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Letzten Monat betreute ich eine Patientin, die für einen geplanten Eingriff ins Spital kommen sollte. Vor dem Eingriff brauchten wir einen aktuellen Laborwert aus ihrer Hausarztpraxis.

Die Untersuchung war erfolgt. Das Resultat lag vor. Bei uns im Spital war es noch nicht angekommen.

Die Patientin wartete zu Hause auf unseren Anruf. Wir warteten auf den Laborbefund. Der Eingriff verzögerte sich. Am folgenden Tag rief die Patientin selbst an und fragte, ob sie nun kommen solle. Erst dann kontaktierten wir die Hausarztpraxis, erhielten das Resultat und konnten sie einbestellen.


Zu dieser Geschichte gehört auch unsere eigene Verantwortung: Wir hätten früher bei der Praxis nachfragen müssen. Das E-GD ersetzt diese Verantwortung nicht. Es ersetzt jedoch den unsicheren Übermittlungsweg. Sobald die Praxis oder das Labor ein validiertes Resultat freigibt, soll es im Dossier erscheinen und für das Behandlungsteam verfügbar sein.

Für die Patientin bedeutete diese Situation einen Tag voller Unsicherheit. Für uns im Spital entstanden zusätzliche Telefonate, Abklärungen und organisatorischer Aufwand. Die entscheidende Information existierte bereits. Sie befand sich am falschen Ort.

Das Problem war ein unterbrochener Informationsfluss.


Solche Situationen gehören zum Alltag im Gesundheitswesen. Menschen kommen für eine Kontrolle ins Spital und bleiben aufgrund ihrer Blutwerte plötzlich stationär. Andere werden aus einem Pflegeheim, einer Rehabilitation oder durch die Spitex zugewiesen. Viele haben ihren Medikamentenplan, ihre Wunddokumentation oder wichtige Berichte zu Hause. Einige können selbst Auskunft geben. Andere sind erschöpft, verwirrt oder kognitiv eingeschränkt.



Dann beginnt unsere Suche.


Wir fragen nach Medikamenten und Allergien. Wir möchten wissen, welche Diagnosen relevant sind, wer die Kontaktperson ist und ob eine Patientenverfügung besteht. Bei einem Katheter brauchen wir das Einlagedatum. Bei einer Wunde brauchen wir Angaben zur bisherigen Behandlung. Bei einem Stoma brauchen wir das verwendete Material. Bei einer Person mit eingeschränkter Mobilität müssen wir wissen, welche Hilfsmittel sie verwendet und wie viel Unterstützung sie beim Transfer benötigt.

Jede fehlende Information kostet Zeit. Oft betrifft sie genau jene Menschen, die ihre Situation selbst nur teilweise erklären können.


Darum unterstütze ich das elektronische Gesundheitsdossier. Für mich ist das E-GD zuerst ein Projekt der Patientensicherheit. Danach ist es ein Projekt der professionellen Pflege. Die Technik trägt diese beiden Aufgaben.

Drei Entscheidungen bestimmen seinen Erfolg:

  1. Gesundheitsfachpersonen und Institutionen erhalten verbindliche Vorgaben für die Erfassung und Aktualisierung relevanter Informationen.

  2. Das E-GD enthält einen nationalen pflegerischen Mindestdatensatz mit klarer Verantwortung für Inhalt und Aktualität.

  3. Datenschutz werden konkret geregelt:


Ein Dossier erhält seinen Wert durch seinen Inhalt


Der Bundesrat hat die Vorlage für das neue E-GD im November 2025 ans Parlament überwiesen. Für Personen mit Wohnsitz in der Schweiz soll das Dossier automatisch und kostenlos eröffnet werden. Wer darauf verzichten möchte, kann widersprechen.

Diese Lösung erreicht auch ältere Menschen, Personen mit Demenz und Bewohnerinnen und Bewohner von Pflegeinstitutionen. Das heutige elektronische Patientendossier erreichte bis September 2025 lediglich 123’559 Eröffnungen. Die automatische Eröffnung schafft eine breitere Grundlage. BAG zum geplanten E-GD

Die Eröffnung allein schafft zuerst einen digitalen Ort. Sein Wert entsteht durch aktuelle und verlässliche Inhalte.

