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Patientenportale: Mehr Mut, weniger Papier

  • Autorenbild: ignatius ounde
    ignatius ounde
  • vor 4 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit

Noch gar nicht so lange her haben wir Patienteninformationen von Hand geschrieben. Ich sass im Stationszimmer, schrieb Berichte, legte Formulare in Mappen und hoffte, dass sie rechtzeitig dort ankamen, wo sie gebraucht wurden. Wenn ein Patient verlegt wurde, musste das Papier mitwandern. Fehlte etwas oder war nicht aktuell, entstanden sofort Rückfragen, Verzögerungen und Unsicherheit. Ich erinnere mich genau an dieses Gefühl, wenn man merkte: Eine Information ist irgendwo steckengeblieben.



Heute arbeite ich in einem digitalisierten Umfeld. Alles ist elektronisch erfasst, jeder Eintrag hinterlässt eine Spur, jede Entscheidung wird dokumentiert. Und doch beobachte ich ein neues Phänomen: Wir produzieren enorme Datenmengen, ohne dass sie dadurch automatisch besser werden. Wir kopieren Einträge von gestern in den Bericht von heute, übernehmen Diagnosen, die längst angepasst werden müssten. Unter Zeitdruck klicken wir uns durch Eingabemasken, statt wirklich nachzudenken. Der Papierstapel ist verschwunden, doch an seine Stelle tritt manchmal ein digitaler Datenfriedhof: Daten, die existieren, ohne wirklich zu helfen. Daten, die im schlimmsten Fall sogar schaden, weil sie veraltet, unpräzise oder missverständlich sind.



In Spitälern sehe ich täglich, wie viele Informationen entstehen: Laborwerte, Verlaufsberichte, Anordnungen, Assessments, Medikationsänderungen. Tausende Datenpunkte pro Patient. Gleichzeitig stehen Patientinnen und Patienten morgens vor uns und fragen: „Wie sind meine Werte? Hat sich etwas verändert? Was hat der Arzt entschieden?“ Bisher bedeutete das Ausdrucke, Erklärungen, zusätzliche Gespräche. Bei hunderten Personen pro Tag ist das ein gewaltiger Aufwand, für Patientinnen und Patienten frustrierend, fürs Personal ein Zeitfresser.

Umso beeindruckender war für mich ein konkretes Beispiel, das zeigt, wie Digitalisierung echten Nutzen stiften kann: moderne Patientenportale, die Betroffenen Zugang zu relevanten Informationen geben. Ich hatte die Gelegenheit, das Patientenportal „MyInsel“ der Inselgruppe genauer kennenzulernen. Was mich daran begeistert hat, ist die Transparenz. Patientinnen und Patienten erhalten Zugriff auf Laborresultate, Anordnungen und Dokumente. Sie sehen, was passiert, nicht erst, wenn jemand Zeit findet, es auszudrucken. Für mich ist das ein Paradigmenwechsel: weg vom Informationsmonopol, hin zur Partnerschaft.



Ich bin überzeugt: Transparenz schafft Vertrauen. Zugang zu Information stärkt Eigenverantwortung. Die Daten, die wir erfassen, stammen aus dem Körper und Leben der Patienten. Es ist zeitgemäss, dass sie nachvollziehen können, was im Behandlungsprozess läuft.

Gleichzeitig darf man die Risiken nicht romantisieren. Nicht jeder Laborwert ist selbsterklärend. Rohdaten ohne Kontext können verunsichern, manchmal sogar Angst auslösen. Es braucht klare Leitplanken: Was wird sofort sichtbar, was erst nach ärztlicher Besprechung? Wie wird erklärt, eingeordnet und begleitet? Wie stellen wir sicher, dass Datenschutz und IT-Sicherheit nicht nur PowerPoint sind, sondern gelebter Standard? Und wie verhindern wir, dass Menschen ohne digitale Kompetenzen abgehängt werden?

Genau deshalb liegt der Kern nicht in der App, sondern in der Kultur. Sind wir bereit, präzise zu dokumentieren, wenn Patienten mitlesen können? Können wir auf Copy-Paste-Routinen verzichten und unsere Sprache verständlicher gestalten? Transparenz zwingt uns zu Qualität.



Als Politiker und Pflegefachmann sehe ich darin eine strategische Aufgabe. Die Informationsmenge im Spital wird weiter wachsen. Wenn wir sie nicht strukturieren, priorisieren und sinnvoll nutzbar machen, wächst der digitale Friedhof weiter. Öffnen wir sie jedoch mit klaren Regeln und guter Aufbereitung, entsteht echter Mehrwert: weniger Papier, weniger Redundanz, mehr Klarheit, mehr Vertrauen.

Ich wünsche mir, dass wir den Mut haben, diesen Schritt konsequent zu gehen. Nicht als Pilotprojekt, das irgendwo versandet, sondern als Standard, der Patientenorientierung und Versorgungsqualität wirklich stärkt.



Disclaimer: Dieser Beitrag ist eine persönliche Einschätzung aus der Praxis. Ich bin nicht mit „MyInsel“ oder einer anderen App bzw. einem Anbieter verbunden und erhalte dafür keine Vergütung. In der Schweiz sind je nach Spital auch andere digitale Lösungen im Einsatz, beispielsweise die Hirslanden Patient Journey App oder myUSB. Genannte Beispiele dienen der Einordnung und sind keine Empfehlung im kommerziellen Sinn.

 
 
 

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