- ignatius ounde

Vor einigen Jahren übernahm ich eine Patientin von der Notfallstation.
Die Übergabe enthielt alle wichtigen Informationen zur Patientin – ihre Diagnose, den bisherigen Verlauf und den aktuellen Zustand. Doch ein Satz liess mich sofort aufhorchen:
«Die Patientin äussert Suizidgedanken. Bitte organisieren Sie eine Sitzwache.»
Unsere Abteilung lag in einem der obersten Stockwerke des Spitals. Es gab Fenster, die sich öffnen liessen. Deshalb organisierten wir noch vor ihrer Ankunft eine Sitzwache und informierten das ganze Team.
Als sie bei uns ankam, passte sie überhaupt nicht zu dem Bild, das ich nach der Übergabe im Kopf hatte.
Sie war gepflegt, gut gekleidet, die Fingernägel sorgfältig manikürt. Sie begrüsste uns freundlich und wirkte ruhig.
Ich stellte mich vor und begann mit dem Aufnahmegespräch. Nach den üblichen Fragen fragte ich sie schliesslich:
«Weshalb sind Sie heute im Spital?»
Sie schaute mich an und brach in Tränen aus.
«Ich kann nicht mehr.»
Ich liess ihr einen Moment Zeit.
Dann fragte ich weiter:
«Was genau können Sie nicht mehr?»
Zwischen den Tränen sagte sie:
«Ich bin nur noch eine Belastung für meine Familie. Seit meiner Diagnose dreht sich alles nur noch um mich. Ohne mich hätten sie ein besseres Leben. Wegen meiner Krankheit können wir kaum mehr verreisen, nicht einmal in die Ferien. Ich bin seit Jahren immer wieder im Spital und in der Reha. Ich sehe keinen Sinn mehr. Ich bin nur noch eine Last. Am besten……(hier erzählte sie mir sogar, dass sie bereits konkrete Vorstellungen hatte, wie sie ihr Leben beenden könnte.)
In diesem Moment fiel mir etwas auf.
Sie sprach kaum über ihre Krankheit. Kaum über ihre Schmerzen.
Kaum über ihre Atemnot, die für mich als Pflegefachmann offensichtlich war.
Stattdessen sprach sie über ihre Familie, über Einsamkeit und darüber, eine Last zu sein.
Die körperlichen Beschwerden waren in diesem Moment in den Hintergrund gerückt. Das, was sie am meisten quälte, war nicht der Krebs. Es war das Gefühl, niemandem mehr etwas wert zu sein.
Mir wurde wieder bewusst, wie wenig wir einem Menschen ansehen können.
Wir nahmen ihre Aussagen ernst, organisierten eine psychiatrische Beurteilung und begleiteten sie engmaschig weiter.
Als Onkologiepflegefachmann habe ich ähnliche Sätze immer wieder gehört.
«Ich möchte nicht mehr leben.»
«Ich habe genug.»
«Ich bin nur noch eine Last.»
Manche Menschen sprechen diese Gedanken aus.
Andere schweigen.
Beides nehme ich gleich ernst.
Mit den Jahren habe ich gelernt, dass Suizidalität selten plötzlich entsteht. Oft beginnt sie mit Hoffnungslosigkeit, Einsamkeit und dem Gefühl, anderen zur Last zu fallen. Menschen ziehen sich zurück. Gespräche werden kürzer. Sie erzählen immer weniger von sich.
Das Schwierige ist: Gefahr ist selten laut.
Manchmal ruft ein Mensch mit den Worten «Ich kann nicht mehr» nach Hilfe.
Manchmal sagt er gar nichts.
Und manchmal wirkt jemand nach langer Zeit plötzlich ruhiger. Das kann ein Zeichen der Besserung sein. Es kann auch bedeuten, dass innerlich bereits eine Entscheidung gefallen ist. Genau deshalb höre ich in solchen Momenten besonders aufmerksam zu.
Es gibt keinen Satz, keinen Blick und keine Checkliste, die mir mit Sicherheit sagen, was in einem Menschen vorgeht.
Deshalb nehmen wir jede Äusserung ernst.
Manchmal bedeutet das eine Sitzwache.
Manchmal einen psychiatrischen Konsiliardienst.
Manchmal bedeutet es einfach, einen Stuhl zu nehmen, sich hinzusetzen und da zu bleiben.
Mit den Jahren habe ich erkannt, dass eine der wichtigsten Behandlungen ist Präsenz. Das Gefühl, dass jemand bleibt. Dass jemand zuhört.
Dass jemand einen Menschen nicht aufgibt. Seit dieser Begegnung stelle ich mir bei jeder ähnlichen Aussage dieselben Fragen:
Ist das ein Hilferuf? Oder ist die Verzweiflung grösser geworden als die Hoffnung?
Gibt es bereits einen Plan?
Die ehrliche Antwort lautet:
Ich weiss es nicht und genau deshalb darf ich keine dieser Aussagen relativieren. Auch dann nicht, wenn der Mensch vor mir ruhig wirkt, freundlich lächelt und gepflegt aussieht.
Seit jener Begegnung frage ich mich immer wieder, wie viele Menschen diesen Kampf führen, ohne dass wir ihn sehen.
Als Pflegefachperson kann ich nicht jedes Leben retten.
Als Mensch kann ich mich entscheiden hinzuschauen, nachzufragen und zu bleiben.
Vielleicht denken Sie beim Lesen an jemanden.
Warten Sie nicht auf den richtigen Moment. Schreiben Sie. Rufen Sie an.
Treffen Sie sich auf einen Kaffee oder einen Spaziergang.
Vielleicht verändert dieses Gespräch nicht das ganze Leben eines Menschen.
Vielleicht verändert es genau den einen Tag, an dem Hoffnung wieder möglich wird.
Falls Sie selbst gerade mit Suizidgedanken kämpfen oder das Gefühl haben, nicht mehr weiterzuwissen, holen Sie sich Unterstützung. In der Schweiz erreichen Sie die Dargebotene Hand rund um die Uhr unter 143, im Notfall die 144 und Kinder oder Jugendliche die 147 von Pro Juventute. Sie müssen diesen Weg nicht allein gehen.

