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Jedes Jahr beginnt mit Wünschen

Jedes Jahr beginnt mit Wünschen. Man schreibt sie in Nachrichten, man nimmt sich Dinge vor, man macht Pläne. Bei mir beginnt ein Jahr oft anders. Nicht mit einem grossen Vorsatz, sondern mit Momenten, die hängen bleiben. Mit Gesprächen, die nachklingen. Mit Sätzen, die man nicht mehr loswird. Und mit dieser stillen Frage: Was mache ich eigentlich mit meiner eigenen Zeit?


Was ich aus 2025 mitnehme

Wenn ich auf 2025 zurückblicke, bleiben mir viele Begegnungen. Ich nehme Teile davon mit nach Hause: Schmerzen, Hoffnungen, kurze Lacher, stille Angst, ein Blick, der mehr sagt als jeder Satz. Nicht in meinen Händen, sondern in meinem Kopf. Und ich merke: Einige dieser Begegnungen haben nicht nur meinen Alltag geprägt. Sie haben verändert, wie ich in 2026 hineingehe.


Eine Frau, ein Wunsch und ein Spiegel

Früh im Jahr war da eine Frau, an die ich oft denke. Die Situation war schwer, die Realität klar. Und trotzdem war sie wach, freundlich, lebendig. So eine Person, bei der man nach wenigen Minuten spürt: Hier sitzt ein ganzer Mensch, nicht nur eine Diagnose. Wir redeten über Alltägliches, und irgendwann über das Jahr. Ich fragte sie eher nebenbei, ob etwas Besonderes ansteht, ein runder Geburtstag, eine Reise, ein Fest. Da füllten sich ihre Augen. Sie entschuldigte sich fürs Weinen, und im Zimmer wurde es still. Diese Stille, die man nicht füllen kann und auch nicht füllen sollte.

Ich liess ihr Zeit. Und als sie wieder Luft hatte, fragte ich anders. Nicht, um sie wegzuziehen von der Realität, sondern um ihr Raum zu geben: Wenn alles perfekt laufen würde, was würdest du dann machen?

Sie sagte, sie würde auf eine Insel reisen, die sie schon lange sehen wollte. Kein grosses Drama, keine Show. Einfach ein Wunsch, leise ausgesprochen, und gerade darum so stark. Wir hatten danach einen erstaunlich guten Tag. Mit kleinen Momenten, die leicht waren. Ein paar Lacher. Ein paar ehrliche Sätze. Und dieses Gefühl, dass Leben auch dann passiert, wenn der Horizont enger wird.

Als ich nach Hause ging, kam eine unbequeme Frage hoch: Was schiebe ich in meinem eigenen Leben ständig auf, obwohl es mir wichtig ist? Ich bin gut darin, mir gute Gründe zu geben. Die klingen sogar verantwortungsvoll: Die Kinder sollen noch etwas älter sein. Der Zeitpunkt muss passen. Wenn es bei der Arbeit ruhiger ist. Vielleicht verbunden mit dem New York Marathon. Vielleicht später, mit mehr Planung. Und plötzlich wird aus „später“ einfach „nie“.

Diese Frau hat mir keinen Plan gegeben. Sie hat mir einen Spiegel hingehalten. Ich dachte an meinen Bruder in den USA, der seit Jahren dort lebt. Ich dachte daran, wie oft ich gesagt hatte: „Irgendwann komme ich.“ Als wäre Zeit selbstverständlich. Und da wurde mir klar: Wenn ich auf den perfekten Moment warte, warte ich ewig. Also habe ich aufgehört zu verhandeln. Ich habe den Flug gebucht. Ich bin gegangen. Ich habe ihn besucht. Diese Entscheidung entstand nicht am Schreibtisch. Sie entstand in einem Spitalzimmer.


