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Es gibt Momente, in denen Schweigen schützt, Raum schafft und bewusst gewählt wird. Doch das Schweigen, das viele Pflegefachpersonen derzeit erleben, ist ein anderes. Es entsteht aus Routine, aus institutionellen Abläufen und aus dem Gefühl, dass komplexe Herausforderungen „einfach dazugehören“. Für die Pflege in der Schweiz ist jetzt jedoch nicht die Zeit für dieses Schweigen.

Pflegeberufe stehen täglich vor Aufgaben, die hohe Fachlichkeit, Verantwortung und Präsenz verlangen. Gleichzeitig sind die Rahmenbedingungen, die diese Arbeit ermöglichen sollten, keine Selbstverständlichkeit. Verlässliche Personalausstattung, sichere Arbeitsumgebungen, klare Abläufe und angemessene Ressourcen sind nicht garantiert, auch in der Schweiz nicht.


Dauerbelastung ist strukturell, nicht individuell


In vielen Spitälern und Pflegeinstitutionen sind Personalmangel und Überlastung längst kein Ausnahmezustand mehr, sondern Alltag. Die Folgen sind konkret und spürbar. Für pflegerische Beziehung, Krisenbegleitung, Angehörigenarbeit und vorausschauende Symptomkontrolle fehlt Zeit. Besonders in hochkomplexen Bereichen wie der Onkologie, bei Chemotherapien, raschen klinischen Verschlechterungen oder in Isolationssituationen braucht es Präsenz, saubere Abläufe und Verlässlichkeit. Fehlen diese Ressourcen, steigen Fehlerrisiken, die Versorgungsqualität sinkt und der Beruf verliert weiter an Attraktivität. Das ist kein individuelles Problem einzelner Teams, sondern ein strukturelles.

Pflege gehört zu den vertrauenswürdigsten Berufen in der Schweiz. Dieses Vertrauen ist kein Schmuckstück, es ist Verantwortung. Pflege ist nie unpolitisch. Arbeitszeiten, Personalschlüssel, Finanzierung, Zuschläge, Ausbildungsverantwortung und Versorgungssicherheit sind politische Entscheide. Wer sich nicht einbringt, überlässt diese Entscheide anderen, mit direkten Folgen für Patientinnen, Patienten und Fachpersonen.


Entscheidungen über Pflege ohne Pflege


Ein Blick in die politischen Gremien zeigt, wo das Problem liegt. In der Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit des Nationalrats, also genau jenem Gremium, das über zentrale Fragen zur Pflegeinitiative, zu Arbeitszeiten und zu Rahmenbedingungen berät, sitzt nur eine einzige aktiv praktizierende Pflegefachperson. Eine Stimme in einem Raum voller Juristen, Ökonomen, Verbandsvertreter und Parteipolitiker. Diese Stimme geht unter, nicht weil sie falsch liegt, sondern weil sie zahlenmässig unterlegen ist. Die Zusammensetzung dieser Kommission ist öffentlich/ hier einsehbar:

Solange Pflege dort kaum vertreten ist, werden Entscheide über Pflege ohne Pflege gefällt.

Dabei hat die Bevölkerung der Schweiz mit klarer Mehrheit Ja zur Pflegeinitiative gesagt. Nicht zu Symbolpolitik. Nicht zu Abschwächungen. Sondern zu Entlastung, zu besseren Arbeitsbedingungen und zu Patientensicherheit. Dieser Volksentscheid verpflichtet. Und er gibt Pflegefachpersonen ein klares demokratisches Mandat, sich einzumischen.

Pflegefachpersonen sollten deshalb aktiv auf ihre gewählten Vertreterinnen und Vertreter zugehen, auf kommunaler, kantonaler und nationaler Ebene, und sie daran erinnern, wofür sie gewählt wurden und wofür die Bevölkerung abgestimmt hat. Demokratie endet nicht an der Urne. Sie beginnt dort.


Pflege gehört in die Politik


Gleichzeitig reicht es nicht, nur Briefe zu schreiben oder Stellungnahmen zu verfassen. Das ist wichtig, aber nicht ausreichend. Pflege muss selbst in die Politik. In Gemeinderäte, kantonale Parlamente, nationale Kommissionen und in den Nationalrat. Nicht irgendwann, sondern jetzt. Nicht weil Pflege moralisch überlegen wäre, sondern weil Alltagserfahrung aus der Versorgung in politische Prozesse gehört.