Dafür braucht es klare Zuständigkeiten. Ärztinnen und Ärzte erfassen Diagnosen, Anordnungen und Behandlungsentscheide. Apotheken aktualisieren relevante Abgabeinformationen. Pflegefachpersonen erfassen den pflegerischen Zustand und Veränderungen im Alltag. Jede Berufsgruppe übernimmt Verantwortung für die Informationen aus ihrem Fachbereich.

Auch der Zeitpunkt zählt. Laboratorien und Arztpraxen sollen validierte Routinebefunde unmittelbar nach ihrer Freigabe, spätestens innerhalb von 24 Stunden, ins E-GD übertragen. Medikamentenänderungen werden nach der fachlichen Prüfung eingetragen. Spitäler, Pflegeheime und Spitexorganisationen stellen Austritts- und Übertrittsinformationen beim Wechsel in die nächste Institution bereit.


Beim Übertritt müssen die entscheidenden Angaben verfügbar sein: ein aktueller Medikamentenplan, Allergien, eine Patientenverfügung, die Vertretungsregelung und die zuständige Kontaktperson.

Damit sieht eine Pflegefachperson im Spital bei der Aufnahme, welche Unterstützung ein Patient benötigt. Die Spitex weiss beim Austritt, wie sich seine Mobilität verändert hat. Ein Pflegeheim kann die neue Wundbehandlung vorbereiten. Die Hausärztin erhält die relevanten Ergebnisse des Spitalaufenthalts.

Der Mensch trägt seine Versorgungsgeschichte dadurch weniger allein.


Pflegewissen gehört ins E-GD


Ich denke, wir brauchen einen Weg, wie alle relevanten pflegerischen Informationen sichtbar werden, ohne zusätzliche Dokumentation zu schaffen. Dazu gehören etwa Mobilität, Kognition, Wunden, Risiken und das Versorgungsnetz.

Pflegefachpersonen sollen diese Angaben weiterhin im vertrauten System dokumentieren. Die für die weitere Betreuung wichtigen Informationen fliessen automatisch ins E-GD und stehen der nächsten Institution in verständlicher Form zur Verfügung.

Dabei muss erkennbar sein, woher eine Information stammt und wann sie zuletzt aktualisiert wurde. Beim Übertritt prüft die aufnehmende Pflegefachperson, ob die Angaben weiterhin der aktuellen Situation entsprechen


Sensible Daten brauchen abgestufte Zugänge


Gesundheitsdaten berühren den persönlichsten Bereich eines Menschen. Dazu gehören psychiatrische Diagnosen, HIV, Suchterkrankungen, genetische Befunde, sexuelle Gesundheit und Erfahrungen von Gewalt.

Diese Informationen brauchen einen besonderen Schutz. Gleichzeitig können einzelne Angaben für eine sichere Behandlung entscheidend sein.

Die vollständige Medikamentenliste bleibt innerhalb eines definierten Medikamentensicherheitskreises sichtbar. Dazu gehören behandelnde Ärztinnen und Ärzte, zuständige Pflegefachpersonen sowie Apothekerinnen und Apotheker, die Medikamente verordnen, abgeben, richten, verabreichen oder auf Wechselwirkungen prüfen. Einzelne Medikamente können dabei Rückschlüsse auf eine geschützte Diagnose ermöglichen.

Andere Gesundheitsfachpersonen erhalten jene Informationen und Warnhinweise, die sie für ihre konkrete Aufgabe benötigen. Der Zugriff richtet sich nach der Behandlungsbeziehung und der beruflichen Rolle.

Jeder Zugriff wird protokolliert und bleibt für die Patientin oder den Patienten sichtbar. Bei einem medizinischen Notfall ermöglicht ein zeitlich begrenzter Zugang den Zugriff auf den Sicherheitskern.

Gewalterfahrungen verdienen den höchsten Schutz. Eine angehörige oder bevollmächtigte Person kann selbst Teil der Gefährdung sein. Deshalb braucht dieser Bereich eigene Zugriffs- und Vertretungsregeln. Der Schutz beginnt bereits bei der Frage, wer erkennen kann, dass ein solcher Eintrag existiert.

Patientinnen und Patienten sollen sehen können, wer ihr Dossier geöffnet hat. Sie sollen eigene Dokumente ergänzen, sachliche Fehler melden und ihre Zugriffsrechte verständlich verwalten können.


