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Sie sehen es fast überall im Spital:

Pflegefachpersonen sitzen vor Bildschirmen, die Finger bewegen sich schnell über Tastaturen, der Blick springt zwischen Kurven, Laborwerten und Verordnungen. Von aussen wirkt das manchmal wie 'sitzen und klicken'. Ich verstehe diese Irritation, besonders wenn Sie als Patient warten oder als Angehörige nach Orientierung suchen.

Letzte Woche ist mir diese Lücke zwischen dem, was sichtbar ist, und dem, was tatsächlich passiert, besonders bewusst geworden. Es war bereits nach Feierabend, doch ich sass noch am Computer. Nicht aus Ineffizienz, sondern weil es Dinge gab, die ich nicht einfach liegenlassen konnte – Einträge, die für die nächste Schicht wichtig sind, Informationen, die dafür sorgen, dass Ihre Behandlung nahtlos weiterläuft. Als ich endlich Richtung Ausgang ging, begegnete ich einer Patientin im Gang. Ich freute mich ehrlich, sie wieder auf den Beinen zu sehen – ein paar Tage zuvor war sie noch deutlich schwächer gewesen. Jetzt ging sie langsam, aber selbstständig, ein Hauch von Erleichterung im Gesicht.

Sie schaute mich überrascht an: 'Immer noch da?'

Ich lächelte: 'Ja, ich habe nur noch fertig dokumentiert.'

Sie lachte: 'Ich dachte, Sie sitzen da und schauen Formel 1 fertig.' Der Moment war leicht und freundlich. Und doch hat er bei mir etwas ausgelöst er zeigte, was viele Menschen wirklich denken, wenn sie am Stützpunkt vorbeigehen: 'Die sitzen nur da. Die haben Zeit. Die kümmern sich nicht.'

Und genau dort beginnt das Problem. Denn was Sie sehen, ist ein Bildschirm. Was Sie nicht sehen, ist das, was wir in diesen Minuten für Sie absichern.


 

Pflege findet nicht nur am Bett statt. Ein grosser Teil ist heute unsichtbar: Dokumentation, Koordination, Abgleiche, Kommunikation mit Ärzt:innen, mit Physiotherapie, Radiologie, Apotheke und vielen anderen Stellen. Das klingt nach Büro. In Wahrheit ist es Teil der Behandlung.

An Tagen, an denen ich Tagesverantwortung trage, wird es besonders deutlich. Zwischen mir und der Stationskoordination laufen oft Dutzende bis über hundert Telefonate und Rückfragen. Es geht um Patient:innen mit komplexen Krankheitsbildern, um kleine Details, die in der Summe entscheiden, ob es stabil bleibt oder kippt. Und viele dieser Fragen kann ich nicht einfach aus dem Kopf beantworten. Meine kolleg:innen und Ich muss nachschauen, prüfen, mit Kolleg:innen abgleichen. Manchmal bedeutet das: Telefon in die Hand, System öffnen, Verlauf prüfen. Das ist keine Beschäftigungstherapie. Das ist das Sicherheitsnetz, das im Hintergrund gespannt wird.


 

In der Hämatologie entscheidet oft der Trend, nicht der Einzelwert

Für viele Patientinnen und Patienten ist das Labor nicht einfach ein Ergebnis. Es ist Hoffnung und Angst zugleich. Blutwerte entscheiden mit darüber, ob eine Therapie weitergeht, ob eine Infektion droht, ob eine Transfusion nötig wird, ob jemand stabil genug ist für den nächsten Schritt.

Wenn wir Blut abnehmen, warten die Patient:innen oft innerlich mit: Sind die Werte besser als gestern? Und manchmal geht es um Minuten, nicht um Stunden. Am Bildschirm schaue ich nicht nur einen Wert an. Ich schaue auf Veränderungen. Was hat sich seit gestern oder heute Morgen verschoben? Was ist stabil? Was ist ein Warnsignal? Was muss sofort eskaliert werden, bevor es klinisch sichtbar wird? Von aussen wirkt das wie Tippen. In Wahrheit ist es Überwachung, Einordnung und Vorbereitung auf Entscheidungen.