Aktiv sein heisst Verantwortung übernehmen


Aktiv zu sein bedeutet nicht, laut zu sein. Es bedeutet, informiert zu sein, sich zu organisieren und Verantwortung nicht abzugeben. In der Schweiz stehen dafür starke demokratische Instrumente zur Verfügung: direkte Kontakte zu Parlamentarierinnen und Parlamentariern, Vernehmlassungen, Berufsverbände, betriebliche Mitwirkung, Wahlen und Abstimmungen.

Nicht mitzuwirken bedeutet nicht Neutralität. Es bedeutet, den eigenen Einfluss abzugeben. Pflege braucht keine weiteren Durchhalteparolen. Pflege braucht politische Präsenz. Jetzt.


„Ich will nicht, dass mein Sohn weiss, dass ich Krebs habe.“

Dieser Satz einer Patientin ist mir geblieben. Weil er so menschlich ist. Und weil er sofort die Fragen aufwirft, die Eltern selten laut aussprechen:Was denkt ein Kind, wenn es merkt, dass der Vater im Spital ist und niemand erklärt, warum? Kommt er rechtzeitig zurück für den nächsten Turnerabend? Gibt es die abendlichen „Männer-Spaziergänge“ nach dem Essen noch, oder hören sie einfach auf, ohne Erklärung?


Die stille Last des Schweigens

Viele Eltern mit Krebs fürchten, ihre Kinder mit der Wahrheit zu verletzen oder ihre Schulleistung zu beeinträchtigen. Auf den ersten Blick wirkt dieser Schutzinstinkt liebevoll. In der Realität erlebe ich in der Onkologie jedoch immer wieder: Schweigen ist oft schwerer zu tragen als ehrliche Worte.

Kinder spüren, dass etwas nicht stimmt. Sie merken Müdigkeit, Anspannung, einen veränderten Alltag, flüsternde Telefonate, abgesagte Termine, eine andere Stimmung zu Hause. Und wenn niemand spricht, füllen sie die Lücken selbst. Mit Fantasie. Mit Angst. Mit Szenarien, die häufig schlimmer sind als die Wirklichkeit.

Heute kommt etwas Entscheidendes dazu: Wir leben in einer digitalen Welt. Ein elfjähriges Kind greift zum Handy, fragt Siri, warum Papa im Spital ist, tippt den Namen eines Medikaments ein oder fragt eine KI, wofür „diese Tabletten“ sind. Und bekommt eine Antwort. Direkt. Ungefiltert. Ohne Kontext. Ohne Wärme.

Dann passiert etwas, das niemand will: Das Internet wird „ehrlicher“ als die Eltern. Und Vertrauen nimmt Schaden, obwohl man doch eigentlich schützen wollte.


Ein Anruf, der alles zurechtrückt

Ich habe einmal mit einem Vater gesprochen, der panische Angst hatte, seinen Kindern die Diagnose zu sagen. Er erwartete Tränen, Schock, Chaos. In seinem Kopf übte er medizinische Erklärungen, überlegte sich Prognosen, suchte nach perfekten Formulierungen.

Dann rief seine Tochter an.

Sie fragte nicht nach der Krankheit.Sie fragte nicht nach der Prognose.Sie stellte eine einzige, praktische Frage:

„Bisch du am Fritig dihei? Ich han e Aalass. Mami isch au det. Wer luegt denn nach minere chliine Schwester?“

Dieser Anruf ist eine Realitätsprüfung.

Kinder denken selten in Diagnosen. Sie leben im Alltag. Ihre grösste Angst ist oft nicht das Wort „Krebs“, sondern das Gefühl, dass die Struktur wegbricht, auf die sie sich verlassen. Und genau hier überkomplizieren viele Eltern, und ehrlich gesagt auch Fachpersonen, die Situation.

Wir grübeln zu viel über: „Wie sieht mich mein Kind, wenn es das weiss?“Und zu wenig über: „Was braucht mein Kind, damit es sich diese Woche sicher fühlt?“


Der Mythos: „Wenn ich nichts sage, behalte ich die Kontrolle“

Viele Eltern vermeiden das Gespräch, weil sie glauben, Schweigen kaufe Zeit. In Wirklichkeit kauft Schweigen ein anderes Ergebnis:

  • Kinder spüren Angst, verstehen sie aber nicht.

  • Sie merken Geheimnisse und lernen: besser nicht fragen.