Wenn niemand kommt

Später im Jahr kam eine andere Art von Lektion. Nicht als einzelne Szene, sondern als Muster. Es gab Menschen, die starben, ohne echte Verbindungen. Nicht „wenig Besuch“, sondern gar niemand. Keine Kontaktpersonen. Keine Telefonnummern. Niemand ruft an. Niemand kommt. Nur Leere um ein Leben, das Jahrzehnte gedauert hat.

Einmal starb ein Mann, etwa 45. In unserem Umfeld ist das jung. Zu jung. Der Einzige, der ab und zu auftauchte, war ein Nachbar. An dem Tag, als der Patient gestorben war, kam der Nachbar am Nachmittag vorbei. Ich musste ihm sagen, dass er tot ist, und fragte, ob er ihn noch sehen möchte. Er sagte nein, drehte sich um und ging. Einfach so.

Ich kann mit Tod umgehen. Das ist Teil meines Berufs. Was mich getroffen hat, war die Einsamkeit darum herum. Die Vorstellung, dass jemand über 40 Jahre lebt und am Ende niemand da ist, um sich zu verabschieden. Wir begleiteten ihn zur Aufbahrung. Wir waren die letzten Menschen, die neben ihm gingen. Ich erinnere mich, dass ich innerlich etwas sagte wie: Ruhe sanft, geh gut. Und gleichzeitig dachte ich: Das darf doch nicht alles sein.

Diese Situationen haben mich zu einer ehrlichen Frage gezwungen: Wie sieht mein eigenes Netz aus? Und bin ich selbst ein Mensch, der für andere Teil dieses Netzes ist?


Sozialkapital ist ein echtes Netz

Sozialkapital ist kein Modewort. Es ist nicht „Networking“. Es ist das menschliche Fundament: Beziehungen, die tragen. Menschen, die man anrufen kann. Menschen, die einen anrufen. Vertrauen, Verlässlichkeit, gegenseitige Präsenz. Es geht nicht darum, viele Kontakte zu haben. Es geht darum, dass jemand kommt, wenn es ernst wird. Und es geht genauso darum, ob ich selbst komme.


Ein Satz, der nachwirkt

Dann gab es noch einen Mann, Anfang siebzig, voller Lebensfreude, ohne naiv zu sein. Man merkte: Er hat viel gesehen, und trotzdem hat er sich für Leichtigkeit entschieden. Er sprach ruhig, klar, ohne etwas beweisen zu wollen. Er sagte sinngemäss: Viele Menschen warten zu lange. Sie halten sich zurück, obwohl sie wissen, dass sie mehr könnten. Sie warten, bis sie sich „bereit“ fühlen. Und genau dadurch verschieben sie das, was ihnen eigentlich wichtig wäre.

Das blieb bei mir hängen, weil ich in einem anderen Bereich meines Lebens ebenfalls vor einer Entscheidung stand. Politik fordert Zeit, Geduld, Nerven. Und sie fordert, dass man bereit ist, öffentlich bewertet zu werden. Mir war klar: Wenn ich es wieder mache, dann richtig. Mit Klarheit. Mit Einsatz. Nicht halb drin, halb draussen.

Also bin ich wieder angetreten für den Gemeinderat. Und ich wurde gewählt.


Gemeinderat: Vertrauen ist ein Auftrag

Das war für mich nicht einfach ein Wahlergebnis. Es ist ein Auftrag. Vertrauen, das ich mir nicht nur abholen darf, sondern jeden Tag verdienen muss. Und es hat mich daran erinnert: Menschen wählen nicht nur Programme. Sie wählen Verlässlichkeit. Sie wählen, ob sie glauben, dass du da bist, wenn es zählt.


Was ich mir für 2026 wünsche

Was wünsche ich mir für 2026? Keine Perfektion. Kein Jahr ohne harte Momente. Ich wünsche mir ein Jahr, in dem ich zuerst Mensch bin. In dem ich meine Energie schütze, damit ich präsent bleiben kann, bei den Menschen um mich herum und bei denen, die mir wichtig sind. Ich wünsche mir, dass ich Beziehungen bewusst pflege: mehr melden, mehr Dankbarkeit, mehr Verbindlichkeit, weniger „wir müssten mal“. Und ich will das Vertrauen aus der Wahl ernst nehmen und die Arbeit im Ressort Bildung so machen, wie sie es verdient: mit Einsatz, mit Zuhören, mit Entscheidungen, die langfristig tragen.

