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„Bist du eigentlich immer noch in der Pflege? Ich dachte, du bist inzwischen ganz in die Politik gegangen.“


Diesen Satz höre ich immer wieder, wenn ich ehemaligen Arbeitskolleginnen und Arbeitskollegen begegne, besonders jenen, die den Beruf schon vor Jahren verlassen haben. Und ich antworte fast immer gleich: Ja, ich bin noch in der Pflege.

Ich muss darüber nicht lange nachdenken. Trotz allem, was dieser Beruf mit sich bringt, liebe ich ihn noch immer.


Vielleicht klingt das für manche seltsam. Denn Pflege ist nicht einfach. Sie verlangt viel. Manchmal zu viel. Sie fordert einen körperlich, emotional und oft auch innerlich. Es gibt Tage, an denen man nach Hause geht und spürt, dass man etwas Sinnvolles getan hat. Und es gibt Tage, an denen man merkt, dass das System einem Grenzen setzt, obwohl man eigentlich noch mehr geben wollte. Wer lange genug in der Pflege gearbeitet hat, kennt beides.


Warum also bleibe ich?


Weil Pflege für mich nie einfach nur ein Job war. Pflege bedeutet, Menschen in verletzlichen Momenten zu begegnen. Sie bedeutet Präsenz, Verantwortung und Würde. Sie bedeutet, da zu sein, wenn jemand Angst hat, Schmerzen hat oder Orientierung braucht. Genau darin liegt für mich bis heute etwas sehr Wahres.


Gleichzeitig habe ich mit den Jahren immer deutlicher gesehen, wie widersprüchlich dieses Berufsfeld oft ist. Alle sagen, wie wichtig die Pflege ist. Und trotzdem wird oft so gehandelt, als würde sie schon irgendwie funktionieren. Als könnten Verantwortung, Belastung und Personalmangel dauerhaft mit Idealismus aufgefangen werden.


Vielleicht ist genau das der Grund, weshalb ich mich auch politisch engagiere. Nicht, weil ich der Pflege den Rücken kehren wollte. Sondern weil ich nah genug dran bin, um zu sehen, wo die Probleme liegen. Wer in der Pflege arbeitet, erlebt täglich, dass gute Versorgung nicht einfach vom guten Willen einzelner abhängt. Sie braucht genügend Personal, gute Arbeitsbedingungen und echte Wertschätzung, nicht nur schöne Worte.


Und dann gibt es noch einen ganz persönlichen Grund, warum ich mich weiter einbringe: Einer meiner Söhne kann sich vorstellen, selber einmal Pflegefachmann zu werden. Das macht mich stolz. Gleichzeitig spüre ich Verantwortung. Denn ich möchte nicht, dass die nächste Generation mit Idealismus in diesen Beruf einsteigt und dann an Bedingungen scheitert, die wir längst hätten verbessern müssen.






„Kannst du bitte einen PVK(Venenkatheter) legen? Mein Patient fragt nach dir. Beim letzten Mal hat er gar nichts gespürt.“

„Welcher Patient?“

„Zimmer 37.“

Meine Kollegin ergänzte: „Er wusste deinen Namen nicht mehr. Und er wusste nicht, wie er dich beschreiben soll. ‚Dunkelhäutig‘ oder ‚schwarz‘, er hat überlegt, was er sagen darf. Ehrlich gesagt war ich auch unsicher. Ich habe ihm einfach gesagt, du heisst Ounde.“


Ich musste kurz schmunzeln. Mein Name ist tatsächlich nicht der einfachste. In diesem Moment wurde mir aber etwas anderes bewusst: wie schwierig es für viele Menschen ist, mich zu beschreiben. Nicht aus Böswilligkeit. Aus Unsicherheit.

Früher wurde diese Unsicherheit manchmal anders aufgelöst, mit Worten, die verletzen. Das N-Wort fiel. Kolleginnen und Kollegen versuchten dann zu sensibilisieren. Meist ohne grossen Erfolg.


