
Ein Brief aus dem Pflegealltag an das Bundeshaus
Nächste Woche trifft sich der Nationalrat zur Sondersession. Während in Bern über die Umsetzung der Pflegeinitiative gesprochen wird, läuft der Betrieb in den Spitälern weiter. Schicht für Schicht. Übergabe für Übergabe. Die Kollegin, die nach zwölf Stunden erschöpft in die Garderobe geht, fragt sich nicht, ob in Bern gerade eine wichtige Abstimmung vorbereitet wird. Sie fragt sich, ob sie morgen wieder genug Kraft aufbringen wird, um weiterzumachen.
Ich arbeite in der Pflege. Ich habe diesen Beruf bewusst gewählt weil er etwas bedeutet. Ich weiss, was er verlangt: Präzision unter Druck, Empathie in schwierigen Momenten, Verantwortung für Menschen, die sich in verletzlichen Situationen befinden. Was nächste Woche in Bern entschieden wird, betrifft nicht nur meine Arbeit. Es betrifft die Frage, ob dieses System in Zukunft verlässlich bleibt für die Menschen, die darin arbeiten, und für alle, die eines Tages darauf angewiesen sein werden. Also für uns alle.
2021 hat die Schweizer Bevölkerung mit 61 Prozent Ja gesagt. Dieses Ja war klar und unmissverständlich: Die Pflege soll so organisiert werden, dass sie langfristig funktioniert. Dass Fachpersonen im Beruf bleiben. Dass Qualität nicht vom Zufall abhängt oder davon, ob an einem bestimmten Tag genug Personal auf dem Dienstplan steht. Es war ein Vertrauensvotum – ein Auftrag der Gesellschaft an ihre politischen Vertreterinnen und Vertreter.
Heute, vier Jahre später, geht es darum, wie ernst dieses Ja tatsächlich genommen wird in konkreten Entscheidungen, die im Alltag spürbar werden.
Ausbildung allein stabilisiert kein System
Die Ausbildungsoffensive ist ein notwendiger Schritt, und er ist richtig. Mehr Menschen für die Pflege zu gewinnen, ist zentral das ist unbestritten. Die Bedarfsprognosen sind eindeutig: Die alternde Gesellschaft wird in den kommenden Jahrzehnten deutlich mehr Pflegeleistungen benötigen als heute. Ohne zusätzliches Fachpersonal ist diese Versorgung nicht zu gewährleisten.
Aber Ausbildung ist kein Selbstzweck. Die entscheidende Frage lautet nicht nur: Wie viele Menschen beginnen eine Pflegeausbildung? Die entscheidende Frage ist: Unter welchen Bedingungen werden sie arbeiten, wenn sie fertig ausgebildet sind – und wie lange werden sie bleiben?
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Ein erheblicher Teil der ausgebildeten Pflegefachpersonen verlässt den Beruf innerhalb der ersten Jahre. Manche wechseln in Teilzeit, um die Belastung zu reduzieren. Andere verlassen die Pflege ganz in andere Berufe, ins Ausland, oder in Positionen, die mit direkter Patientenversorgung nichts mehr zu tun haben. Was bleibt, sind Lücken. Und die nächste Generation, die in ein System einsteigt, das sie nicht hält.
Wenn neue Pflegefachpersonen in ein Umfeld kommen, das geprägt ist von hoher Belastung, geringer Planbarkeit und struktureller Personalknappheit, bleibt ihre Verweildauer kurz. Ein System, das mehr ausbildet, als es halten kann, wächst nicht. Es rotiert. Und Rotation ist teuer in menschlicher Hinsicht, aber auch ökonomisch, weil jede neue Einarbeitung Ressourcen bindet, die dann anderswo fehlen.
Der Kern liegt in den Arbeitsbedingungen
In der aktuellen politischen Diskussion stehen drei Faktoren im Zentrum: Arbeitszeiten, Planbarkeit und Personalausstattung. Diese drei Themen mögen technisch klingen. Sie sind es nicht. Sie sind die Grundlage dafür, ob Pflege überhaupt stabil organisiert werden kann.
Ausreichende personelle Besetzung ermöglicht fachlich saubere Arbeit. Wenn pro Schicht zu wenig Fachpersonen vorhanden sind, steigt das Risiko – für Patientinnen und Patienten, aber auch für das Personal, das unter Dauerdruck arbeitet und Fehler macht, die es unter anderen Umständen nicht machen würde. Personalknappheit ist keine Unannehmlichkeit. Sie ist ein Sicherheitsrisiko.
Planbare Dienstpläne schaffen Verlässlichkeit – für das Personal und für die Institution. Wer nicht weiss, wann er arbeitet, kann sein Leben nicht planen. Wer kurzfristig einspringen muss, weil wieder eine Stelle nicht besetzt ist, zahlt den Preis dafür mit seiner eigenen Erholung. Langfristig zermürbt das. Nicht jede und jeder, aber viele. Und dann sind sie weg.
Realistische Arbeitszeiten sichern die langfristige Einsatzfähigkeit. Pflege ist körperlich und emotional anspruchsvoll. Ein Beruf, der das ignoriert und dauerhaft mehr verlangt, als Menschen über Jahre hinweg leisten können, produziert Ausfälle, Burnout und Frühausstiege. Das ist keine Schwäche des Personals. Das ist eine vorhersehbare Konsequenz unrealistischer Rahmenbedingungen.
