"Warum werfen Sie die weg? Da ist doch noch Medikament drin"
- ignatius ounde
- 9. Juli
- 4 Min. Lesezeit

Vor einigen Monaten sass ich nach einem Velounfall in einer Arztpraxis. Zum Glück war nichts gebrochen. Ein paar Schürfwunden, Prellungen und Schmerzen waren geblieben.
Bevor ich nach Hause ging, drückte mir der Arzt ein Rezept in die Hand. Ich ging zur Apotheke, holte die verschriebenen Medikamente ab und legte sie zu Hause auf den Küchentisch. Darunter war auch eine Packung Ibuprofen.
Die ersten Tage nahm ich die Tabletten regelmässig. Bereits nach vier Tagen waren die Schmerzen praktisch verschwunden. Die Packung hingegen war fast noch voll.
Ich öffnete den Medizinschrank, legte sie hinein und dachte: Vielleicht brauche ich sie irgendwann wieder.
Damit war die Geschichte für mich eigentlich erledigt.
Zumindest glaubte ich das.
Einige Wochen später suchte ich ein Pflaster. Dabei fiel mein Blick wieder auf dieselbe Packung Ibuprofen. Daneben standen Hustensirup, Antibiotika aus einer früheren Behandlung, eine fast volle Packung Schmerzmittel und weitere Medikamente, die irgendwann einmal wichtig gewesen waren.
Ich nahm das Pflaster und schloss den Schrank wieder.
Vielleicht brauche ich diese Medikamente irgendwann, dachte ich.
Gleichzeitig wusste ich: Eigentlich wünsche ich mir, sie nie mehr zu brauchen. Denn das würde bedeuten, gesund zu bleiben.
Vor einigen Wochen erinnerte mich eine Situation im Spital genau an diesen Moment.
Ich stand am Bett eines Patienten. Er war in der Nacht über die Notfallstation aufgenommen worden und hatte dort bereits eine Infusion erhalten. Auf unserer Abteilung gelten feste Zeiten und klare Standards für den Wechsel solcher Infusionen. Deshalb griff ich nach dem Infusionsbeutel und kontrollierte, wann er angeschlossen worden war.
Der Patient beobachtete jede meiner Bewegungen.
Dann fragte er ruhig:
«Sie werden die doch jetzt kaum wegwerfen. Die ist noch zu drei Vierteln voll.»
Ich hielt einen Moment inne.
Er hatte recht. Im Beutel war noch deutlich Flüssigkeit zu sehen.
Er erzählte mir, dass er bei früheren Spitalaufenthalten immer wieder erlebt hatte, wie Infusionen oder Medikamente gewechselt wurden, obwohl noch etwas darin war. Jedes Mal hatte er sich dieselbe Frage gestellt:
"Warum werfen Sie die weg? Da ist doch noch Medikament drin."
Ich erklärte ihm, weshalb Infusionen manchmal trotzdem ersetzt werden müssen. Es geht um Patientensicherheit, Hygiene und klare Standards. Gleichzeitig braucht es innerhalb dieser Standards auch gesunden Menschenverstand. In seinem Fall konnte die Infusion weiterlaufen. Ich informierte die nächste Schicht, damit sie den Beutel nach dem vollständigen Durchlauf wechseln konnte.
Er nickte.
Das Gespräch war beendet.
Seine Frage jedoch blieb.
Sie begleitete mich durch den restlichen Arbeitstag und ehrlich gesagt begleitet sie mich bis heute.
Denn sie führt mitten hinein in ein Thema, über das wir erstaunlich wenig sprechen.
Wie viele Medikamente liegen genau jetzt ungenutzt in Schweizer Haushalten?
Und wie viele Medikamente landen am Ende im Abfall, obwohl sie mit dem Ziel hergestellt wurden, einem Menschen zu helfen?
Wenn wir an Medikamentenverschwendung denken, sehen wir oft zuerst den Medizinschrank zu Hause vor uns. Halbvolle Packungen. Abgelaufene Medikamente. Tabletten, die wir «für alle Fälle» aufbewahren.
Doch je länger ich über die Frage des Patienten nachdachte, desto klarer wurde mir: Medikamentenverschwendung beginnt viel früher.
Sie entsteht bereits dort, wo Medizin vorbereitet und angewendet wird.
Im Spital.
