt.»

Für mich liegt darin der Kern patientenzentrierter Pflege: Bedürfnisse wahrnehmen, Ressourcen fördern, Prioritäten verantworten und Grenzen transparent machen.

Vor Kurzem bin ich auf ein Video gestossen, das die Wahl zwischen Tag- und Nachtdienst in der Pflege mit einer toxischen Beziehung vergleicht. Auf der einen Seite der Nachtdienst: weniger Führungspersonen, weniger Angehörige, mehr Ruhe, dafür ein zerstörter Schlafrhythmus. Auf der anderen Seite der Tagdienst: Ärzte, Visiten, Angehörige, Telefonate und ständig jemand, der etwas von einem möchte.

Ich musste schmunzeln. Vieles daran erkennt man sofort wieder. Gleichzeitig dachte ich: So einfach ist es eben auch wieder nicht.

Frühdienst ,Spätdienst und Nachtdienst sind für mich tatsächlich zwei verschiedene Welten der Pflege.


Ich bin ein Frühdienst-Mensch


Wenn ich wählen kann, nehme ich den Frühdienst. Das hat zuerst einmal wenig mit Pflege und viel mit meinem eigenen Rhythmus zu tun. Ich stehe gerne früh auf. Ich kann vor der Arbeit meinen Sport machen, gehe arbeiten und habe am Abend noch etwas vom Tag. Ich kann Zeit mit meinen Kindern verbringen, Freunde treffen, an einer Sitzung oder einem gesellschaftlichen Anlass teilnehmen oder auch wann es sehr selten vorkommt einfach zu Hause sein.

Der Frühdienst entspricht meinem natürlichen Rhythmus.

Beim Spätdienst gerät dieser Rhythmus durcheinander alter lasst sich grüssen. Ich schlafe später, stehe trotzdem häufig früh auf und merke irgendwann, dass mir Energie fehlt. Auch Sport und Essen verschieben sich. Nach mehreren Spätdiensten fühle ich mich weniger produktiv.

Schlaf ist für mich deshalb ein entscheidender Faktor. Die zusätzliche Ruhe und Autonomie eines Nacht- oder Spätdienstes wiegt für mich den Preis eines verschobenen Schlafrhythmus kaum auf.

Doch es gibt noch einen anderen Grund, weshalb ich den Frühdienst bevorzuge.


Wenn das ganze Spital wach ist


In manchen Darstellungen über Pflege klingt es fast so, als seien Ärzte, Angehörige, Physiotherapie, Visiten und Telefonate vor allem Störungen.

Ich erlebe das anders.

Ich mag es, wenn das System läuft.

Wenn ich eine ärztliche Verordnung brauche, ist jemand erreichbar. Wenn eine Frage zur weiteren Behandlung auftaucht, kann sie direkt geklärt werden. Physiotherapie und andere Fachpersonen sind im Haus. Angehörige kommen und bringen Informationen mit, die für unsere Betreuung wichtig sein können. Untersuchungen werden organisiert, Entscheidungen getroffen und die nächsten Schritte geplant.

Natürlich bedeutet das auch Koordination, Dokumentation, Telefonate und Unterbrechungen. Doch genau diese Zusammenarbeit gehört für mich zur Pflege.

Ich möchte den Patienten gemeinsam mit anderen betreuen. Pflege findet für mich mitten in diesem Netzwerk statt.

Deshalb fühle ich mich im Frühdienst am stärksten als Pflegefachmann. Das mag paradox klingen, weil gerade dort besonders viel organisiert und koordiniert werden muss. Für mich gehört genau das zur professionellen Pflege.

Und trotzdem bleibt immer etwas liegen

Eine Sache beschäftigt mich beim Frühdienst regelmässig: die Übergabe von Aufgaben an den Spätdienst.

Manchmal kommt eine Verordnung spät. Eine Behandlung muss noch durchgeführt werden. Eine Information kommt kurz vor Schichtende. Dann gebe ich die Aufgabe an meine Kolleginnen und Kollegen weiter.

Das ist völlig normal. Wir arbeiten als Team und die Pflege läuft 24 Stunden am Tag. Im Spätdienst übernehme ich genauso Aufgaben aus dem Frühdienst.

Trotzdem bleibt manchmal dieses Gefühl:


Ich bin gegangen, bevor meine Arbeit fertig war.


