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„Meine Mutter war im Spital“, sagte eine Frau zu mir, kaum hatte sie erfahren, dass ich Pflegefachmann bin.

Ich stand an einer Kunstvernissage, ein Glas Prosecco in der Hand. Menschen bewegten sich zwischen den Bildern, ein bisschen Musik im Hintergrund. Eigentlich ein Abend für Kunst, Begegnungen und leichte Gespräche.


„Geht es ihr besser?“, fragte ich.


„Ja, sie ist wieder zu Hause. Ihr macht ja so viel in der Pflege“, antwortete sie. und dann kam es, fast ohne Pause: „Das Warten war mühsam, das Essen furchtbar. Die Pflege hingegen war super.“

Ich kenne solche Momente.

Es ist fast wie ein kleiner Schalter. Sobald Menschen hören, dass ich in der Pflege arbeite, verändert sich etwas. Plötzlich geht es nicht mehr um das Bild an der Wand oder die Musik im Raum. Eine Tür geht auf.


Und dann erzählen sie von einer Nacht, in der sie Angst hatten.Von einem Angehörigen, der verwirrt war. Von dieser Unsicherheit, die kommt, wenn man merkt: Ich kann das gerade nicht alleine steuern.


Und manchmal kommen Fragen, die tiefer gehen:

Haben wir richtig entschieden?Hätte ich mehr fragen sollen?Warum hat mich das so getroffen?

Das Interessante ist, Ich arbeite nicht in diesem Spital. Ich kenne die Station nicht, ich kenne die Ärztin oder Koch nicht und trotzdem werde ich zur Ansprechperson. Nicht, weil ich zuständig wäre, sondern weil Menschen spüren: Da ist jemand, der den Kontext kennt. Jemand, der versteht, wie verletzlich solche Situationen sein können.

Ein Spitalaufenthalt ist für viele Menschen eine Ausnahmesituation. Man wartet, man hofft, man muss Entscheidungen treffen, oft mit wenig Orientierung. Wenn alles vorbei ist, bleibt mehr zurück als eine Diagnose oder ein Austrittsbericht. Es bleiben Eindrücke, Erinnerungen und manchmal Gedanken, die noch lange nachhallen.


Viele Menschen erinnern sich später nicht zuerst an Laborwerte oder Diagnosen. Sie erinnern sich an etwas anderes, an die Atmosphäre. Daran, ob sie sich sicher gefühlt haben. Ob sie ernst genommen wurden. Ob jemand da war.

Und genau dort erkenne ich immer wieder, was Pflege wirklich bedeutet.


Pflege ist Präsenz.


Die Art, wie wir einen Raum betreten.

Wie wir sprechen, wenn jemand Angst hat.

Wie wir ein Gespräch führen, wenn jemand selbst noch gar nicht weiss, welche Frage er stellen soll. Wie wir den Alltag am Laufen halten, während für den einzelnen Menschen gerade alles auf dem Spiel steht.

Wir übersetzen

Wir strukturieren.

Wir beruhigen.

Wir sind nah genug dran, um zu merken, wenn jemand plötzlich stiller wird. Wenn jemand lächelt, obwohl er innerlich kippt. Wenn Angehörige sich stark geben und gleichzeitig kurz vor dem Zusammenbruch stehen und ja, das ist anstrengend weil Pflege echte emotionale Arbeit ist. Weil man nicht nur Aufgaben erledigt, sondern Situationen mitträgt. Zustände, die man nicht einfach am Ausgang abgeben kann.


Denn Krankheit ist nicht nur ein medizinischer Zustand.

Krankheit betrifft Beziehungen. Familien. Selbstbild. Würde. Manchmal auch Schuldgefühle oder Scham. Dinge, die man im Alltag gut verstecken kann, die im Spital aber plötzlich sichtbar werden.

In solchen Momenten wird Pflege zu etwas, das weit über das Fachliche hinausgeht.

Für viele Menschen ist Pflege das Gesicht des Gesundheitswesens weil wir erreichbar sind.

Was ist eine Gesellschaft ohne Menschen, die andere auffangen?

Pflege ist eine stille Form von sozialem Zusammenhalt. Sie sorgt dafür, dass unser Gesundheitssystem menschlich bleibt.

Manchmal denke ich: In der Pflege sieht man die Gesellschaft, wie sie wirklich ist.

Wer hat Unterstützung?Wer ist allein?Wer wird übersehen?Wer hat eine Stimme – und wer nicht?


Als die Frau an der Vernissage sagte: „Die Pflege war super“, war das kein PR-Satz. Es war ein Fazit. Eine Erfahrung, die geblieben ist.