Jeden Tag werden Therapien angepasst. Neue Laborwerte treffen ein. Ein Antibiotikum wird gewechselt. Eine Infusion ist bereits vorbereitet, doch ein Patient entwickelt plötzlich Fieber. Eine Behandlung wird verschoben. Ein Medikament verliert aus Sicherheitsgründen seine Verwendbarkeit.
Das Gesundheitssystem reagiert damit auf neue Informationen und schützt den Patienten.
Genau darin liegt die eigentliche Herausforderung.
Manchmal entsteht Medikamentenverschwendung gerade deshalb, weil viele Abläufe richtig funktionieren.
Besonders eindrücklich erlebe ich das in der Onkologie.
Viele Chemotherapien und moderne Immuntherapien werden individuell für jede Patientin und jeden Patienten hergestellt. Jede Dosis wird exakt berechnet. Körpergewicht, Laborwerte und Therapieplan bestimmen die Zusammensetzung. Manche dieser Behandlungen kosten mehrere Tausend Franken.
Dann kommt ein Moment, den sich niemand wünscht.
Das Blutbild zeigt plötzlich zu tiefe Werte.
Der Patient entwickelt eine Infektion.
Fieber tritt auf.
Die Behandlung muss verschoben werden.
Die bereits hergestellte Chemotherapie kann aus Sicherheitsgründen ihre Anwendung verlieren.
Ich erinnere mich gut an das erste Mal, als ich miterlebte, wie eine solche Therapie entsorgt werden musste.
Der Preis stand für mich dabei kaum im Vordergrund.
Mich bewegte der Gedanke daran, was alles hinter diesem einen Beutel steckt.
Jahre der Forschung.
Menschen, die an der Entwicklung eines Medikaments gearbeitet haben.
Rohstoffe.
Herstellung.
Transport.
Die Arbeit der Spitalapotheke.
Kontrollen.
Dokumentation.
Vorbereitung.
Und schliesslich die Hoffnung eines Menschen, der auf diese Behandlung wartet.
All das endet manchmal im Sonderabfall.
Und trotzdem bleibt die Entscheidung richtig.
Denn Patientensicherheit steht an erster Stelle.
Gerade deshalb gehört Medikamentenverschwendung auf den Tisch. Wir tragen Verantwortung für unsere Ressourcen.
Jedes Medikament, das sinnvoll eingesetzt wird, spart Geld. Es spart Rohstoffe und Energie. Es reduziert die Umweltbelastung und schafft es sogar Raum dafür, dass Ressourcen dort ankommen, wo sie am dringendsten gebraucht werden.
Die Lösung liegt vermutlich in vielen konkreten Verbesserungen.
Packungsgrössen, die besser zur Behandlungsdauer passen.
Digitale Verordnungen, die Doppelarbeiten vermeiden.
Eine noch engere Zusammenarbeit zwischen Ärzteschaft, Pflege und Apotheke.
Abläufe, die Sicherheit und Nachhaltigkeit gemeinsam berücksichtigen.
Als ich nach meinem Velounfall die Ibuprofen in den Medizinschrank legte, dachte ich kaum weiter darüber nach.
Heute tue ich das.
Denn immer wieder höre ich die Stimme dieses Patienten:
«Warum werfen Sie die weg? Da ist doch noch Medikament drin.»
Vielleicht beginnt genau dort eine wichtige Diskussion.
Bei der Frage, welche Verluste zum Schutz unserer Patientinnen und Patienten dazugehören und welche wir gemeinsam verhindern können.
Denn jedes Medikament wird mit einem einzigen Ziel entwickelt:
Einem Menschen zu helfen.
Je näher wir diesem Ziel kommen, desto verantwortungsvoller gehen wir mit unseren Ressourcen um. Für unsere Patientinnen und Patienten. Für unser Gesundheitssystem und für die Umwelt.
Bevor Sie weiterblättern, werfen Sie heute einen Blick in Ihren Medizinschrank.
Wie viele angebrochene Medikamentenpackungen finden Sie dort?
Und wie viele davon werden Sie wahrscheinlich nie mehr brauchen?
Jede dieser Packungen erzählt eine Geschichte.
Die entscheidende Frage lautet: Was können wir gemeinsam tun, damit künftig mehr Medikamente dort ankommen, wo sie tatsächlich gebraucht werden, zu Hause und im Spital?
Ich freue mich auf Ihre Gedanken und Erfahrungen in den Kommentaren.



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