  • Sie füllen Lücken mit Fantasie.

  • Sie geben sich selbst die Schuld.

  • Sie werden überwachsam, ziehen sich zurück oder wirken „schwierig“.

  • Die Schulleistung kann sinken, nicht weil sie die Wahrheit kennen, sondern weil der Boden wackelt, ohne Erklärung.

Gute familienbezogene Empfehlungen betonen deshalb immer wieder: Offene Kommunikation, wiederholte Updates und klare, einfache Sprache helfen Kindern oft besser als vage Ausflüchte oder beschwichtigende Halbsätze.


Ein Koffer voller Worte: der „Kinderkoffer“ in Aarau

Während meiner Zeit am Kantonsspital Aarau (KSA) bin ich einer Idee begegnet, die ich bis heute für genial halte: dem Kinderkoffer für krebserkrankte Eltern. Dieser „Koffer“ enthält altersgerechte Informationen für Kinder, deren Mutter oder Vater an Krebs erkrankt ist. Und er macht etwas, das zugleich schlicht und tief ist: Er gibt Familien Worte.

Die Materialien sind so gestaltet, dass sie zu verschiedenen Altersstufen passen, von kleinen Kindern bis zu Teenagern. Eltern müssen nicht aus Angst improvisieren. Sie bekommen Struktur, Sprache, eine Brücke.

Und diese Brücke ist besonders wichtig bei Krankheitsverläufen, die nicht linear sind: hämatologische Krebserkrankungen, metastasierte Situationen, lange Behandlungsphasen, Komplikationen, wiederholte Hospitalisationen, Rückschläge, Remissionen, Infekte, Unsicherheit.

Das ist oft nicht „Diagnose, Tumor raus, sechs Monate Therapie, fertig“. Eine Leukämie zum Beispiel kann ein langer Weg sein. Mit Hochs und Tiefs. Mit Spitalaufenthalten, Isolation, Antibiotika, Bluttransfusionen, Erschöpfung, Angst und der ständigen Frage: Was kommt als Nächstes?

Der Körper ist betroffen. Der Kopf auch. Und der ganze Familienalltag fährt auf dieser Achterbahn mit.

Und genau deshalb brauchen Kinder Orientierung. Nicht alles. Doch genug, um nicht verloren zu gehen.


Warum Kinder es wissen müssen

Auf der Station höre ich immer wieder ähnliche Sätze:

„Sie sind noch zu klein, das verstehen sie nicht.“„Das bringt sie in der Schule durcheinander.“„Dann haben sie nur noch mehr Angst.“

Ich verstehe diese Gedanken. Und gleichzeitig sehe ich das andere Bild: Wenn Kinder merken, dass etwas Grosses im Raum steht, aber niemand erklärt, was es ist, entsteht ein gefährlicher Zwischenraum zwischen Gefühl und Information. In diesem Zwischenraum wachsen Schuldgefühle und Angst.

Kinder stellen sich Fragen, die sie oft nicht laut aussprechen:

  • Habe ich etwas falsch gemacht?

  • Ist das ansteckend?

  • Kommt Mama oder Papa wieder nach Hause?

  • Wird mir etwas verschwiegen, weil es zu schlimm ist?

Ehrlichkeit heisst nicht, die medizinische Wahrheit ungefiltert abzuladen. Ehrlichkeit heisst: kindergerecht erklären, ohne zu beschönigen. Und vor allem: den Kindern zwei Entlastungssätze geben, die unglaublich viel Druck wegnehmen:


Du hast das nicht verursacht.

Du kannst dich nicht anstecken.


Dann kommt das, was Kinder wirklich stabilisiert: Alltag. Was verändert sich. Was bleibt gleich. Wer bringt mich zur Schule. Wer kocht. Wer holt mich ab. Was passiert, wenn Mama müde ist. Was ist Plan A und was ist Plan B.


Die Rolle des sozialen Netzes: hier entscheidet sich, ob eine Familie trägt oder bricht

Krebs betrifft nie nur eine Person. Krebs greift in ein ganzes soziales Netz. Und gerade bei langen, intensiven Behandlungen wie bei Leukämie ist dieses Netz nicht „nice to have“. Es ist Infrastruktur. Es ist Stabilität. Es ist der Unterschied zwischen Durchhalten und Zusammenbrechen.