Menschen tragen ihre Erfahrungen mit der Pflege lange mit sich. Sie erzählen sie weiter an Vernissagen, im Zug, beim Abendessen, weil etwas in ihnen geblieben ist und so stehe ich manchmal mitten zwischen Bildern und Gesprächen, mit einem Glas Prosecco in der Hand – und höre eine Geschichte aus einem Spitalzimmer.


Dann denke ich: Pflege endet nicht mit der Schicht es geht weiter hinaus


Noch gar nicht so lange her haben wir Patienteninformationen von Hand geschrieben. Ich sass im Stationszimmer, schrieb Berichte, legte Formulare in Mappen und hoffte, dass sie rechtzeitig dort ankamen, wo sie gebraucht wurden. Wenn ein Patient verlegt wurde, musste das Papier mitwandern. Fehlte etwas oder war nicht aktuell, entstanden sofort Rückfragen, Verzögerungen und Unsicherheit. Ich erinnere mich genau an dieses Gefühl, wenn man merkte: Eine Information ist irgendwo steckengeblieben.



Heute arbeite ich in einem digitalisierten Umfeld. Alles ist elektronisch erfasst, jeder Eintrag hinterlässt eine Spur, jede Entscheidung wird dokumentiert. Und doch beobachte ich ein neues Phänomen: Wir produzieren enorme Datenmengen, ohne dass sie dadurch automatisch besser werden. Wir kopieren Einträge von gestern in den Bericht von heute, übernehmen Diagnosen, die längst angepasst werden müssten. Unter Zeitdruck klicken wir uns durch Eingabemasken, statt wirklich nachzudenken. Der Papierstapel ist verschwunden, doch an seine Stelle tritt manchmal ein digitaler Datenfriedhof: Daten, die existieren, ohne wirklich zu helfen. Daten, die im schlimmsten Fall sogar schaden, weil sie veraltet, unpräzise oder missverständlich sind.



In Spitälern sehe ich täglich, wie viele Informationen entstehen: Laborwerte, Verlaufsberichte, Anordnungen, Assessments, Medikationsänderungen. Tausende Datenpunkte pro Patient. Gleichzeitig stehen Patientinnen und Patienten morgens vor uns und fragen: „Wie sind meine Werte? Hat sich etwas verändert? Was hat der Arzt entschieden?“ Bisher bedeutete das Ausdrucke, Erklärungen, zusätzliche Gespräche. Bei hunderten Personen pro Tag ist das ein gewaltiger Aufwand, für Patientinnen und Patienten frustrierend, fürs Personal ein Zeitfresser.

Umso beeindruckender war für mich ein konkretes Beispiel, das zeigt, wie Digitalisierung echten Nutzen stiften kann: moderne Patientenportale, die Betroffenen Zugang zu relevanten Informationen geben. Ich hatte die Gelegenheit, das Patientenportal „MyInsel“ der Inselgruppe genauer kennenzulernen. Was mich daran begeistert hat, ist die Transparenz. Patientinnen und Patienten erhalten Zugriff auf Laborresultate, Anordnungen und Dokumente. Sie sehen, was passiert, nicht erst, wenn jemand Zeit findet, es auszudrucken. Für mich ist das ein Paradigmenwechsel: weg vom Informationsmonopol, hin zur Partnerschaft.



Ich bin überzeugt: Transparenz schafft Vertrauen. Zugang zu Information stärkt Eigenverantwortung. Die Daten, die wir erfassen, stammen aus dem Körper und Leben der Patienten. Es ist zeitgemäss, dass sie nachvollziehen können, was im Behandlungsprozess läuft.

Gleichzeitig darf man die Risiken nicht romantisieren. Nicht jeder Laborwert ist selbsterklärend. Rohdaten ohne Kontext können verunsichern, manchmal sogar Angst auslösen. Es braucht klare Leitplanken: Was wird sofort sichtbar, was erst nach ärztlicher Besprechung? Wie wird erklärt, eingeordnet und begleitet? Wie stellen wir sicher, dass Datenschutz und IT-Sicherheit nicht nur PowerPoint sind, sondern gelebter Standard? Und wie verhindern wir, dass Menschen ohne digitale Kompetenzen abgehängt werden?

Genau deshalb liegt der Kern nicht in der App, sondern in der Kultur. Sind wir bereit, präzise zu dokumentieren, wenn Patienten mitlesen können? Können wir auf Copy-Paste-Routinen verzichten und unsere Sprache verständlicher gestalten? Transparenz zwingt uns zu Qualität.