Nach einer Visite kommen oft neue Verordnungen: Medikamente, Dosisänderungen, Monitoring, Diagnostik, neue Massnahmen wegen neuer Symptome. Diese Anordnungen müssen nicht nur irgendwie umgesetzt werden, sondern korrekt, vollständig und zum richtigen Zeitpunkt. Dazu gehört auch, Fragen zu stellen, wenn etwas nicht passt: Ist die Dosierung plausibel? Passt es zur Nierenfunktion? Gibt es Allergien? Interaktionen? Doppelverordnungen? Was ist priorisiert, was kann warten? Das System warnt uns manchmal. Aber denken müssen wir trotzdem selbst. Die Software ersetzt keine Verantwortung.

 

Am Stützpunkt laufen die Fäden zusammen: Labor, Mediplan, Vitalzeichen, neue Anordnungen, Abklärungen mit Physio, Radiologie und Apotheke, Austrittsplanung, Transporte, Hilfsmittel, Spitex, Gespräche mit Angehörigen, Rückfragen von Ärztinnen und Ärzten. Das ist keine Büroarbeit nebenbei. Das ist Teil der Behandlung. Wenn wir am Computer sitzen, arbeiten wir häufig nicht weg von Ihnen, sondern für Sie.

 


Trotzdem wäre es unehrlich, nur die Vorteile aufzuzählen. Der Bildschirm schluckt Aufmerksamkeit. Punkt. Wenn wir nicht aktiv dagegensteuern, entsteht Distanz. Für Sie fühlt es sich so an, als ob Sie uns nicht erreichen. Für uns fühlt es sich an wie ein Dauerzustand zwischen zwei Pflichten: Ich muss dokumentieren und Ich sollte im Zimmer sein.

Technologie darf nie zum Schutzschild werden. Sie ist ein Werkzeug. Beziehung bleibt unsere Verantwortung. Und ich glaube: Genau diese Ehrlichkeit braucht es, damit Vertrauen möglich bleibt.

Deshalb setzen einige Spitäler mit Lean Management auf sogenannte Lean-Wagen, damit Pflegefachpersonen in festgelegten Zonen arbeiten können, die näher bei den Patienten sind. Und in Zimmern mit vier Betten – ja, die gibt es noch in manchen Spitälern – werden Pflegefachpersonen so eingeplant, dass sie möglichst viel Zeit im Zimmer verbringen können, mit allen Vor- und Nachteilen, die das mit sich bringt.

 

Was wir als Pflege konkret besser machen können

 

Bevor ich mich für längere Zeit an den Computer setze, hilft häufig ein kurzer Kontakt. Nicht irgendwann. Jetzt. Blickkontakt, Name, eine kurze Frage: Wie geht es Ihnen gerade? Ein Satz Erklärung: Ich trage jetzt Ihre Vitalzeichen ein, damit die Ärztin oder der Arzt sie sofort sieht. Ein Zeitanker: Ich bin in etwa 15 Minuten wieder bei Ihnen. Eine letzte Klärung: Brauchen Sie vorher noch etwas?

Das dauert keine Minute und schafft Verständnis.

Wenn es die Situation zulässt, dokumentiere ich noch in Patientenzimmer oder erkläre kurz, was ich gerade erfasse: Ich dokumentiere jetzt, dass Sie das Schmerzmittel um 14:00 erhalten haben, damit die nächste Schicht es sicher weiss. Ein Satz, der aus Tippen wieder Pflege macht.

Wenn man alles bis zum Ende liegen lässt, entsteht Überzeit (passiert bei mir ab und zu, und ich weiss, ich muss mich verbessern), Fehleranfälligkeit und für Sie das Gefühl: Es passiert nichts. Kurze, regelmässige Dokumentationsblöcke und klare Teamabsprachen sorgen dafür, dass immer jemand erreichbar bleibt und die Arbeit nicht explodiert.

 

Was Sie als Patientin, Patient oder Angehörige tun können


Wenn etwas dringend ist, sagen Sie es klar und kurz: Mir ist übel und es wird stärker. Mein Schmerz ist jetzt 8 von 10. Ich bekomme schlecht Luft. Das hilft uns, sofort zu priorisieren.

Fragen, die Ihnen Orientierung geben und uns beim Planen helfen: Wann kommen Sie ungefähr wieder? Wann werden die Laborwerte voraussichtlich angeschaut?

Notieren Sie zwei bis drei Fragen für die Visite oder den nächsten Check-in. Das entlastet die Situation und führt oft zu besseren, ruhigeren Antworten.

