Wenn 'später' zu 'nie' wird
- ignatius ounde
- 7. Jan.
- 5 Min. Lesezeit

Jedes Jahr beginnt mit Wünschen
Jedes Jahr beginnt mit Wünschen. Man schreibt sie in Nachrichten, man nimmt sich Dinge vor, man macht Pläne. Bei mir beginnt ein Jahr oft anders. Nicht mit einem grossen Vorsatz, sondern mit Momenten, die hängen bleiben. Mit Gesprächen, die nachklingen. Mit Sätzen, die man nicht mehr loswird. Und mit dieser stillen Frage: Was mache ich eigentlich mit meiner eigenen Zeit?
Was ich aus 2025 mitnehme
Wenn ich auf 2025 zurückblicke, bleiben mir viele Begegnungen. Ich nehme Teile davon mit nach Hause: Schmerzen, Hoffnungen, kurze Lacher, stille Angst, ein Blick, der mehr sagt als jeder Satz. Nicht in meinen Händen, sondern in meinem Kopf. Und ich merke: Einige dieser Begegnungen haben nicht nur meinen Alltag geprägt. Sie haben verändert, wie ich in 2026 hineingehe.
Eine Frau, ein Wunsch und ein Spiegel
Früh im Jahr war da eine Frau, an die ich oft denke. Die Situation war schwer, die Realität klar. Und trotzdem war sie wach, freundlich, lebendig. So eine Person, bei der man nach wenigen Minuten spürt: Hier sitzt ein ganzer Mensch, nicht nur eine Diagnose. Wir redeten über Alltägliches, und irgendwann über das Jahr. Ich fragte sie eher nebenbei, ob etwas Besonderes ansteht, ein runder Geburtstag, eine Reise, ein Fest. Da füllten sich ihre Augen. Sie entschuldigte sich fürs Weinen, und im Zimmer wurde es still. Diese Stille, die man nicht füllen kann und auch nicht füllen sollte.
Ich liess ihr Zeit. Und als sie wieder Luft hatte, fragte ich anders. Nicht, um sie wegzuziehen von der Realität, sondern um ihr Raum zu geben: Wenn alles perfekt laufen würde, was würdest du dann machen?
Sie sagte, sie würde auf eine Insel reisen, die sie schon lange sehen wollte. Kein grosses Drama, keine Show. Einfach ein Wunsch, leise ausgesprochen, und gerade darum so stark. Wir hatten danach einen erstaunlich guten Tag. Mit kleinen Momenten, die leicht waren. Ein paar Lacher. Ein paar ehrliche Sätze. Und dieses Gefühl, dass Leben auch dann passiert, wenn der Horizont enger wird.
Als ich nach Hause ging, kam eine unbequeme Frage hoch: Was schiebe ich in meinem eigenen Leben ständig auf, obwohl es mir wichtig ist? Ich bin gut darin, mir gute Gründe zu geben. Die klingen sogar verantwortungsvoll: Die Kinder sollen noch etwas älter sein. Der Zeitpunkt muss passen. Wenn es bei der Arbeit ruhiger ist. Vielleicht verbunden mit dem New York Marathon. Vielleicht später, mit mehr Planung. Und plötzlich wird aus „später“ einfach „nie“.
Diese Frau hat mir keinen Plan gegeben. Sie hat mir einen Spiegel hingehalten. Ich dachte an meinen Bruder in den USA, der seit Jahren dort lebt. Ich dachte daran, wie oft ich gesagt hatte: „Irgendwann komme ich.“ Als wäre Zeit selbstverständlich. Und da wurde mir klar: Wenn ich auf den perfekten Moment warte, warte ich ewig. Also habe ich aufgehört zu verhandeln. Ich habe den Flug gebucht. Ich bin gegangen. Ich habe ihn besucht. Diese Entscheidung entstand nicht am Schreibtisch. Sie entstand in einem Spitalzimmer.
Wenn niemand kommt
Später im Jahr kam eine andere Art von Lektion. Nicht als einzelne Szene, sondern als Muster. Es gab Menschen, die starben, ohne echte Verbindungen. Nicht „wenig Besuch“, sondern gar niemand. Keine Kontaktpersonen. Keine Telefonnummern. Niemand ruft an. Niemand kommt. Nur Leere um ein Leben, das Jahrzehnte gedauert hat.
Einmal starb ein Mann, etwa 45. In unserem Umfeld ist das jung. Zu jung. Der Einzige, der ab und zu auftauchte, war ein Nachbar. An dem Tag, als der Patient gestorben war, kam der Nachbar am Nachmittag vorbei. Ich musste ihm sagen, dass er tot ist, und fragte, ob er ihn noch sehen möchte. Er sagte nein, drehte sich um und ging. Einfach so.