Ganz konkret:

  • Grosseltern, die Schulwege übernehmen, wenn ein Chemo-Tag alles frisst

  • Nachbarn, die eine Mahlzeit bringen, ohne dass man sich erklären muss

  • Lehrpersonen, die verstehen, warum ein Kind plötzlich unkonzentriert ist, statt es zu bestrafen

  • Trainerinnen und Trainer, die Routine und Normalität halten

  • Freundeseltern, die Schlafbesuche möglich machen, wenn zu Hause die Luft dünn wird

  • Kolleginnen und Kollegen, die nicht „alles wissen“ müssen, aber genug, um Rücksicht und Unterstützung zu ermöglichen

Wenn die Diagnose geheim bleibt, bleibt dieses Netz oft ungenutzt. Menschen spüren zwar, dass etwas ist, doch sie trauen sich nicht zu helfen. Lehrpersonen interpretieren Verhalten und Leistung falsch. Freunde raten. Verwandte warten auf „ein offizielles Zeichen“. Und die Familie trägt eine Last alleine, die nie für „alleine“ gedacht war.

Offenheit bedeutet nicht, alles jedem zu erzählen. Offenheit bedeutet: den richtigen Menschen genug zu sagen, damit Unterstützung möglich wird. Sobald eine Familie sagen kann: „Wir sind in einer schwierigen Phase, und das brauchen wir“, beginnt das System zu funktionieren.

Das ist keine Schwäche. Das ist Führung.


Mit Kindern sprechen: ehrlich, aber kindergerecht

Wie spricht man über etwas so Grosses wie Krebs, ohne ein Kind zu überfordern?

Jüngere KinderKurze Sätze. Ein Thema pro Gespräch. Wiederholen. Nähe geben.Beispiel: „Mama ist krank. Die Ärzte helfen. Die Medizin macht müde. Du bist sicher.“

PrimarschulalterKonkreter: Name der Krankheit, Behandlung, und vor allem: was bedeutet das im Alltag?Beispiel: „Ich habe Krebs im Blut. Die Behandlung heisst Chemotherapie. An diesen Tagen bin ich im Spital. Dann holt dich die Tante ab.“

JugendlicheDirekt. Respektvoll. Mit Raum für Rückzug. Mit Einbezug in Planung, ohne sie zum zweiten Elternteil zu machen.Beispiel: „Das ist der Plan für die nächsten Wochen. Ich sage dir, was wir wissen. Und ich sage dir auch, was wir noch nicht wissen.“

Für alle Altersgruppen gilt: Es braucht nicht das perfekte „eine Gespräch“. Es braucht eine offene Tür. Eine Gesprächskultur. Ein klares: „Du darfst jederzeit fragen.“

Eltern müssen nicht jede Antwort haben. Es reicht zu sagen: „Ich weiss es noch nicht, wir erfahren es Schritt für Schritt.“ Oder: „Wir können den Arzt zusammen fragen.“


Wenn der Weg vielleicht terminal wird

Es gibt Situationen, in denen Heilung nicht mehr möglich ist. Für Eltern ist das unvorstellbar schmerzhaft. Und trotzdem schützt Vermeidung auch hier selten.

Viele Krebszentren und psychoonkologische Angebote unterstützen Familien mit altersgerechten Materialien, begleiteten Gesprächen und Erinnerungsprojekten: Briefe, Audioaufnahmen, Geschichten, Botschaften für später. Dinge, die Kindern Halt geben können, wenn das Unvorstellbare passiert.

Über Sterben mit Kindern zu sprechen ist eine der schwersten Aufgaben. Wenn es ruhig, liebevoll und wahrhaftig geschieht, kann es ein letzter Akt tiefer Fürsorge sein: dem Kind eine sichere Basis zu bleiben, selbst in einer Zeit des Verlusts.


Ein Schlussgedanke für Eltern und Fachpersonen

Als Fachpersonen sollen wir niemanden zu Offenheit zwingen. Und dennoch haben wir eine Verantwortung, den Glaubenssatz zu hinterfragen: „Nicht wissen ist besser.“

In einer Welt, in der jedes Smartphone harte Fakten in Sekunden liefert, ist der beste Schutz nicht Schweigen. Der beste Schutz ist Wahrheit, gehalten in Beziehung: in Liebe, in Routine, in Verlässlichkeit und in einem sozialen Netz, das wirklich trägt.