Vertrauen braucht eine klare gesetzliche Grenze


Das Datenschutzrecht schützt Gesundheitsdaten als besonders schützenswerte Personendaten. Das Berufsgeheimnis schützt Informationen innerhalb der Behandlung. Der EGDG-Entwurf sieht für eine unerlaubte Einsicht oder Speicherung eine Busse bis 100’000 Franken vor.

Eine weitere Regelung braucht die spätere Zweckentfremdung. Das Gesetz sollte auch das Anfordern, Beschaffen und Verwenden von E-GD-Daten oder daraus abgeleiteten Gesundheitsinformationen für Versicherungs- und Beschäftigungsentscheide ausdrücklich erfassen.

Versicherer und Arbeitgeber bleiben damit vom Zugriff und von der Verwendung dieser Daten für ihre Entscheide ausgeschlossen. Forschung erfolgt mit informierter Zustimmung oder mit wirksam anonymisierten Daten.

Vertrauen entsteht durch Transparenz, klare Grenzen und überprüfbare Verantwortung.



Die richtige Information im richtigen Moment


Der Wert des E-GD wird sich künftig im Alltag zeigen: Ein Laborresultat wird nach der Validierung dort verfügbar sein, wo die nächste Entscheidung getroffen wird. Die Patientin wird rechtzeitig Bescheid erhalten, und ihre Behandlung kann vorbereitet werden.

Beim Übertritt aus einem Pflegeheim wird die Pflegefachperson die relevanten Angaben zu Mobilität, Kognition, Wunden und Kontaktpersonen einsehen können. Sie wird daran anknüpfen und die aktuelle Situation selbst beurteilen.

Das E-GD soll Informationen, Institutionen und Gesundheitsfachpersonen miteinander verbinden. Mit klaren Zuständigkeiten, geschützten Zugängen und aktuellen Inhalten kann daraus ein Instrument entstehen, das Patientinnen und Patienten sicher durch das Gesundheitswesen begleitet.

Es ist kurz nach acht, ich stehe mit dem Verlegungsbett auf dem Gang, und die Patientin sieht mich an, als hätte ich ihr eine schlechte Nachricht gebracht.

«Warum komme ich jetzt in ein Einzelzimmer? Ist etwas passiert?»

Für uns steckt hinter so einer Verlegung meistens Organisation: eine Bettenplanung, eine Isolation, ein freier Platz. Für den Menschen im Bett ist es oft etwas ganz anderes. Ein Zimmerwechsel im Spital ist nie nur ein Zimmerwechsel.

Andere erleben denselben Moment umgekehrt. Die Tür geht auf, und ich sehe, wie jemand sich sichtlich entspannt: eigenes Bad, kein Fernseher vom Nachbarbett, kein Schnarchen um drei Uhr morgens. Endlich Ruhe. Endlich Raum für ein Gespräch mit den Angehörigen, ohne dass drei fremde Leute mithören.

Zwei Reaktionen auf dieselbe Tür und zwei Grenzen, die ganz unterschiedlich verlaufen. Im Einzelzimmer ist es die Wand, hinter der ein Mensch mit der Zeit allein bleibt. Im Mehrbettzimmer ist es der Vorhang, der zwar den Blick, aber kaum ein Gespräch aufhält. Beide Grenzen begegnen mir im Alltag ständig. Beide verlangen etwas anderes von uns.


Wenn der ganze Spitalalltag ins Zimmer kommt


Manche Patientinnen und Patienten holen sich ihr Leben trotzdem aus dem Zimmer heraus, auch wenn sie allein liegen. Sie gehen auf dem Gang spazieren, setzen sich in den Aufenthaltsraum, sprechen mit wem auch immer gerade vorbeikommt.

Bei anderen sehe ich das Gegenteil. Sie bleiben, Stunde um Stunde, im selben Bett, im selben Zimmer und ehrlich gesagt: Der Spitalalltag macht es ihnen leicht, genau das zu tun. Das Essen kommt. Die Pflege kommt. Die Visite kommt. Die Medikamente kommen. Der Besuch kommt. Dann geht die Tür wieder zu, und nichts zwingt jemanden, selbst aufzustehen.

Wer geschwächt ist, wer sich draussen unsicher fühlt, wer einfach keine Energie mehr für Eigeninitiative hat, der bleibt weil ihm niemand einen Grund gibt, es anders zu machen.

