Wenn Innovation auf Realität trifft: Warum kontinuierliche Pflegebildung unser stärkstes Fundament ist
- ignatius ounde
- 19. Nov. 2025
- 3 Min. Lesezeit

Letzten Monat war ich zum Let’s Care Symposium am Universitätsspital Zürich eingeladen und ich hätte nicht gedacht, dass dieser Tag meinen Blick auf unseren Beruf so deutlich verändern würde.
Ein herzliches Dankeschön an das Zentrum Klinische Pflegewissenschaft für die Einladung und die beeindruckende Organisation.
Ich ging hin mit der Erwartung eines typischen Fachtags: ein paar Präsentationen, bekannte Gesichter, ein Austausch, den man so oder ähnlich schon erlebt hat.
Was ich bekam, war etwas völlig anderes.
Schon in den ersten Minuten wurde klar, dass hier nicht einfach diskutiert wurde hier wurde entwickelt. Das Symposium war kein theoretischer Raum, sondern ein lebendiger Einblick in die Zukunft der Pflege. Der Saal war gefüllt mit Pflegefachpersonen, APNs, Forschenden, Leitungspersonen und Menschen, die sich in ganz unterschiedlichen Rollen für dieselbe Sache einsetzen: Pflege weiterbringen.
Und genau das wurde sichtbar.
Ein Tag voller Impulse und voller Realität
Es gab Präsentationen zu neuen digitalen Flagging Systemen, verbesserten Arbeitsprozessen, universellen Modellierungsansätzen, Evidence to Action Konzepten und Simulationstrainings direkt aus dem Alltag. Das Beeindruckende daran:Das waren keine Folienphantasien.Das waren Lösungen, die in echten Situationen entstanden sind dort, wo Komplexität, Zeitdruck und Verantwortung aufeinandertreffen.
Ich merkte, wie ich innerlich zwischen Staunen und Nachdenklichkeit pendelte. Staunen über das, was alles möglich ist. Nachdenklichkeit darüber, wie selten wir im Stationsalltag den Raum haben, diese Entwicklungen bewusst wahrzunehmen.
Die Podiumsdiskussion und die Erkenntnis der zwei Uhren
Am Ende des Tages war ich Teil der Podiumsdiskussion zu Innovation, Digitalisierung und natürlich zum Fachkräftemangel. Die Diskussion war ehrlich, direkt und vielschichtig. Und genau dort wurde mir eine Wahrheit wieder scharf bewusst:
In der Pflege arbeiten wir auf zwei unterschiedlichen Uhren.
Die Stationsuhr:Sie tickt schnell.Wir brauchen Lösungen jetzt.Für diese Schicht.Diese Patienten.Diese Belastung.
Die strategische Uhr:Sie tickt langsam und muss langsam ticken.Sie denkt in Strukturen, Prozessen, Konzepten.Sie baut, testet, korrigiert, erneuert.Sie plant für morgen, übermorgen und für die nächsten Jahre.
Beide Uhren sind wichtig.Beide Uhren sind richtig.Aber beide Uhren verstehen einander zu selten.
Von der Station aus wirken Strategien manchmal weit weg.Von der Strategie aus wirken Stationsrufe nach Entlastung manchmal „zu kurzfristig“.
Und genau da entsteht die Spannung, die alle spüren, aber kaum jemand ausspricht.
Was ich persönlich mitgenommen habe
Auf dem Heimweg wurde mir klar, wie stark dieses Spannungsfeld unsere tägliche Zusammenarbeit prägt und wie oft wir daran reiben, ohne dass es wirklich benannt wird.
Und gleichzeitig wurde mir auch klar, was die einzige echte Brücke zwischen diesen beiden Uhren ist:
kontinuierliche Bildung.
Nicht als Kurs.Nicht als Zertifikat.Nicht als Pflichtpunkt in einem Jahresgespräch.
Ich meine professionelle Weiterentwicklung als Haltung.
Kontinuierliche Bildung ist das, was uns ermöglicht:
neue Evidenz nicht als Belastung, sondern als Werkzeug zu sehen
digitale Tools zu nutzen, statt sie zu fürchten
komplexe Situationen zu verstehen, statt davon überrollt zu werden
Innovation nicht nur zu hören, sondern umzusetzen
neue Rollen zu ergreifen, statt in alten auszubrennen
das System zu durchschauen, statt sich ausgeliefert zu fühlen
Sie macht den Unterschied zwischen:
reagieren und reflektieren, funktionieren und gestalten, überleben und vorangehen.
Das ist keine Theorie. Das ist die Praxis jedes einzelnen Tages.
Warum ich am USZ arbeite
Das Symposium hat mir etwas in Erinnerung gerufen, das ich im Alltag manchmal vergesse: USZ ist einer der wenigen Orte, an denen Innovation, Lernen und Praxis wirklich zusammenkommen.
Ideen versanden nicht in Sitzungen.
Evidenz bleibt nicht auf Papier stehen.
Pflege sitzt nicht am Rand sie sitzt mitten im Prozess.
Bildung ist kein „Zusatz“, sondern Teil der Kultur.
Ich brauche genau so ein Umfeld. Nicht bequem, sondern herausfordernd. Nicht statisch, sondern wachsend. Nicht reaktiv, sondern mitgestaltend.
Die unbequeme Wahrheit
Wir sind noch lange nicht dort, wo wir hinmüssen. Die Innovationsgeschwindigkeit und der Stationsalltag laufen in zwei Takten. Das erzeugt Druck auf beiden Seiten.
Aber die Lösung ist nicht, eine Seite schneller zu machen oder die andere langsamer.
Die Lösung ist, Pflegefachpersonen kontinuierlich zu befähigen, damit sie beide Welten gleichzeitig verstehen und verbinden können.
Das ist der Sinn von Bildung.Das ist der Kern unserer Professionalität.Und das ist der stärkste Hebel, den wir haben.
Mein persönliches Commitment
Ich habe das Symposium mit zwei Gefühlen verlassen:
Respekt vor dem, was unsere Kolleginnen und Kollegen entwickeln.
Dringlichkeit, weil die Stationen Entlastung jetzt brauchen.
Beides gleichzeitig zu halten ist unbequem.Aber es ist notwendig.
Und genau deshalb bleibe ich bei meiner Haltung:
Kontinuierliche Bildung ist für mich nicht verhandelbar.
Nicht wegen Karriere.Nicht wegen Titel.Sondern weil sie die einzige Möglichkeit ist, diese zwei Uhren zu synchronisieren so weit es eben möglich ist.
Sie ist unser Anker.Unser Werkzeug.Unser Schutz.Und unser Zukunftspfad.
Sie ist keine Veranstaltung.Sie ist unsere Identität.Und sie ist einer der Gründe, warum ich am USZ arbeite.



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