 

Wenn Sie Ihre Pflegefachperson am Computer sehen, denken Sie bitte nicht zuerst an Netflix Tennis oder Formular 1. Denken Sie an ein Sicherheitsnetz. Hinter dem Bildschirm werden Verläufe geprüft, Risiken erkannt, Medikamente abgesichert, Abklärungen koordiniert und Übergaben vorbereitet, damit die nächste Schicht nahtlos weiterarbeiten kann.

Gleichzeitig ist Ihre Wahrnehmung legitim: Sie wünschen Präsenz, Orientierung und das Gefühl, gesehen zu werden. Genau darum ist die Aufgabe nicht, Computerarbeit zu verteidigen. Die Aufgabe ist, die Lücke zu schliessen: durch klare Kommunikation, kurze Check-ins und einen Pflegealltag, der Sicherheit und Menschlichkeit gleich ernst nimmt.

 

Ihre Perspektive interessiert mich: Wie haben Sie Technologie im Spital erlebt, als Patient:in oder Angehörige:r? Und falls Sie im Gesundheitswesen arbeiten: Was hilft Ihnen konkret, Bildschirmzeit und Bettzeit in Balance zu bringen?

 



Ich begegnete Noemi an einem Donnerstagnachmittag, wie man ihn auf einer hämatologischen Station dutzendfach erlebt und gleichzeitig niemals wirklich routiniert. Ich war gerade auf dem Weg zum Materialraum, als ein Klingelton aus Zimmer 17 mich erreichte. Ich öffnete die Tür und sagte meinen Standardsatz, der sich im Lauf der Jahre in meinem Beruf eingeprägt hat: Guten Tag. Wie kann ich behilflich sein.

Noemi lag halb aufgerichtet im Bett. Blass, schmal, ein feiner Schweissfilm auf der Stirn. Dieser besondere Ausdruck, den man als Pflegefachperson sofort erkennt, eine Mischung aus körperlichem Kampf und klarem Bewusstsein. Ihre Atemzüge waren kurz und eng, als müsste jeder einzelne durch ein Nadelöhr. Mir ist übel, sagte sie. Auf einer Skala von eins bis zehn bin ich bei acht.

Ein Blick auf den Infusionsständer genügte. Laufende Chemotherapie, die den Körper zerstört, um ihn neu aufzubauen. Eine Übelkeit dieser Stärke war ein Warnsignal. Ich reagierte instinktiv. Ich lief ins Medikamentenzimmer, prüfte die Verordnung, suchte ihr Reservemittel, bereitete es vor, ging zurück, verabreichte es und dokumentierte jeden Schritt. Danach blieb ich noch einen Moment, um sicherzugehen, dass sie keine weiteren Fragen hatte und alles vorerst stabil war.

Auf dem Gang traf ich ihre Bezugspflegefachperson. Sie ist ganz eine Liebe, sagte sie. Und so jung, ergänzte ich. Damals wusste ich, wie intensiv die kommenden Wochen werden würden, aber nicht, dass diese junge Frau zu meiner Lieblingspatientin werden sollte.


Der lange Weg durch Therapie und Komplikationen

Die Induktion und die darauffolgenden Wirkungen und Nebenwirkungen dauerten fünf Wochen. Doch Noemis Weg führte über Monate immer wieder durch unser Spital. Eine akute myeloische Leukämie macht aus Menschen keine Patientinnen im klassischen Sinn. Sie macht sie zu Reisenden zwischen Alltagswelt und medizinischer Realität.

Manchmal kam sie wegen Kontrollterminen. Oft wegen Komplikationen, Übelkeit, Erbrechen, Gewichtsverlust, Müdigkeit, die so schwer war, dass schon das Sitzen eine Leistung wurde. Und meistens wegen Infektionen, klein begonnen, gross eskaliert und immer gefährlich. Leukämie ist kein linearer Weg. Keine Heldengeschichte. Sie ist ein Labyrinth mit Sackgassen und Wendungen, die keiner Logik folgen.

Einige Patientinnen tauchen zwischen ihren Therapiezyklen ab und melden sich erst wieder, wenn es nicht anders geht. Andere verlieren sich in der Krankheit. Und dann gibt es jene, die trotz allem präsent bleiben und in Verbindung bleiben, weil sie verstanden haben, dass professionelle Begleitung eine Art Anker sein kann. Noemi war eine von ihnen.

Mit jedem Aufenthalt sprachen wir eine klarere Sprache miteinander. Nicht im privaten Sinn, sondern im klinischen, präzisen, effizienten. Sie begann, ihre Symptome so zu beschreiben, wie wir es in Lehrbüchern idealisieren und im Alltag nur selten erleben.