Jedes Jahr beginnt mit Wünschen

Jedes Jahr beginnt mit Wünschen. Man schreibt sie in Nachrichten, man nimmt sich Dinge vor, man macht Pläne. Bei mir beginnt ein Jahr oft anders. Nicht mit einem grossen Vorsatz, sondern mit Momenten, die hängen bleiben. Mit Gesprächen, die nachklingen. Mit Sätzen, die man nicht mehr loswird. Und mit dieser stillen Frage: Was mache ich eigentlich mit meiner eigenen Zeit?


Was ich aus 2025 mitnehme

Wenn ich auf 2025 zurückblicke, bleiben mir viele Begegnungen. Ich nehme Teile davon mit nach Hause: Schmerzen, Hoffnungen, kurze Lacher, stille Angst, ein Blick, der mehr sagt als jeder Satz. Nicht in meinen Händen, sondern in meinem Kopf. Und ich merke: Einige dieser Begegnungen haben nicht nur meinen Alltag geprägt. Sie haben verändert, wie ich in 2026 hineingehe.


Eine Frau, ein Wunsch und ein Spiegel

Früh im Jahr war da eine Frau, an die ich oft denke. Die Situation war schwer, die Realität klar. Und trotzdem war sie wach, freundlich, lebendig. So eine Person, bei der man nach wenigen Minuten spürt: Hier sitzt ein ganzer Mensch, nicht nur eine Diagnose. Wir redeten über Alltägliches, und irgendwann über das Jahr. Ich fragte sie eher nebenbei, ob etwas Besonderes ansteht, ein runder Geburtstag, eine Reise, ein Fest. Da füllten sich ihre Augen. Sie entschuldigte sich fürs Weinen, und im Zimmer wurde es still. Diese Stille, die man nicht füllen kann und auch nicht füllen sollte.

Ich liess ihr Zeit. Und als sie wieder Luft hatte, fragte ich anders. Nicht, um sie wegzuziehen von der Realität, sondern um ihr Raum zu geben: Wenn alles perfekt laufen würde, was würdest du dann machen?

Sie sagte, sie würde auf eine Insel reisen, die sie schon lange sehen wollte. Kein grosses Drama, keine Show. Einfach ein Wunsch, leise ausgesprochen, und gerade darum so stark. Wir hatten danach einen erstaunlich guten Tag. Mit kleinen Momenten, die leicht waren. Ein paar Lacher. Ein paar ehrliche Sätze. Und dieses Gefühl, dass Leben auch dann passiert, wenn der Horizont enger wird.

Als ich nach Hause ging, kam eine unbequeme Frage hoch: Was schiebe ich in meinem eigenen Leben ständig auf, obwohl es mir wichtig ist? Ich bin gut darin, mir gute Gründe zu geben. Die klingen sogar verantwortungsvoll: Die Kinder sollen noch etwas älter sein. Der Zeitpunkt muss passen. Wenn es bei der Arbeit ruhiger ist. Vielleicht verbunden mit dem New York Marathon. Vielleicht später, mit mehr Planung. Und plötzlich wird aus „später“ einfach „nie“.

Diese Frau hat mir keinen Plan gegeben. Sie hat mir einen Spiegel hingehalten. Ich dachte an meinen Bruder in den USA, der seit Jahren dort lebt. Ich dachte daran, wie oft ich gesagt hatte: „Irgendwann komme ich.“ Als wäre Zeit selbstverständlich. Und da wurde mir klar: Wenn ich auf den perfekten Moment warte, warte ich ewig. Also habe ich aufgehört zu verhandeln. Ich habe den Flug gebucht. Ich bin gegangen. Ich habe ihn besucht. Diese Entscheidung entstand nicht am Schreibtisch. Sie entstand in einem Spitalzimmer.


Wenn niemand kommt

Später im Jahr kam eine andere Art von Lektion. Nicht als einzelne Szene, sondern als Muster. Es gab Menschen, die starben, ohne echte Verbindungen. Nicht „wenig Besuch“, sondern gar niemand. Keine Kontaktpersonen. Keine Telefonnummern. Niemand ruft an. Niemand kommt. Nur Leere um ein Leben, das Jahrzehnte gedauert hat.

Einmal starb ein Mann, etwa 45. In unserem Umfeld ist das jung. Zu jung. Der Einzige, der ab und zu auftauchte, war ein Nachbar. An dem Tag, als der Patient gestorben war, kam der Nachbar am Nachmittag vorbei. Ich musste ihm sagen, dass er tot ist, und fragte, ob er ihn noch sehen möchte. Er sagte nein, drehte sich um und ging. Einfach so.

