Pflege braucht politische Präsenz, nicht Stillschweigen
- ignatius ounde
- vor 6 Tagen
- 2 Min. Lesezeit

Es gibt Momente, in denen Schweigen schützt, Raum schafft und bewusst gewählt wird. Doch das Schweigen, das viele Pflegefachpersonen derzeit erleben, ist ein anderes. Es entsteht aus Routine, aus institutionellen Abläufen und aus dem Gefühl, dass komplexe Herausforderungen „einfach dazugehören“. Für die Pflege in der Schweiz ist jetzt jedoch nicht die Zeit für dieses Schweigen.
Pflegeberufe stehen täglich vor Aufgaben, die hohe Fachlichkeit, Verantwortung und Präsenz verlangen. Gleichzeitig sind die Rahmenbedingungen, die diese Arbeit ermöglichen sollten, keine Selbstverständlichkeit. Verlässliche Personalausstattung, sichere Arbeitsumgebungen, klare Abläufe und angemessene Ressourcen sind nicht garantiert, auch in der Schweiz nicht.
Dauerbelastung ist strukturell, nicht individuell
In vielen Spitälern und Pflegeinstitutionen sind Personalmangel und Überlastung längst kein Ausnahmezustand mehr, sondern Alltag. Die Folgen sind konkret und spürbar. Für pflegerische Beziehung, Krisenbegleitung, Angehörigenarbeit und vorausschauende Symptomkontrolle fehlt Zeit. Besonders in hochkomplexen Bereichen wie der Onkologie, bei Chemotherapien, raschen klinischen Verschlechterungen oder in Isolationssituationen braucht es Präsenz, saubere Abläufe und Verlässlichkeit. Fehlen diese Ressourcen, steigen Fehlerrisiken, die Versorgungsqualität sinkt und der Beruf verliert weiter an Attraktivität. Das ist kein individuelles Problem einzelner Teams, sondern ein strukturelles.
Pflege gehört zu den vertrauenswürdigsten Berufen in der Schweiz. Dieses Vertrauen ist kein Schmuckstück, es ist Verantwortung. Pflege ist nie unpolitisch. Arbeitszeiten, Personalschlüssel, Finanzierung, Zuschläge, Ausbildungsverantwortung und Versorgungssicherheit sind politische Entscheide. Wer sich nicht einbringt, überlässt diese Entscheide anderen, mit direkten Folgen für Patientinnen, Patienten und Fachpersonen.
Entscheidungen über Pflege ohne Pflege
Ein Blick in die politischen Gremien zeigt, wo das Problem liegt. In der Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit des Nationalrats, also genau jenem Gremium, das über zentrale Fragen zur Pflegeinitiative, zu Arbeitszeiten und zu Rahmenbedingungen berät, sitzt nur eine einzige aktiv praktizierende Pflegefachperson. Eine Stimme in einem Raum voller Juristen, Ökonomen, Verbandsvertreter und Parteipolitiker. Diese Stimme geht unter, nicht weil sie falsch liegt, sondern weil sie zahlenmässig unterlegen ist. Die Zusammensetzung dieser Kommission ist öffentlich/ hier einsehbar:
Solange Pflege dort kaum vertreten ist, werden Entscheide über Pflege ohne Pflege gefällt.
Dabei hat die Bevölkerung der Schweiz mit klarer Mehrheit Ja zur Pflegeinitiative gesagt. Nicht zu Symbolpolitik. Nicht zu Abschwächungen. Sondern zu Entlastung, zu besseren Arbeitsbedingungen und zu Patientensicherheit. Dieser Volksentscheid verpflichtet. Und er gibt Pflegefachpersonen ein klares demokratisches Mandat, sich einzumischen.
Pflegefachpersonen sollten deshalb aktiv auf ihre gewählten Vertreterinnen und Vertreter zugehen, auf kommunaler, kantonaler und nationaler Ebene, und sie daran erinnern, wofür sie gewählt wurden und wofür die Bevölkerung abgestimmt hat. Demokratie endet nicht an der Urne. Sie beginnt dort.
Pflege gehört in die Politik
Gleichzeitig reicht es nicht, nur Briefe zu schreiben oder Stellungnahmen zu verfassen. Das ist wichtig, aber nicht ausreichend. Pflege muss selbst in die Politik. In Gemeinderäte, kantonale Parlamente, nationale Kommissionen und in den Nationalrat. Nicht irgendwann, sondern jetzt. Nicht weil Pflege moralisch überlegen wäre, sondern weil Alltagserfahrung aus der Versorgung in politische Prozesse gehört.
Aktiv sein heisst Verantwortung übernehmen
Aktiv zu sein bedeutet nicht, laut zu sein. Es bedeutet, informiert zu sein, sich zu organisieren und Verantwortung nicht abzugeben. In der Schweiz stehen dafür starke demokratische Instrumente zur Verfügung: direkte Kontakte zu Parlamentarierinnen und Parlamentariern, Vernehmlassungen, Berufsverbände, betriebliche Mitwirkung, Wahlen und Abstimmungen.
Nicht mitzuwirken bedeutet nicht Neutralität. Es bedeutet, den eigenen Einfluss abzugeben. Pflege braucht keine weiteren Durchhalteparolen. Pflege braucht politische Präsenz. Jetzt.



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