Im Mehrbettzimmer passiert das von selbst. Jemand steht auf, ein anderer bekommt Besuch, zwei reden übers Mittagessen, jemand erzählt, wie die Untersuchung war. Man hört einfach eine Stimme. Im Einzelzimmer muss dieselbe Begegnung erst gemacht werden, aktiv, von uns, oder es passiert gar nicht.

Ein Einzelzimmer braucht manchmal mehr als eine offene Tür

Wenn mir auffällt, dass jemand seit Stunden nicht draussen war, frage ich mich nicht zuerst nach Schmerzen oder Medikamenten. Ich frage mich: Geniesst dieser Mensch gerade seine Ruhe, oder ist das Zimmer langsam zu seiner ganzen Welt geworden?

Die Antwort ist selten dieselbe. Manche wollen raus, trauen sich aber allein nicht. Anderen fehlt schlicht ein Grund, ein Anlass, eine Einladung. Wieder andere haben so wenig Kraft, dass ihre Welt Schritt für Schritt auf Bett, Sessel und Badezimmer schrumpft, ohne dass es jemandem sofort auffällt und dann reicht manchmal wirklich wenig. Ein Stück gemeinsam über den Gang. Für das Mittagessen aufstehen und sich an den Tisch setzen statt im Bett zu essen. Den Angehörigen beim Besuch vorschlagen, eine kleine Runde zu drehen. Oder einfach: «Kommen Sie, wir gehen mal raus.»

Klingt unspektakulär, ich weiss. Ist es aber nicht. Wer das Zimmer verlässt, sieht etwas anderes als die immer gleiche Zimmerdecke. Begegnet jemandem. Erlebt für ein paar Minuten eine Welt, die nicht aus Bett, Infusionsständer und Visite besteht. Das ist Pflege, auch wenn es in keiner Leistungsziffer auftaucht.


Im Mehrbettzimmer entsteht eine eigene Gemeinschaft


Ob zu zweit, zu dritt oder zu viert: Sobald mehrere Menschen über Tage denselben Raum teilen, entsteht etwas, das wir nicht planen und kaum steuern können. Man redet über die Untersuchung, die Familie, das Essen, die letzte Nacht. Der eine weiss oft schon, worauf der andere gerade wartet. Man muntert sich gegenseitig auf, tauscht Tipps aus, hilft mit Kleinigkeiten.

Auch Stimmungen springen über, das ist mir immer wieder aufgefallen. Ärger über das Essen oder die Abläufe steckt an. Aber genauso Humor, genauso Zuversicht. Ich habe Zimmer erlebt, in denen sich vier fremde Menschen innerhalb weniger Tage gegenseitig durch eine schwere Zeit getragen haben.

Das ist eine der stillen Stärken des Mehrbettzimmers, über die selten gesprochen wird, weil man beim Thema Spitalzimmer fast automatisch zuerst an Nachteile denkt.

Wenn Nähe zu viel wird

Mit jedem zusätzlichen Bett kommt aber auch ein zusätzlicher Rhythmus dazu, der nicht zu den anderen passen muss. Einer schnarcht. Eine will um neun schlafen. Jemand telefoniert. Der Fernseher läuft. Eine Person braucht nachts dreimal Hilfe. Der Nachbar ist einfach nur erschöpft und will seine Ruhe. Was der eine erlebt, bekommt der andere zwangsläufig mit.

Am stärksten spüre ich das bei persönlichen Gesprächen. Ein Vorhang schützt vor Blicken. Vor Worten schützt er kaum. Wenn ich mit jemandem über Ängste spreche, über Ausscheidung, über Sexualität, über eine schwere Diagnose, dann hören das im Vierbettzimmer möglicherweise drei weitere Menschen mit, die nur zwei, drei Meter entfernt liegen.

Ich kann das abfedern. Leiser sprechen. Den richtigen Moment abwarten. Wenn ein Raum frei ist, dorthin ausweichen. Aber die Wahrheit bleibt: Vollständige Privatsphäre lässt sich in einem geteilten Zimmer nicht herstellen, höchstens annähern. Das ist keine Kleinigkeit am Rande. Das ist die eigentliche Grenze dieser Zimmerform, und ich finde, wir sollten das offen so benennen, statt es wegzureden.