Sie sagte keine vagen Sätze

 wie mir geht es nicht gut.

Sie sagte Stechender Schmerz, linker Unterbauch, sechs von zehn, seit zwei Stunden.

Sie sagte nicht ich kann nicht mehr.

Sie sagte Ich schaffe es heute nicht allein aufs WC. Essen probiere ich trotzdem.


Die gemeinsame Sprache, die alles veränderte

Diese Sprache veränderte den gesamten Behandlungsverlauf. Sie gab uns Geschwindigkeit. Sie gab uns Richtung. Sie gab uns Sicherheit. Nach ein paar Monaten wusste sie fast intuitiv, was wir jeden Morgen wissen mussten. Sie wog sich selbst und schrieb das Resultat an die Wandtafel. Sie notierte, ob sie Stuhlgang hatte, wie stark ihre Übelkeit war und ob Fieber im Anflug war. Ihre Tafel wurde zu einem präzisen Tagesprotokoll und zu einem Symbol ihrer Haltung. Sie kämpfte nicht nur gegen die Krankheit. Sie kämpfte mit uns.

Ich wusste bald, was bei ihr funktionierte. Welche Vene eine Blutentnahme überstand. Welche Speise an Übeltagen möglich war. Welche Medikamente sie vertrug. Und ich wusste, wofür sie kämpfte. Für ihre Schwester. Für ihren Freund, der vier Stunden Zug fuhr, nur um zwei Stunden bei ihr zu sein. Für die Reiseziele, von denen sie während der Chemotherapien sprach, Japan zur Kirschblüte, Island mit dem Wind im Gesicht, Neuseeland mit Ruhe statt Angst im Brustkorb.

Ich erlaubte mir seltenes, vorsichtiges Neckischsein. Nach deinem Studium kommst du zu uns arbeiten, sagte ich. Du kennst unsere Abläufe jetzt besser als manche Praktikanten. Sie lachte. Ein echtes, stilles Lachen, das den Raum heller machte.


Nächte, die man nicht vergisst

Doch eine AML ist unerbittlich und in manchen Nächten grausam. Eine Szene hat sich tief eingeprägt. Noemi entwickelte innerhalb von Minuten hohes Fieber, 39.8 Grad, Schüttelfrost, ein Zittern, das durch die Decken drang. Ihre Lippen waren etwas bläulich, ihre Hände eiskalt. Wir mussten sie isolieren. Ich erinnere mich an ihre Haltung, wie sie auf dem Bett sass, die Knie angezogen, den Blick auf einen Punkt irgendwo auf dem Boden gerichtet. Ich fühle mich, als würde mein Körper mich verlassen, sagte sie. Keine Dramatik. Nur Wahrheit.

Wir legten neue Zugänge, nahmen Blutkulturen ab und starteten Antibiotika. Wir arbeiteten konzentriert, schnell, routiniert und gleichzeitig mit dem Wissen, dass dies einer jener Momente war, in denen die Krankheit versucht, sich Raum zu nehmen. Sie weinte in dieser Nacht. Leise. Nicht verzweifelt, nicht klagend. Es waren Tränen, die einfach fielen, weil sie fallen mussten. Für mich war das einer der Momente, in denen man die Würde eines Menschen nicht in seinem Mut sieht, sondern in seiner Ehrlichkeit.

Als sie später in die Reha wechselte, war das kein Happy End. Aber es war ein Übergang. Ein Schritt heraus aus den engen Rhythmen von Infusionen, Alarmen, Laborwerten und den immer gleichen Routinen. Sie sagte Ich will reisen. Ich will dokumentieren, was ich sehe. Nicht für Likes. Für mich. Damit ich weiss, dass ich zurück im Leben bin. Ich sah sie in diesen Worten lebendig werden, nicht körperlich, aber geistig, als ob sie schon einen Fuss auf japanischem Boden hatte, noch bevor sie das Spital verliess.