Dieser Patient hier meinte etwas ganz anderes. Er wollte einfach den Pfleger, bei dem er sich sicher gefühlt hatte. Mehr nicht. Und trotzdem wurde selbst diese schlichte Bitte zu einer heiklen Frage.

Ich ging ins Zimmer, stellte mich vor und machte einen Scherz: Wenn er sich meinen Namen beim nächsten Mal nicht merke, müsse er mir eine Tafel Schokolade mitbringen. Natürlich mit mehr als 75 Prozent Kakao. Er lachte.


Ich legte den Zugang, erklärte jeden Schritt. Er blieb ruhig. Am Ende sagte er: „Bei Ihnen bin ich sicher. Sie treffen die Vene ja sowieso immer beim ersten Versuch.“

Bevor ich ging, sagte ich ihm, dass er mich, falls er meinen Namen wieder vergessen sollte, auch einfach als den schwarzen Pfleger bezeichnen dürfe.


Schwarz, mit grossem S.


In der Pflege erleben wir täglich, wie zentral Vertrauen ist. Menschen geben Kontrolle ab. Sie lassen Nähe zu. Sie machen sich verletzlich. Gleichzeitig spüren wir, wie stark Sprache heute unter Beobachtung steht. Viele möchten respektvoll sein. Viele möchten niemanden verletzen.

Und doch wächst die Angst, das Falsche zu sagen.


Diese Unsicherheit ist verständlich. Sie gehört zu einem Lernprozess, der nicht ohne Reibung auskommt. Problematisch wird es dort, wo die Angst vor falschen Worten echte Begegnung verhindert. Wenn Menschen sich sprachlich zurückziehen, entsteht Distanz. Genau dort, wo Nähe entscheidend wäre.


Niemand steht ausserhalb von Prägungen, Bildern und Vorannahmen. Auch ich nicht. Entscheidend ist nicht, ob wir sie haben. Entscheidend ist, ob wir bereit sind, sie anzuschauen.

Was mir von dieser Begegnung bleibt,

Menschen erinnern sich selten zuerst an unsere Worte oder Namen. Sie erinnern sich daran, ob sie sich gesehen und sicher gefühlt haben.


Wer sich mit dieser Unsicherheit auseinandersetzen möchte und nach Orientierung sucht, findet im Glossar für rassismussensible Sprache von No to Racism eine hilfreiche Grundlage. Es zeigt, welche Begriffe verletzend oder problematisch sein können, welche Alternativen es gibt und warum Sprache Wirkung hat. Nicht als Sprachpolizei, sondern als Einladung, bewusster und respektvoller miteinander umzugehen.



Haben Sie eine Spritze für mich?“

Ich dachte zuerst, sie brauche wieder eines ihrer Schmerzmedikamente. In den letzten Tagen hatte sie häufiger danach gefragt.„Ja, sicher. Wie stark sind die Schmerzen?“, fragte ich, um zu wissen, welches Reservemedikament ich holen sollte.

„Ich habe keine Schmerzen“, sagte sie.

Ich hielt kurz inne.„Sie möchten eine Spritze gegen Schmerzen?“

„Ja. Eine Spritze gegen Schmerzen. Ich möchte diesen Schmerz ein für alle Mal beenden.“

In diesem Moment wurde mir klar, dass wir nicht über körperliche Schmerzen sprachen.


Ich setzte mich zu ihr. „Ich kann Ihnen etwas geben. Es wird die Schmerzen für eine gewisse Zeit lindern. Wenn sie wiederkommen, klingeln Sie einfach. Dann gebe ich Ihnen wieder etwas.“

Sie schüttelte den Kopf.„Nein. Ich will etwas, das alles beendet. Ich bin müde. Ich kann nicht mehr. Meine Tochter will, dass ich kämpfe. Aber ich habe keine Kraft mehr.“


Zum ersten Mal sah ich Tränen in ihren Augen, Dieser Moment ist mir bis heute geblieben.