Dabei liegt genau darin eine besondere Wahrheit unseres Berufes: Unsere Arbeit ist eigentlich nie fertig.

Solange ein Patient im Spital liegt, geht seine Geschichte weiter. Ich übernehme ihn am Morgen von einer Kollegin oder einem Kollegen. Einige Stunden später gebe ich ihn weiter. Danach übernimmt die Nachtwache. Am nächsten Morgen beginnt der Kreislauf erneut.

Erst wenn ein Patient nach Hause geht oder stirbt, endet diese Form unserer gemeinsamen Begleitung.

Vielleicht müssen wir deshalb in der Pflege auch lernen, Verantwortung weiterzugeben. Eine gute Übergabe bedeutet kein unfertiges Arbeiten. Sie bedeutet, dass jemand anderes die Verantwortung übernimmt und die Geschichte weiterträgt.


Wenn es am Abend ruhiger wird


Und dann kommt der Spätdienst. Irgendwann wird es ruhiger auf der Station. Viele Untersuchungen sind vorbei. Die meisten Visiten sind abgeschlossen. Angehörige gehen nach Hause. Der Betrieb verändert seinen Rhythmus.

Auch die Patienten verändern sich.

Ich habe über die Jahre gemerkt, dass gerade am Abend Gespräche entstehen, die tagsüber kaum stattfinden.

Vielleicht liegt es daran, dass weniger Menschen ins Zimmer kommen. Vielleicht daran, dass der Tag langsam zu Ende geht. Vielleicht auch daran, dass man einen Patienten mehrere Abende hintereinander betreut und sich dadurch Vertrauen entwickelt.

Man hilft jemandem beim Waschen. Man unterstützt ihn beim Aufstehen. Man begleitet ihn ins Bett. Man erlebt einen Menschen in einem Moment grosser Verletzlichkeit.

Und plötzlich beginnt jemand zu erzählen.

Über die Familie. Über die Angst. Über das, was zu Hause wartet. Über die Hoffnung, wieder gesund zu werden.

Oder über Dinge, die bisher kaum jemand erfahren hat.

Ich habe in Spätdiensten viele solcher Gespräche erlebt. Manchmal erfahre ich innerhalb einer Stunde mehr über einen Menschen als während mehrerer hektischer Begegnungen am Tag.

Diese Nähe gehört für mich zu den besonderen Seiten der Pflege.

Sie hat gleichzeitig eine Grenze. Als Pflegefachmann muss ich spüren, wie weit ein Gespräch gehen soll und welche Informationen für die Betreuung wichtig sind. Patienten vertrauen uns manchmal sehr persönliche Dinge an. Dieses Vertrauen verlangt Professionalität.


Zwei Welten, derselbe Patient


Darum überzeugt mich die einfache Vorstellung wenig, dass der Tagdienst stressig und der Nachtdienst angenehm sei.

Beide Dienste haben ihren eigenen Charakter.

Am Tag sehe ich die Stärke eines funktionierenden Systems. Verschiedene Berufsgruppen bringen ihre Perspektiven ein. Entscheidungen können schnell getroffen werden. Diagnostik, Therapie, Pflege und Angehörige greifen ineinander.

Am Abend entsteht dafür häufig etwas anderes: Zeit und Nähe.

Dann wird aus dem Patienten in Zimmer 24 plötzlich wieder stärker der Mensch mit seiner Geschichte, seiner Familie, seinen Ängsten und seinen Hoffnungen.

Für mich persönlich bleibt der Frühdienst meine erste Wahl. Mein Körper funktioniert besser in diesem Rhythmus. Mein Privatleben funktioniert besser. Und auch beruflich mag ich die Dynamik, wenn das ganze Spital wach ist.

Trotzdem würde ich auf die Erfahrungen aus den Spätdiensten kaum verzichten wollen.

Denn manchmal zeigt sich Pflege genau dann von einer anderen Seite.

Wenn die Visite vorbei ist. Wenn die Angehörigen gegangen sind. Wenn der Gang langsam ruhiger wird. Wenn man sich für einen Moment ans Bett setzt.

Und der Patient plötzlich sagt:

„Darf ich Ihnen noch etwas erzählen?“

BLEIBE AUF DEM LAUFENDEN
spende
glp
  • Whatsapp
  • Linkedin
  • Instagram
  • Facebook
  • X
  • TikTok
bottom of page