Diese drei Elemente sind keine Zusatzforderungen, die sich die Pflege aus Komfortgründen wünscht. Sie definieren die Funktionsfähigkeit des Systems. Wer sie ignoriert, spart kurzfristig und zahlt langfristig einen weit höheren Preis.
Ein verbreitetes Missverständnis, das endlich korrigiert werden muss
Immer wieder wird in der Debatte argumentiert, die zunehmende Akademisierung und die höheren Anforderungen an die Pflegeausbildung hätten den Nachwuchs gebremst. Der Weg zur diplomierten Pflegefachperson FH sei zu lang, zu anspruchsvoll, zu weit weg vom Bett geworden.
Diese Erklärung greift zu kurz und sie lenkt die Aufmerksamkeit in die falsche Richtung.
Die Entwicklung der letzten Jahrzehnte zeigt ein anderes Bild. Mit der Einführung von SwissDRG dem Fallpauschalensystem, das die Spitalfinanzierung grundlegend verändert hat wurde der ökonomische Druck auf Spitäler massiv erhöht. Kürzere Liegezeiten, höhere Patientendurchläufe, engere Budgets. In vielen Häusern führte das zu einer Reduktion von Pflegestellen, zu einer Verschiebung im Skill-Mix hin zu günstigeren Berufsgruppen, und zu einer Verdichtung der Arbeit für das verbleibende Fachpersonal. Gleichzeitig nahm die Komplexität der Fälle zu denn wer entlassen werden kann, wird entlassen. Wer bleibt, ist kränker.
In diesem Umfeld wurde der Beruf für viele weniger planbar, weniger sicher, weniger langfristig attraktiv. Nicht weil die Ausbildung zu anspruchsvoll ist. Sondern weil die Bedingungen nach der Ausbildung zu schwierig sind.
Nicht die Standards haben den Beruf geschwächt. Die Rahmenbedingungen haben es getan. Und diese Rahmenbedingungen sind politisch beeinflussbar das ist der entscheidende Punkt.
Worum es nächste Woche tatsächlich geht
Wenn der Nationalrat über die Umsetzung der Pflegeinitiative spricht, er spricht über die Frage, was dieses Land unter einem funktionierenden Gesundheitssystem versteht.
Er spricht darüber, ob ein Gesundheitssystem auch dann trägt, wenn es belastet ist in einer Grippewelle, in einem regionalen Versorgungsengpass, in einer Krise. Ob in entscheidenden Momenten genügend qualifizierte Fachpersonen vorhanden sind, um das zu leisten, was geleistet werden muss. Ob Teams stabil genug sind, um auch unter Druck präzise zu arbeiten und nicht am Limit, das Ausfälle provoziert. Ob Versorgung planbar bleibt für Patientinnen und Patienten, die sich darauf verlassen müssen, und für die Fachpersonen, die ein Leben neben ihrem Beruf führen wollen und sollen.
Verlässlichkeit entsteht nicht durch Absicht. Sie entsteht nicht durch Bekenntnisse zur Wichtigkeit der Pflege, die in Reden geäussert und in Hochglanzbroschüren gedruckt werden. Sie entsteht durch Strukturen, die auch unter Druck tragen durch konkrete Regelungen zu Personalschlüsseln, durch Verbindlichkeit bei Dienstplangestaltung, durch Arbeitszeitmodelle, die langfristige Einsatzfähigkeit ermöglichen.
Diese Strukturen entstehen durch politische Entscheide. Nicht durch guten Willen allein.
Verantwortung und Wirkung
Die Entscheidung nächste Woche wird nicht sofort alles verändern. Die Probleme in der Pflege sind über Jahre entstanden, und sie werden nicht in einer Session gelöst. Das ist keine Entschuldigung für Halbherzigkeit es ist eine Aufforderung, die richtigen Weichen zu stellen, jetzt, damit die Wirkung in einigen Jahren spürbar ist.
Sie wird jedoch zeigen, ob der Auftrag der Bevölkerung jenes klare Ja von 2021 so umgesetzt wird, dass er im Alltag tatsächlich ankommt. Ob die 61 Prozent, die Ja gesagt haben, sich darauf verlassen können, dass ihre Entscheidung ernst genommen wird. Oder ob das, was in Bern beschlossen wird, wieder hinter dem zurückbleibt, was notwendig wäre.
Ein verlässliches Gesundheitssystem entsteht dort, wo die Menschen, die es tragen, unter Bedingungen arbeiten können, die langfristig tragfähig sind. Nicht unter Bedingungen, die sie nach wenigen Jahren zermürben und in andere Berufe treiben. Nicht unter Bedingungen, die den nächsten Ausbildungsjahrgang für ein System qualifizieren, das sie nicht halten wird.
Genau darüber wird nächste Woche entschieden.
Ich werde weiterarbeiten Schicht für Schicht. Ich hoffe, dass die Entscheidungen in Bern dazu beitragen, dass ich das in
nächste paar Jahren noch tue. Und dass die Menschen, die nach mir kommen, einen Grund haben zu bleiben.