Als Politiker und Pflegefachmann sehe ich darin eine strategische Aufgabe. Die Informationsmenge im Spital wird weiter wachsen. Wenn wir sie nicht strukturieren, priorisieren und sinnvoll nutzbar machen, wächst der digitale Friedhof weiter. Öffnen wir sie jedoch mit klaren Regeln und guter Aufbereitung, entsteht echter Mehrwert: weniger Papier, weniger Redundanz, mehr Klarheit, mehr Vertrauen.

Ich wünsche mir, dass wir den Mut haben, diesen Schritt konsequent zu gehen. Nicht als Pilotprojekt, das irgendwo versandet, sondern als Standard, der Patientenorientierung und Versorgungsqualität wirklich stärkt.



Disclaimer: Dieser Beitrag ist eine persönliche Einschätzung aus der Praxis. Ich bin nicht mit „MyInsel“ oder einer anderen App bzw. einem Anbieter verbunden und erhalte dafür keine Vergütung. In der Schweiz sind je nach Spital auch andere digitale Lösungen im Einsatz, beispielsweise die Hirslanden Patient Journey App oder myUSB. Genannte Beispiele dienen der Einordnung und sind keine Empfehlung im kommerziellen Sinn.


„Ich habe letzte Nacht gar nicht geschlafen.“

So ein Satz fällt in der Pflege zwischen Tür und Angel. Beim Kaffee. Im Gang. Vor dem Dienst. Oft fast wie eine Randnotiz. Und manche Kolleginnen und Kollegen sind überzeugt, sie würden trotzdem funktionieren: bereit, Verantwortung zu tragen, konzentriert zu bleiben, nichts anmerken zu lassen und genau da liegt das Problem: Wir haben etwas Gefährliches normalisiert. Erschöpfung gilt als normal. Schlafmangel als Teil des Jobs. Ich glaube nicht, dass Erschöpfung Commitment ist. Erschöpfung ist ein Risiko.



Wir sind brutal gut darin, andere zu beobachten. Wir sehen die kleinste Veränderung im Zustand eines Menschen: ein anderer Blick, ein anderes Atemmuster, eine minimale Unruhe. Wir reagieren sofort. Nur bei uns selbst schalten wir auf stumm. Wir ignorieren unsere eigenen Vitalzeichen. Wir überspielen. Wir kompensieren. Wir lächeln.

Dabei kennen wir die Biologie. Ein müdes Gehirn ist langsamer, reizbarer, fehleranfälliger. Nicht weil du schlecht bist, sondern weil du ein Mensch bist. Du kannst die Naturgesetze nicht aushebeln, nur weil du „Super-Nurse“ bist. Und trotzdem arbeiten wir in einem Setting, das Klarheit, Stabilität und Präzision verlangt: Hochpräzisionsarbeit auf leerem Tank.

Wir haben auch das „später“ normalisiert: Pause später. Essen später. Trinken später. Sport später. Leben später. Später kommt selten. Später kommt als Rückenschmerzen, als Infekt, als Dauermüdigkeit, als Zynismus. Als dieser Moment, in dem du merkst: Ich bin nicht mehr einfach müde. Ich bin innerlich flach.



Darum müssen wir das neu rahmen. Selbstfürsorge ist nicht Wellness. Selbstfürsorge ist Patientensicherheit.

Schlaf ist kein Luxus, er ist Fundament. Wenn du müde bist, bist du nicht nur müde, du bist eingeschränkt. Essen ist keine Belohnung, sondern Treibstoff. Wenn du wartest, bis du am Zittern bist, hast du schon verloren. Bewegung ist nicht „noch ein To-do“, sondern Regulation. Du brauchst nicht zwei Stunden Gym. Du brauchst 20 Minuten Reset für dein Nervensystem: gehen, laufen, dehnen, atmen. Damit du wieder in deinen Körper zurückkommst.

Und das Unbequemste: Zeit für Familie und Freunde ist nicht Nebensache. Pflege ist Beziehungsarbeit. Wenn du privat nur noch funktionierst, wird deine berufliche Beziehung irgendwann kalt. Du gibst und gibst und gibst, bis du dich wunderst, warum du nichts mehr fühlst.



Der grösste Selbstbetrug in unserem Beruf ist der Satz: „Ich halte das aus.“ Ja, Pflegende sind resilient. Genau deshalb bleiben sie zu lange im Überlebensmodus. Und irgendwann verwechseln sie Überleben mit Leben.

Ich schreibe das nicht, weil ich es perfekt mache. Ich schreibe es, weil ich es bei mir selbst immer wieder merke. Und weil ich nicht will, dass wir weiterhin so tun, als wäre unsere Gesundheit optional. Wenn wir andere sicher tragen wollen, müssen wir selbst stabil stehen.

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