Und ja, ich hoffe auch auf mehr gute Nachrichten. Mehr Erleichterung. Mehr Momente, in denen Familien aufatmen können. Mehr Geschichten, die besser ausgehen. Und wenn das nicht möglich ist, dann hoffe ich auf Würde, auf so wenig Leid wie möglich und auf Liebe, die auftaucht, wenn sie gebraucht wird. Auch das ist Erfolg.


Meine Frage an dich

Das ist mein Start ins Jahr. Keine Liste von Vorsätzen, sondern Lektionen, die ich nicht aus einem Buch habe. Ich habe sie von Menschen gelernt, die gezwungen waren, schnell zu entscheiden, was wirklich zählt.

Was nimmst du aus 2025 mit, das du in 2026 nicht vergessen willst?

Sie sehen es fast überall im Spital:

Pflegefachpersonen sitzen vor Bildschirmen, die Finger bewegen sich schnell über Tastaturen, der Blick springt zwischen Kurven, Laborwerten und Verordnungen. Von aussen wirkt das manchmal wie 'sitzen und klicken'. Ich verstehe diese Irritation, besonders wenn Sie als Patient warten oder als Angehörige nach Orientierung suchen.

Letzte Woche ist mir diese Lücke zwischen dem, was sichtbar ist, und dem, was tatsächlich passiert, besonders bewusst geworden. Es war bereits nach Feierabend, doch ich sass noch am Computer. Nicht aus Ineffizienz, sondern weil es Dinge gab, die ich nicht einfach liegenlassen konnte – Einträge, die für die nächste Schicht wichtig sind, Informationen, die dafür sorgen, dass Ihre Behandlung nahtlos weiterläuft. Als ich endlich Richtung Ausgang ging, begegnete ich einer Patientin im Gang. Ich freute mich ehrlich, sie wieder auf den Beinen zu sehen – ein paar Tage zuvor war sie noch deutlich schwächer gewesen. Jetzt ging sie langsam, aber selbstständig, ein Hauch von Erleichterung im Gesicht.

Sie schaute mich überrascht an: 'Immer noch da?'

Ich lächelte: 'Ja, ich habe nur noch fertig dokumentiert.'

Sie lachte: 'Ich dachte, Sie sitzen da und schauen Formel 1 fertig.' Der Moment war leicht und freundlich. Und doch hat er bei mir etwas ausgelöst er zeigte, was viele Menschen wirklich denken, wenn sie am Stützpunkt vorbeigehen: 'Die sitzen nur da. Die haben Zeit. Die kümmern sich nicht.'

Und genau dort beginnt das Problem. Denn was Sie sehen, ist ein Bildschirm. Was Sie nicht sehen, ist das, was wir in diesen Minuten für Sie absichern.


 

Pflege findet nicht nur am Bett statt. Ein grosser Teil ist heute unsichtbar: Dokumentation, Koordination, Abgleiche, Kommunikation mit Ärzt:innen, mit Physiotherapie, Radiologie, Apotheke und vielen anderen Stellen. Das klingt nach Büro. In Wahrheit ist es Teil der Behandlung.

An Tagen, an denen ich Tagesverantwortung trage, wird es besonders deutlich. Zwischen mir und der Stationskoordination laufen oft Dutzende bis über hundert Telefonate und Rückfragen. Es geht um Patient:innen mit komplexen Krankheitsbildern, um kleine Details, die in der Summe entscheiden, ob es stabil bleibt oder kippt. Und viele dieser Fragen kann ich nicht einfach aus dem Kopf beantworten. Meine kolleg:innen und Ich muss nachschauen, prüfen, mit Kolleg:innen abgleichen. Manchmal bedeutet das: Telefon in die Hand, System öffnen, Verlauf prüfen. Das ist keine Beschäftigungstherapie. Das ist das Sicherheitsnetz, das im Hintergrund gespannt wird.