Menschliche Kompetenz – das Fundament guter Behandlung

Heute, wenn ich an Noemi denke, sehe ich nicht mehr die junge Frau aus Zimmer 17, schweissnass, blass, kämpfend. Ich sehe eine Person, die durch ihre Haltung Raum geschaffen hat – Raum für Vertrauen, für professionelle Nähe, für echte Zusammenarbeit mitten im Ausnahmezustand. Nicht, weil sie „tapfer“ war, sondern weil sie etwas bewahrt hat, was in der Akutmedizin oft schleichend verloren geht:

ihre Kompetenz als Mensch. Die Fähigkeit, sich auszudrücken. Zu beschreiben, was sie braucht. Zu sagen, was weh tut und wo Grenzen liegen. Die Fähigkeit, sich nicht auf „Patientin“ reduzieren zu lassen, sondern als Person sichtbar zu bleiben.

Genau diese menschliche Kompetenz verändert die Behandlung. Sie macht Therapie sicherer. Sie macht Pflege präziser. Sie lässt uns Ärztinnen, Pflegende und Therapeutinnen besser handeln – weil wir verstehen, wen wir vor uns haben und was dieser Mensch in diesem Moment wirklich braucht.

Ihre Geschichte ist nicht abgeschlossen. Noemi kommt weiterhin regelmässig auf die Station: für Therapien, für Kontrollen, manchmal für Infekte, die wir inzwischen schneller erkennen. Manchmal bringt sie ein Lächeln mit. Manchmal Erschöpfung. Manchmal einfach Stille. Und jedes Mal entsteht dieselbe Mischung aus Sorge, Respekt und dieser leisen, tiefen Freude, die nur entsteht, wenn man einen Menschen wieder sieht, dessen Weg man ein Stück weit mitgetragen hat.

Ich wünsche ihr, dass sie eines Tages unter Kirschblüten steht, oder vor einem Vulkan, oder einfach irgendwo sitzt und tief einatmet – ohne Angst. Aber noch mehr wünsche ich ihr, dass sie das behalten kann, was sie durch all diese Monate getragen hat: ihre Fähigkeit, Mensch zu bleiben, auch in der Krankheit.

Denn genau das ist es, was uns im Spital hilft, unsere Arbeit gut zu machen. Nicht perfekte Werte. Nicht Heldengeschichten.

Sondern Menschen, die sich zeigen  klar, verletzlich, aufrichtig. Menschen wie Noemi.

 


Letzten Monat war ich zum Let’s Care Symposium am Universitätsspital Zürich eingeladen und ich hätte nicht gedacht, dass dieser Tag meinen Blick auf unseren Beruf so deutlich verändern würde.

Ein herzliches Dankeschön an das Zentrum Klinische Pflegewissenschaft für die Einladung und die beeindruckende Organisation.


Ich ging hin mit der Erwartung eines typischen Fachtags: ein paar Präsentationen, bekannte Gesichter, ein Austausch, den man so oder ähnlich schon erlebt hat.

Was ich bekam, war etwas völlig anderes.

Schon in den ersten Minuten wurde klar, dass hier nicht einfach diskutiert wurde   hier wurde entwickelt. Das Symposium war kein theoretischer Raum, sondern ein lebendiger Einblick in die Zukunft der Pflege. Der Saal war gefüllt mit Pflegefachpersonen, APNs, Forschenden, Leitungspersonen und Menschen, die sich in ganz unterschiedlichen Rollen für dieselbe Sache einsetzen: Pflege weiterbringen.

Und genau das wurde sichtbar.

 

Ein Tag voller Impulse und voller Realität

 

Es gab Präsentationen zu neuen digitalen Flagging Systemen, verbesserten Arbeitsprozessen, universellen Modellierungsansätzen, Evidence to Action Konzepten und Simulationstrainings direkt aus dem Alltag. Das Beeindruckende daran:Das waren keine Folienphantasien.Das waren Lösungen, die in echten Situationen entstanden sind   dort, wo Komplexität, Zeitdruck und Verantwortung aufeinandertreffen.

Ich merkte, wie ich innerlich zwischen Staunen und Nachdenklichkeit pendelte. Staunen über das, was alles möglich ist. Nachdenklichkeit darüber, wie selten wir im Stationsalltag den Raum haben, diese Entwicklungen bewusst wahrzunehmen.

 

Die Podiumsdiskussion und die Erkenntnis der zwei Uhren

 

Am Ende des Tages war ich Teil der Podiumsdiskussion zu Innovation, Digitalisierung und natürlich zum Fachkräftemangel. Die Diskussion war ehrlich, direkt und vielschichtig. Und genau dort wurde mir eine Wahrheit wieder scharf bewusst:

 

In der Pflege arbeiten wir auf zwei unterschiedlichen Uhren.