Gerade in der Onkologie bekommt der Raum eine andere Bedeutung


In der Onkologie merke ich jeden Tag, wie viel mehr ein Zimmer ist als ein Ort zum Schlafen. Hier werden Befunde besprochen. Hier weinen Angehörige. Hier verändert sich der Körper sichtbar, und Selbstständigkeit, die eben noch selbstverständlich war, wird zu etwas, um das man kämpfen muss. Manchmal sind es die letzten Tage eines Lebens.

Genau da wird ein Einzelzimmer zu etwas sehr Wertvollem. Es schafft den Raum für ein Gespräch, das nur diese eine Familie etwas angeht. Für Nähe. Für Abschied. Für Körperpflege, die niemand sonst sehen muss.


Und was würde ich selbst wählen?


Müsste ich selbst länger im Spital liegen, würde ich vermutlich ein Zweibettzimmer nehmen. Ich möchte jemanden im Raum haben, mit dem ich reden kann, wenn mir danach ist. Jemanden, der genau weiss, wie sich diese Tage anfühlen, weil er sie gerade selbst durchlebt. Allein die Anwesenheit eines anderen Menschen würde mir ein Gefühl von Sicherheit geben gleichzeitig hätte ich gerne genug Privatsphäre.

Zu dritt oder zu viert wäre für mich schon eine andere Geschichte. Mehr Stimmen, mehr Bewegung, mehr verschiedene Bedürfnisse im selben Raum.

Das ist nur meine persönliche Präferenz. Aber sie zeigt ganz gut, warum sich die Frage nach dem «richtigen» Zimmer nie allein über die Bettenzahl beantworten lässt.


Ein Zimmer verändert auch unsere Aufgabe


Wo jemand liegt, entscheiden meistens andere Faktoren: medizinischer Bedarf, Infektionsschutz, freie Betten, Organisation. Die Zimmerform können wir als Pflegende kaum beeinflussen. Wie wir mit ihr umgehen, dagegen schon.

Im Mehrbettzimmer heisst das für mich: Diskretion so gut wie möglich schaffen, den richtigen Moment für ein Gespräch suchen, spüren, wann die Gemeinschaft zu Belastung wird, ohne dabei die Grenzen dieses Raums zu leugnen. Im Einzelzimmer heisst es: genau hinschauen, wann aus Ruhe stiller Rückzug wird, und Mobilität, Begegnung und Kontakt aktiv mitdenken.

Was mir immer wieder auffällt: Wenn Menschen nach einem längeren Spitalaufenthalt zurückblicken, erinnern sie sich selten an die Zimmernummer. Sie erinnern sich an ein Gespräch. An eine schwierige Nacht. An eine kleine Geste. An jemanden, der genau im richtigen Moment zur Tür hereinkam, oder der sie einfach mal wieder mit hinausgenommen hat.

Ein gutes Patientenzimmer misst sich für mich nicht an der Zahl seiner Betten, sondern daran, ob wir merken, was der Mensch darin gerade wirklich braucht.

 



Nach zwei intensiven Tagen am 29. Internationalen DESO Seminar für Onkologiepflege in St. Gallen bin ich mit vielen neuen Informationen, Begegnungen und Gedanken nach Hause gefahren. Geblieben sind bei mir weniger einzelne Studien, Therapien oder Folien. Geblieben ist vielmehr eine Frage, die weit über diese Fortbildung hinausgeht:



Was bedeutet medizinischer Fortschritt eigentlich für die Pflege?


Wir können Krebserkrankungen immer differenzierter behandeln, Nebenwirkungen gezielter beeinflussen und Menschen über längere Zeit mit ihrer Erkrankung begleiten. Gleichzeitig verlagern sich Behandlungen zunehmend in den ambulanten Bereich, Aufenthalte werden kürzer und Patientinnen und Patienten tragen einen grossen Teil ihrer Erkrankung und Therapie im Alltag.


Für mich entsteht daraus eine klare Konsequenz: Mit den Möglichkeiten der Medizin wächst auch die Verantwortung der Pflege.


Das beginnt bereits bei der Frage, was wir unter einem guten Ergebnis verstehen. Prof. Dr. Heike Bischoff-Ferrari zeigte beim Thema Longevity, dass Lebensjahre und gesunde Lebensjahre zwei unterschiedliche Grössen sind. Dieser Gedanke ist bei mir hängen geblieben. Ein langes Leben erzählt einen Teil der Geschichte. Ebenso entscheidend ist, wie ein Mensch diese Jahre erlebt und mit welcher Lebensqualität sie verbunden sind.