 

In der Hämatologie entscheidet oft der Trend, nicht der Einzelwert

Für viele Patientinnen und Patienten ist das Labor nicht einfach ein Ergebnis. Es ist Hoffnung und Angst zugleich. Blutwerte entscheiden mit darüber, ob eine Therapie weitergeht, ob eine Infektion droht, ob eine Transfusion nötig wird, ob jemand stabil genug ist für den nächsten Schritt.

Wenn wir Blut abnehmen, warten die Patient:innen oft innerlich mit: Sind die Werte besser als gestern? Und manchmal geht es um Minuten, nicht um Stunden. Am Bildschirm schaue ich nicht nur einen Wert an. Ich schaue auf Veränderungen. Was hat sich seit gestern oder heute Morgen verschoben? Was ist stabil? Was ist ein Warnsignal? Was muss sofort eskaliert werden, bevor es klinisch sichtbar wird? Von aussen wirkt das wie Tippen. In Wahrheit ist es Überwachung, Einordnung und Vorbereitung auf Entscheidungen.



Nach einer Visite kommen oft neue Verordnungen: Medikamente, Dosisänderungen, Monitoring, Diagnostik, neue Massnahmen wegen neuer Symptome. Diese Anordnungen müssen nicht nur irgendwie umgesetzt werden, sondern korrekt, vollständig und zum richtigen Zeitpunkt. Dazu gehört auch, Fragen zu stellen, wenn etwas nicht passt: Ist die Dosierung plausibel? Passt es zur Nierenfunktion? Gibt es Allergien? Interaktionen? Doppelverordnungen? Was ist priorisiert, was kann warten? Das System warnt uns manchmal. Aber denken müssen wir trotzdem selbst. Die Software ersetzt keine Verantwortung.

 

Am Stützpunkt laufen die Fäden zusammen: Labor, Mediplan, Vitalzeichen, neue Anordnungen, Abklärungen mit Physio, Radiologie und Apotheke, Austrittsplanung, Transporte, Hilfsmittel, Spitex, Gespräche mit Angehörigen, Rückfragen von Ärztinnen und Ärzten. Das ist keine Büroarbeit nebenbei. Das ist Teil der Behandlung. Wenn wir am Computer sitzen, arbeiten wir häufig nicht weg von Ihnen, sondern für Sie.

 


Trotzdem wäre es unehrlich, nur die Vorteile aufzuzählen. Der Bildschirm schluckt Aufmerksamkeit. Punkt. Wenn wir nicht aktiv dagegensteuern, entsteht Distanz. Für Sie fühlt es sich so an, als ob Sie uns nicht erreichen. Für uns fühlt es sich an wie ein Dauerzustand zwischen zwei Pflichten: Ich muss dokumentieren und Ich sollte im Zimmer sein.

Technologie darf nie zum Schutzschild werden. Sie ist ein Werkzeug. Beziehung bleibt unsere Verantwortung. Und ich glaube: Genau diese Ehrlichkeit braucht es, damit Vertrauen möglich bleibt.

Deshalb setzen einige Spitäler mit Lean Management auf sogenannte Lean-Wagen, damit Pflegefachpersonen in festgelegten Zonen arbeiten können, die näher bei den Patienten sind. Und in Zimmern mit vier Betten – ja, die gibt es noch in manchen Spitälern – werden Pflegefachpersonen so eingeplant, dass sie möglichst viel Zeit im Zimmer verbringen können, mit allen Vor- und Nachteilen, die das mit sich bringt.

