
„Ich habe letzte Nacht gar nicht geschlafen.“
So ein Satz fällt in der Pflege zwischen Tür und Angel. Beim Kaffee. Im Gang. Vor dem Dienst. Oft fast wie eine Randnotiz. Und manche Kolleginnen und Kollegen sind überzeugt, sie würden trotzdem funktionieren: bereit, Verantwortung zu tragen, konzentriert zu bleiben, nichts anmerken zu lassen und genau da liegt das Problem: Wir haben etwas Gefährliches normalisiert. Erschöpfung gilt als normal. Schlafmangel als Teil des Jobs. Ich glaube nicht, dass Erschöpfung Commitment ist. Erschöpfung ist ein Risiko.
Wir sind brutal gut darin, andere zu beobachten. Wir sehen die kleinste Veränderung im Zustand eines Menschen: ein anderer Blick, ein anderes Atemmuster, eine minimale Unruhe. Wir reagieren sofort. Nur bei uns selbst schalten wir auf stumm. Wir ignorieren unsere eigenen Vitalzeichen. Wir überspielen. Wir kompensieren. Wir lächeln.
Dabei kennen wir die Biologie. Ein müdes Gehirn ist langsamer, reizbarer, fehleranfälliger. Nicht weil du schlecht bist, sondern weil du ein Mensch bist. Du kannst die Naturgesetze nicht aushebeln, nur weil du „Super-Nurse“ bist. Und trotzdem arbeiten wir in einem Setting, das Klarheit, Stabilität und Präzision verlangt: Hochpräzisionsarbeit auf leerem Tank.
Wir haben auch das „später“ normalisiert: Pause später. Essen später. Trinken später. Sport später. Leben später. Später kommt selten. Später kommt als Rückenschmerzen, als Infekt, als Dauermüdigkeit, als Zynismus. Als dieser Moment, in dem du merkst: Ich bin nicht mehr einfach müde. Ich bin innerlich flach.
Darum müssen wir das neu rahmen. Selbstfürsorge ist nicht Wellness. Selbstfürsorge ist Patientensicherheit.
Schlaf ist kein Luxus, er ist Fundament. Wenn du müde bist, bist du nicht nur müde, du bist eingeschränkt. Essen ist keine Belohnung, sondern Treibstoff. Wenn du wartest, bis du am Zittern bist, hast du schon verloren. Bewegung ist nicht „noch ein To-do“, sondern Regulation. Du brauchst nicht zwei Stunden Gym. Du brauchst 20 Minuten Reset für dein Nervensystem: gehen, laufen, dehnen, atmen. Damit du wieder in deinen Körper zurückkommst.
Und das Unbequemste: Zeit für Familie und Freunde ist nicht Nebensache. Pflege ist Beziehungsarbeit. Wenn du privat nur noch funktionierst, wird deine berufliche Beziehung irgendwann kalt. Du gibst und gibst und gibst, bis du dich wunderst, warum du nichts mehr fühlst.
Der grösste Selbstbetrug in unserem Beruf ist der Satz: „Ich halte das aus.“ Ja, Pflegende sind resilient. Genau deshalb bleiben sie zu lange im Überlebensmodus. Und irgendwann verwechseln sie Überleben mit Leben.
Ich schreibe das nicht, weil ich es perfekt mache. Ich schreibe es, weil ich es bei mir selbst immer wieder merke. Und weil ich nicht will, dass wir weiterhin so tun, als wäre unsere Gesundheit optional. Wenn wir andere sicher tragen wollen, müssen wir selbst stabil stehen.

