Darf ich das so sagen?
- ignatius ounde
- 19. März
- 2 Min. Lesezeit

„Kannst du bitte einen PVK(Venenkatheter) legen? Mein Patient fragt nach dir. Beim letzten Mal hat er gar nichts gespürt.“
„Welcher Patient?“
„Zimmer 37.“
Meine Kollegin ergänzte: „Er wusste deinen Namen nicht mehr. Und er wusste nicht, wie er dich beschreiben soll. ‚Dunkelhäutig‘ oder ‚schwarz‘, er hat überlegt, was er sagen darf. Ehrlich gesagt war ich auch unsicher. Ich habe ihm einfach gesagt, du heisst Ounde.“
Ich musste kurz schmunzeln. Mein Name ist tatsächlich nicht der einfachste. In diesem Moment wurde mir aber etwas anderes bewusst: wie schwierig es für viele Menschen ist, mich zu beschreiben. Nicht aus Böswilligkeit. Aus Unsicherheit.
Früher wurde diese Unsicherheit manchmal anders aufgelöst, mit Worten, die verletzen. Das N-Wort fiel. Kolleginnen und Kollegen versuchten dann zu sensibilisieren. Meist ohne grossen Erfolg.
Dieser Patient hier meinte etwas ganz anderes. Er wollte einfach den Pfleger, bei dem er sich sicher gefühlt hatte. Mehr nicht. Und trotzdem wurde selbst diese schlichte Bitte zu einer heiklen Frage.
Ich ging ins Zimmer, stellte mich vor und machte einen Scherz: Wenn er sich meinen Namen beim nächsten Mal nicht merke, müsse er mir eine Tafel Schokolade mitbringen. Natürlich mit mehr als 75 Prozent Kakao. Er lachte.
Ich legte den Zugang, erklärte jeden Schritt. Er blieb ruhig. Am Ende sagte er: „Bei Ihnen bin ich sicher. Sie treffen die Vene ja sowieso immer beim ersten Versuch.“
Bevor ich ging, sagte ich ihm, dass er mich, falls er meinen Namen wieder vergessen sollte, auch einfach als den schwarzen Pfleger bezeichnen dürfe.
Schwarz, mit grossem S.
In der Pflege erleben wir täglich, wie zentral Vertrauen ist. Menschen geben Kontrolle ab. Sie lassen Nähe zu. Sie machen sich verletzlich. Gleichzeitig spüren wir, wie stark Sprache heute unter Beobachtung steht. Viele möchten respektvoll sein. Viele möchten niemanden verletzen.
Und doch wächst die Angst, das Falsche zu sagen.
Diese Unsicherheit ist verständlich. Sie gehört zu einem Lernprozess, der nicht ohne Reibung auskommt. Problematisch wird es dort, wo die Angst vor falschen Worten echte Begegnung verhindert. Wenn Menschen sich sprachlich zurückziehen, entsteht Distanz. Genau dort, wo Nähe entscheidend wäre.
Niemand steht ausserhalb von Prägungen, Bildern und Vorannahmen. Auch ich nicht. Entscheidend ist nicht, ob wir sie haben. Entscheidend ist, ob wir bereit sind, sie anzuschauen.
Was mir von dieser Begegnung bleibt,
Menschen erinnern sich selten zuerst an unsere Worte oder Namen. Sie erinnern sich daran, ob sie sich gesehen und sicher gefühlt haben.
Wer sich mit dieser Unsicherheit auseinandersetzen möchte und nach Orientierung sucht, findet im Glossar für rassismussensible Sprache von No to Racism eine hilfreiche Grundlage. Es zeigt, welche Begriffe verletzend oder problematisch sein können, welche Alternativen es gibt und warum Sprache Wirkung hat. Nicht als Sprachpolizei, sondern als Einladung, bewusster und respektvoller miteinander umzugehen.



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