Ich kann mit Tod umgehen. Das ist Teil meines Berufs. Was mich getroffen hat, war die Einsamkeit darum herum. Die Vorstellung, dass jemand über 40 Jahre lebt und am Ende niemand da ist, um sich zu verabschieden. Wir begleiteten ihn zur Aufbahrung. Wir waren die letzten Menschen, die neben ihm gingen. Ich erinnere mich, dass ich innerlich etwas sagte wie: Ruhe sanft, geh gut. Und gleichzeitig dachte ich: Das darf doch nicht alles sein.
Diese Situationen haben mich zu einer ehrlichen Frage gezwungen: Wie sieht mein eigenes Netz aus? Und bin ich selbst ein Mensch, der für andere Teil dieses Netzes ist?
Sozialkapital ist ein echtes Netz
Sozialkapital ist kein Modewort. Es ist nicht „Networking“. Es ist das menschliche Fundament: Beziehungen, die tragen. Menschen, die man anrufen kann. Menschen, die einen anrufen. Vertrauen, Verlässlichkeit, gegenseitige Präsenz. Es geht nicht darum, viele Kontakte zu haben. Es geht darum, dass jemand kommt, wenn es ernst wird. Und es geht genauso darum, ob ich selbst komme.
Ein Satz, der nachwirkt
Dann gab es noch einen Mann, Anfang siebzig, voller Lebensfreude, ohne naiv zu sein. Man merkte: Er hat viel gesehen, und trotzdem hat er sich für Leichtigkeit entschieden. Er sprach ruhig, klar, ohne etwas beweisen zu wollen. Er sagte sinngemäss: Viele Menschen warten zu lange. Sie halten sich zurück, obwohl sie wissen, dass sie mehr könnten. Sie warten, bis sie sich „bereit“ fühlen. Und genau dadurch verschieben sie das, was ihnen eigentlich wichtig wäre.
Das blieb bei mir hängen, weil ich in einem anderen Bereich meines Lebens ebenfalls vor einer Entscheidung stand. Politik fordert Zeit, Geduld, Nerven. Und sie fordert, dass man bereit ist, öffentlich bewertet zu werden. Mir war klar: Wenn ich es wieder mache, dann richtig. Mit Klarheit. Mit Einsatz. Nicht halb drin, halb draussen.
Also bin ich wieder angetreten für den Gemeinderat. Und ich wurde gewählt.
Gemeinderat: Vertrauen ist ein Auftrag
Das war für mich nicht einfach ein Wahlergebnis. Es ist ein Auftrag. Vertrauen, das ich mir nicht nur abholen darf, sondern jeden Tag verdienen muss. Und es hat mich daran erinnert: Menschen wählen nicht nur Programme. Sie wählen Verlässlichkeit. Sie wählen, ob sie glauben, dass du da bist, wenn es zählt.
Was ich mir für 2026 wünsche
Was wünsche ich mir für 2026? Keine Perfektion. Kein Jahr ohne harte Momente. Ich wünsche mir ein Jahr, in dem ich zuerst Mensch bin. In dem ich meine Energie schütze, damit ich präsent bleiben kann, bei den Menschen um mich herum und bei denen, die mir wichtig sind. Ich wünsche mir, dass ich Beziehungen bewusst pflege: mehr melden, mehr Dankbarkeit, mehr Verbindlichkeit, weniger „wir müssten mal“. Und ich will das Vertrauen aus der Wahl ernst nehmen und die Arbeit im Ressort Bildung so machen, wie sie es verdient: mit Einsatz, mit Zuhören, mit Entscheidungen, die langfristig tragen.
Und ja, ich hoffe auch auf mehr gute Nachrichten. Mehr Erleichterung. Mehr Momente, in denen Familien aufatmen können. Mehr Geschichten, die besser ausgehen. Und wenn das nicht möglich ist, dann hoffe ich auf Würde, auf so wenig Leid wie möglich und auf Liebe, die auftaucht, wenn sie gebraucht wird. Auch das ist Erfolg.
Meine Frage an dich
Das ist mein Start ins Jahr. Keine Liste von Vorsätzen, sondern Lektionen, die ich nicht aus einem Buch habe. Ich habe sie von Menschen gelernt, die gezwungen waren, schnell zu entscheiden, was wirklich zählt.
Was nimmst du aus 2025 mit, das du in 2026 nicht vergessen willst?



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