Ich kann mit Tod umgehen. Das ist Teil meines Berufs. Was mich getroffen hat, war die Einsamkeit darum herum. Die Vorstellung, dass jemand über 40 Jahre lebt und am Ende niemand da ist, um sich zu verabschieden. Wir begleiteten ihn zur Aufbahrung. Wir waren die letzten Menschen, die neben ihm gingen. Ich erinnere mich, dass ich innerlich etwas sagte wie: Ruhe sanft, geh gut. Und gleichzeitig dachte ich: Das darf doch nicht alles sein.

Diese Situationen haben mich zu einer ehrlichen Frage gezwungen: Wie sieht mein eigenes Netz aus? Und bin ich selbst ein Mensch, der für andere Teil dieses Netzes ist?


Sozialkapital ist ein echtes Netz

Sozialkapital ist kein Modewort. Es ist nicht „Networking“. Es ist das menschliche Fundament: Beziehungen, die tragen. Menschen, die man anrufen kann. Menschen, die einen anrufen. Vertrauen, Verlässlichkeit, gegenseitige Präsenz. Es geht nicht darum, viele Kontakte zu haben. Es geht darum, dass jemand kommt, wenn es ernst wird. Und es geht genauso darum, ob ich selbst komme.


Ein Satz, der nachwirkt

Dann gab es noch einen Mann, Anfang siebzig, voller Lebensfreude, ohne naiv zu sein. Man merkte: Er hat viel gesehen, und trotzdem hat er sich für Leichtigkeit entschieden. Er sprach ruhig, klar, ohne etwas beweisen zu wollen. Er sagte sinngemäss: Viele Menschen warten zu lange. Sie halten sich zurück, obwohl sie wissen, dass sie mehr könnten. Sie warten, bis sie sich „bereit“ fühlen. Und genau dadurch verschieben sie das, was ihnen eigentlich wichtig wäre.

Das blieb bei mir hängen, weil ich in einem anderen Bereich meines Lebens ebenfalls vor einer Entscheidung stand. Politik fordert Zeit, Geduld, Nerven. Und sie fordert, dass man bereit ist, öffentlich bewertet zu werden. Mir war klar: Wenn ich es wieder mache, dann richtig. Mit Klarheit. Mit Einsatz. Nicht halb drin, halb draussen.

Also bin ich wieder angetreten für den Gemeinderat. Und ich wurde gewählt.


Gemeinderat: Vertrauen ist ein Auftrag

Das war für mich nicht einfach ein Wahlergebnis. Es ist ein Auftrag. Vertrauen, das ich mir nicht nur abholen darf, sondern jeden Tag verdienen muss. Und es hat mich daran erinnert: Menschen wählen nicht nur Programme. Sie wählen Verlässlichkeit. Sie wählen, ob sie glauben, dass du da bist, wenn es zählt.


Was ich mir für 2026 wünsche

Was wünsche ich mir für 2026? Keine Perfektion. Kein Jahr ohne harte Momente. Ich wünsche mir ein Jahr, in dem ich zuerst Mensch bin. In dem ich meine Energie schütze, damit ich präsent bleiben kann, bei den Menschen um mich herum und bei denen, die mir wichtig sind. Ich wünsche mir, dass ich Beziehungen bewusst pflege: mehr melden, mehr Dankbarkeit, mehr Verbindlichkeit, weniger „wir müssten mal“. Und ich will das Vertrauen aus der Wahl ernst nehmen und die Arbeit im Ressort Bildung so machen, wie sie es verdient: mit Einsatz, mit Zuhören, mit Entscheidungen, die langfristig tragen.

Und ja, ich hoffe auch auf mehr gute Nachrichten. Mehr Erleichterung. Mehr Momente, in denen Familien aufatmen können. Mehr Geschichten, die besser ausgehen. Und wenn das nicht möglich ist, dann hoffe ich auf Würde, auf so wenig Leid wie möglich und auf Liebe, die auftaucht, wenn sie gebraucht wird. Auch das ist Erfolg.


Meine Frage an dich

Das ist mein Start ins Jahr. Keine Liste von Vorsätzen, sondern Lektionen, die ich nicht aus einem Buch habe. Ich habe sie von Menschen gelernt, die gezwungen waren, schnell zu entscheiden, was wirklich zählt.

Was nimmst du aus 2025 mit, das du in 2026 nicht vergessen willst?

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