In der Onkologie begegnet uns diese Frage in einer ganz konkreten Form. Eine Therapie kann medizinisch möglich sein. Entscheidend bleibt, welchen Wert diese Möglichkeit für den einzelnen Menschen hat.


Damit kommen wir zu einer der anspruchsvollsten Fragen unseres Berufsalltags:

Was ist eigentlich das Ziel?


Bei einer fortgeschrittenen Erkrankung kann eine weitere Therapielinie verfügbar sein und gleichzeitig mit erheblichen Belastungen verbunden sein. Die Gedanken von PD Dr. Dr. Friedemann Honecker zu Futility haben diese Spannung sehr deutlich gemacht. Medizinische Machbarkeit und individueller Nutzen verlangen eine sorgfältige gemeinsame Betrachtung.

Gerade hier bekommt Hoffnung eine besondere Bedeutung.

Hoffnung kann viele Formen annehmen. Sie kann sich auf Heilung richten, auf zusätzliche Lebenszeit, auf ein wichtiges Familienereignis, auf gute Symptomkontrolle, auf Zeit zu Hause oder auf ein selbstbestimmtes Lebensende.

Die anspruchsvolle Aufgabe besteht darin, diese Hoffnung ernst zu nehmen und gleichzeitig gemeinsam zu klären, welchem Ziel eine Behandlung dient.

Für mich gehört die pflegerische Perspektive zwingend in diese Diskussion. Denn vieles, was für solche Entscheidungen relevant ist, zeigt sich im täglichen Kontakt mit den Patientinnen und Patienten.

Das wurde mir bei einem scheinbar kleinen Thema nochmals besonders bewusst: Geschmacksveränderungen.

Anke Jähnke bezeichnete sie als eine «unsichtbare Nebenwirkung». Das trifft es gut. Ein Mensch kann medizinisch stabil sein und gleichzeitig erleben, dass plötzlich alles metallisch schmeckt, vertraute Lebensmittel unangenehm werden und Essen seinen Genuss verliert. Gemeinsame Mahlzeiten verändern sich, der Appetit sinkt und damit kann auch die Lebensqualität beeinträchtigt werden.


Auf keinem Monitor erscheint dafür ein Alarm.


Genau solche Situationen zeigen mir, weshalb Nähe in der Pflege eine klinische Bedeutung hat. Während einer Schicht entsteht aus Gesprächen, Beobachtungen und kleinen Veränderungen ein Gesamtbild. Ein fast unberührtes Essen, eine neue Unsicherheit beim Gehen oder ein beiläufig erwähntes Symptom kann eine relevante Information liefern.

Bei modernen Immuntherapien bekommt diese Beobachtungskompetenz zusätzliches Gewicht. Nebenwirkungen können verschiedene Organsysteme betreffen und sich zunächst sehr unspezifisch zeigen. Eine Veränderung, die für sich allein unscheinbar wirkt, kann im Zusammenhang mit der Therapie eine wichtige Bedeutung erhalten.

Damit wird pflegerische Nähe zu einem Teil der Patientensicherheit.


Für mich liegt hier eine Entwicklung, die grosse Aufmerksamkeit verdient: Je komplexer die Medizin wird, desto höher werden auch die Anforderungen an die Pflege. Fachwissen, klinische Einschätzung, Beratung und Patientenedukation gewinnen an Bedeutung.

Doch Wissen und Kompetenz brauchen auch die entsprechenden Bedingungen, um wirksam zu werden.

Ein Satz aus dem Referat von Isabelle Steeb über Moral Distress hat mich deshalb besonders beschäftigt:


«Eigentlich weiss ich, was richtig wäre ... aber ich kann es nicht umsetzen.»


Darin liegt für mich eine der zentralen Spannungen unseres Pflegealltags.

Eine Pflegefachperson kann eine Situation fachlich richtig einschätzen und gleichzeitig innerhalb von Bedingungen arbeiten, die ihren Handlungsspielraum begrenzen. Zeitdruck, verfügbare Ressourcen, Hierarchien und Entscheidungsstrukturen beeinflussen, wie viel von professionellem Wissen tatsächlich beim Menschen ankommt.

Besonders relevant fand ich deshalb die Aussage, dass Belastung häufig dort entsteht, wo professionelle Werte auf begrenzten Einfluss treffen.


Das verändert auch meinen Blick auf Resilienz.