Sie war über achtzig Jahre alt. Sie lebte mit einem Tumor, der nicht operiert werden konnte. Die erste Chemotherapie hatte nicht gewirkt. Die zweite ebenfalls nicht. Nun stand eine dritte Therapielinie im Raum mit Bestrahlung, vielleicht mit dem Ziel, Schmerzen zu reduzieren, vielleicht in der Hoffnung, doch noch Zeit zu gewinnen.


Ihr Mann war fünf Jahre zuvor gestorben. Seitdem war sie zunehmend allein. Die Krankheit hatte nicht nur ihren Körper geschwächt, sie hatte auch ihre Welt kleiner gemacht.. Entscheidungen über weitere Therapien wurden immer schwerer. Nicht nur wegen der medizinischen Prognose, sondern wegen der emotionalen Verantwortung, die sie für ihre Familie empfand.


Sie sagte, sie sei schon lange bereit gewesen zu gehen.Doch sie blieb. Für ihre Tochter. Für die Familie. Für das Gefühl, noch gebraucht zu werden.


Solche Situationen sind kein Einzelfall. Ich erlebe sie immer wieder. Menschen am Lebensende kämpfen nicht nur gegen eine Krankheit.

Sie kämpfen gegen Erwartungen.

Gegen Schuldgefühle.

Gegen die Angst, andere im Stich zu lassen.


In diesen Momenten wird sichtbar, wie komplex medizinische Entscheidungen wirklich sind. Eine Therapie ist selten nur eine medizinische Frage. Sie ist auch eine Frage von Hoffnung, von Beziehung und von Verantwortung.

Wann ist Weiterkämpfen Ausdruck von Lebenswillen? und wann wird es zu einer Erwartung, die ein Mensch kaum noch tragen kann?


Für mich sind solche Begegnungen nie Routine. Ich höre Sätze, die man nicht einfach abhaken kann. Ich sitze einem Menschen gegenüber, der nicht nur krank ist, sondern erschöpft vom Tragen, Hoffen und Rücksichtnehmen. In solchen Momenten spüre ich, wie schmal der Grat ist zwischen professioneller Klarheit und menschlicher Erschütterung. Ich kann nicht einfach nur Medikamente richten verabreichen und weitergehen.


Ich muss zuhören, aushalten, einordnen und zugleich meine Verantwortung wahrnehmen. Denn nicht jeder Wunsch darf aus Verzweiflung heraus sofort zur Entscheidung werden. Gerade darin liegt die Schwierigkeit: da zu sein, ohne zu drängen. Ehrlich zu bleiben, ohne hart zu werden. Und einen Menschen ernst zu nehmen, auch dort, wo es keine einfache Antwort mehr gibt.


Gerade deshalb sind Gespräche über das Lebensende so wichtig lange bevor alle Optionen ausgeschöpft sind. Patientenverfügungen, ehrliche Gespräche in Familien, klare Vorstellungen über Therapieziele können helfen, Druck aus Situationen zu nehmen, die sonst von Unsicherheit geprägt sind.


Auch als Gesellschaft stehen wir vor einer wichtigen Frage. Wir verfügen über immer mehr medizinische Möglichkeiten. Doch sprechen wir genügend darüber, wann genug genug ist? Unterstützen unsere Strukturen Menschen wirklich dabei, in Würde Entscheidungen zu treffen? Oder organisieren wir oft einfach das Weiterkämpfen, weil Loslassen schwer auszuhalten ist?



Manchmal habe ich den Eindruck, dass nicht nur Krankheiten schwer wiegen sondern auch die Erwartungen der Menschen, die uns lieben.



Loslassen wird noch immer zu oft als Aufgeben verstanden. Dabei kann es auch ein Ausdruck von Respekt sein. Respekt vor der Lebensleistung eines Menschen. Respekt vor seiner Erschöpfung. Respekt vor seinem Wunsch, selbst zu bestimmen, wie der letzte Abschnitt seines Lebens aussehen soll.

Die Art, wie wir Menschen in ihrer letzten Lebensphase begleiten, sagt viel darüber aus, was für eine Gesellschaft wir sein wollen.

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