 

Die Stationsuhr:Sie tickt schnell.Wir brauchen Lösungen jetzt.Für diese Schicht.Diese Patienten.Diese Belastung.

Die strategische Uhr:Sie tickt langsam   und muss langsam ticken.Sie denkt in Strukturen, Prozessen, Konzepten.Sie baut, testet, korrigiert, erneuert.Sie plant für morgen, übermorgen und für die nächsten Jahre.

Beide Uhren sind wichtig.Beide Uhren sind richtig.Aber beide Uhren verstehen einander zu selten.

Von der Station aus wirken Strategien manchmal weit weg.Von der Strategie aus wirken Stationsrufe nach Entlastung manchmal „zu kurzfristig“.

Und genau da entsteht die Spannung, die alle spüren, aber kaum jemand ausspricht.

 

Was ich persönlich mitgenommen habe

 

Auf dem Heimweg wurde mir klar, wie stark dieses Spannungsfeld unsere tägliche Zusammenarbeit prägt   und wie oft wir daran reiben, ohne dass es wirklich benannt wird.

Und gleichzeitig wurde mir auch klar, was die einzige echte Brücke zwischen diesen beiden Uhren ist:

kontinuierliche Bildung.

Nicht als Kurs.Nicht als Zertifikat.Nicht als Pflichtpunkt in einem Jahresgespräch.

Ich meine professionelle Weiterentwicklung als Haltung.

Kontinuierliche Bildung ist das, was uns ermöglicht:

  • neue Evidenz nicht als Belastung, sondern als Werkzeug zu sehen

  • digitale Tools zu nutzen, statt sie zu fürchten

  • komplexe Situationen zu verstehen, statt davon überrollt zu werden

  • Innovation nicht nur zu hören, sondern umzusetzen

  • neue Rollen zu ergreifen, statt in alten auszubrennen

  • das System zu durchschauen, statt sich ausgeliefert zu fühlen

 

Sie macht den Unterschied zwischen:

 reagieren und reflektieren, funktionieren und gestalten, überleben und vorangehen.

Das ist keine Theorie. Das ist die Praxis jedes einzelnen Tages.

 

Warum ich am USZ arbeite

 

Das Symposium hat mir etwas in Erinnerung gerufen, das ich im Alltag manchmal vergesse: USZ ist einer der wenigen Orte, an denen Innovation, Lernen und Praxis wirklich zusammenkommen.

  • Ideen versanden nicht in Sitzungen.

  • Evidenz bleibt nicht auf Papier stehen.

  • Pflege sitzt nicht am Rand   sie sitzt mitten im Prozess.

  • Bildung ist kein „Zusatz“, sondern Teil der Kultur.

Ich brauche genau so ein Umfeld. Nicht bequem, sondern herausfordernd. Nicht statisch, sondern wachsend. Nicht reaktiv, sondern mitgestaltend.

 

Die unbequeme Wahrheit

 

Wir sind noch lange nicht dort, wo wir hinmüssen. Die Innovationsgeschwindigkeit und der Stationsalltag laufen in zwei Takten. Das erzeugt Druck auf beiden Seiten.

Aber die Lösung ist nicht, eine Seite schneller zu machen oder die andere langsamer.

Die Lösung ist, Pflegefachpersonen kontinuierlich zu befähigen, damit sie beide Welten gleichzeitig verstehen und verbinden können.

Das ist der Sinn von Bildung.Das ist der Kern unserer Professionalität.Und das ist der stärkste Hebel, den wir haben.

 

Mein persönliches Commitment

 

Ich habe das Symposium mit zwei Gefühlen verlassen:

  1. Respekt vor dem, was unsere Kolleginnen und Kollegen entwickeln.

  2. Dringlichkeit, weil die Stationen Entlastung jetzt brauchen.

Beides gleichzeitig zu halten ist unbequem.Aber es ist notwendig.

Und genau deshalb bleibe ich bei meiner Haltung:

Kontinuierliche Bildung ist für mich nicht verhandelbar.

 

Nicht wegen Karriere.Nicht wegen Titel.Sondern weil sie die einzige Möglichkeit ist, diese zwei Uhren zu synchronisieren   so weit es eben möglich ist.

Sie ist unser Anker.Unser Werkzeug.Unser Schutz.Und unser Zukunftspfad.

Sie ist keine Veranstaltung.Sie ist unsere Identität.Und sie ist einer der Gründe, warum ich am USZ arbeite.

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