Menschen brauchen persönliche Ressourcen. Regeneration, soziale Beziehungen, Bewegung und ein bewusster Umgang mit Belastungen tragen dazu bei, langfristig gesund zu bleiben. Anette Brechtls Gedanken zum Gesundbleiben in Zeiten knapper Ressourcen haben diesen persönlichen Anteil sehr schön aufgegriffen.

Gleichzeitig hat Resilienz für mich auch eine organisatorische Dimension.

Eine Pflegefachperson kann hoch kompetent und engagiert sein. Ihre Expertise entfaltet ihren Wert dort, wo Strukturen Raum für professionelles Handeln schaffen. Klinische Verantwortung braucht Mitsprache. Ganzheitliche Pflege braucht entsprechende Ressourcen. Interprofessionelle Zusammenarbeit braucht eine Kultur, in der unterschiedliche fachliche Perspektiven Gewicht erhalten.


Genau deshalb nehme ich aus St. Gallen weniger eine Liste neuer Erkenntnisse mit als einen geschärften Blick auf meinen eigenen Berufsalltag.


Der Fortschritt in der Onkologie ist beeindruckend. Neue Therapien eröffnen Möglichkeiten, Menschen leben länger mit ihrer Erkrankung und Behandlungen werden zunehmend differenziert und ambulant durchgeführt.


Mit diesem Fortschritt wächst unsere pflegerische Aufgabe.


Wir brauchen Pflegefachpersonen, die komplexe Therapien verstehen und gleichzeitig wahrnehmen, wie ein Mensch damit lebt. Wir brauchen pflegerische Expertise beim Symptommanagement, bei der Begleitung von Therapieentscheidungen und bei der Vorbereitung auf den Alltag ausserhalb des Spitals. Und wir brauchen Strukturen, in denen diese Expertise wirksam werden kann.


Medizinischer Fortschritt zeigt sich für mich deshalb auch daran, wie gut es uns als Gesundheitssystem gelingt, seine Möglichkeiten in eine gute und menschliche Versorgung für den einzelnen Menschen zu übersetzen.


Zum Schluss bleibt für mich vor allem Dankbarkeit. Mein herzlicher Dank gilt Dr. Agnes Glaus und dem gesamten SONK-Team für die Organisation dieser beiden intensiven Tage und besonders für den SONK Educational Grant, der mir die Teilnahme ermöglicht hat.

Neben dem fachlichen Programm war auch der persönliche Austausch wertvoll. Das gemeinsame Networking-Dinner bot Raum für Begegnungen und Gespräche über Institutionen, Fachgebiete und Berufsrollen hinweg. Gerade dieser Austausch gehört für mich zu einer guten Weiterbildung. Manchmal begleitet einen ein Gedanke aus einem persönlichen Gespräch genauso lange wie eine Folie aus dem Vortragssaal.


Mit diesem Seminar beginnt zugleich ein neues Kapitel: Dr. Jennifer van Düren übernimmt die Aufgabe von Dr. Agnes Glaus. Dr. Agnes Glaus wünsche ich für ihren weiteren Weg alles Gute und danke ihr herzlich für ihr grosses Engagement für die onkologische Fortbildung und die Pflege. Dr. Jennifer van Düren wünsche ich für ihre neue Aufgabe viel Freude, Erfolg und viele spannende Begegnungen. Ich freue mich darauf, ihre Arbeit weiterzuverfolgen und zu sehen, welche neuen Impulse in den kommenden Jahren entstehen.

Und ich wünsche mir, dass noch viele weitere Pflegefachpersonen die Möglichkeit nutzen, von solchen Weiterbildungen und Kongressen zu profitieren. Fachliche Weiterentwicklung braucht Räume, in denen wir neues Wissen aufnehmen, Erfahrungen teilen, Fragen diskutieren und uns miteinander vernetzen können. Was wir dort mitnehmen, fliesst anschliessend in unsere Teams und in die Versorgung unserer Patientinnen und Patienten zurück.


Der nächste Termin steht bereits fest: 26. und 27. August 2027 in St. Gallen.

Ich hoffe, wir sehen uns dort wieder. Und ich freue mich darauf, im nächsten Jahr noch mehr Pflegefachpersonen in St. Gallen zu sehen, die diese Gelegenheit für Weiterbildung, Austausch und Vernetzung nutzen.

 

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