 

Was wir als Pflege konkret besser machen können

 

Bevor ich mich für längere Zeit an den Computer setze, hilft häufig ein kurzer Kontakt. Nicht irgendwann. Jetzt. Blickkontakt, Name, eine kurze Frage: Wie geht es Ihnen gerade? Ein Satz Erklärung: Ich trage jetzt Ihre Vitalzeichen ein, damit die Ärztin oder der Arzt sie sofort sieht. Ein Zeitanker: Ich bin in etwa 15 Minuten wieder bei Ihnen. Eine letzte Klärung: Brauchen Sie vorher noch etwas?

Das dauert keine Minute und schafft Verständnis.

Wenn es die Situation zulässt, dokumentiere ich noch in Patientenzimmer oder erkläre kurz, was ich gerade erfasse: Ich dokumentiere jetzt, dass Sie das Schmerzmittel um 14:00 erhalten haben, damit die nächste Schicht es sicher weiss. Ein Satz, der aus Tippen wieder Pflege macht.

Wenn man alles bis zum Ende liegen lässt, entsteht Überzeit (passiert bei mir ab und zu, und ich weiss, ich muss mich verbessern), Fehleranfälligkeit und für Sie das Gefühl: Es passiert nichts. Kurze, regelmässige Dokumentationsblöcke und klare Teamabsprachen sorgen dafür, dass immer jemand erreichbar bleibt und die Arbeit nicht explodiert.

 

Was Sie als Patientin, Patient oder Angehörige tun können


Wenn etwas dringend ist, sagen Sie es klar und kurz: Mir ist übel und es wird stärker. Mein Schmerz ist jetzt 8 von 10. Ich bekomme schlecht Luft. Das hilft uns, sofort zu priorisieren.

Fragen, die Ihnen Orientierung geben und uns beim Planen helfen: Wann kommen Sie ungefähr wieder? Wann werden die Laborwerte voraussichtlich angeschaut?

Notieren Sie zwei bis drei Fragen für die Visite oder den nächsten Check-in. Das entlastet die Situation und führt oft zu besseren, ruhigeren Antworten.

 

Wenn Sie Ihre Pflegefachperson am Computer sehen, denken Sie bitte nicht zuerst an Netflix Tennis oder Formular 1. Denken Sie an ein Sicherheitsnetz. Hinter dem Bildschirm werden Verläufe geprüft, Risiken erkannt, Medikamente abgesichert, Abklärungen koordiniert und Übergaben vorbereitet, damit die nächste Schicht nahtlos weiterarbeiten kann.

Gleichzeitig ist Ihre Wahrnehmung legitim: Sie wünschen Präsenz, Orientierung und das Gefühl, gesehen zu werden. Genau darum ist die Aufgabe nicht, Computerarbeit zu verteidigen. Die Aufgabe ist, die Lücke zu schliessen: durch klare Kommunikation, kurze Check-ins und einen Pflegealltag, der Sicherheit und Menschlichkeit gleich ernst nimmt.

 

Ihre Perspektive interessiert mich: Wie haben Sie Technologie im Spital erlebt, als Patient:in oder Angehörige:r? Und falls Sie im Gesundheitswesen arbeiten: Was hilft Ihnen konkret, Bildschirmzeit und Bettzeit in Balance zu bringen?

 



Ich begegnete Noemi an einem Donnerstagnachmittag, wie man ihn auf einer hämatologischen Station dutzendfach erlebt und gleichzeitig niemals wirklich routiniert. Ich war gerade auf dem Weg zum Materialraum, als ein Klingelton aus Zimmer 17 mich erreichte. Ich öffnete die Tür und sagte meinen Standardsatz, der sich im Lauf der Jahre in meinem Beruf eingeprägt hat: Guten Tag. Wie kann ich behilflich sein.

Noemi lag halb aufgerichtet im Bett. Blass, schmal, ein feiner Schweissfilm auf der Stirn. Dieser besondere Ausdruck, den man als Pflegefachperson sofort erkennt, eine Mischung aus körperlichem Kampf und klarem Bewusstsein. Ihre Atemzüge waren kurz und eng, als müsste jeder einzelne durch ein Nadelöhr. Mir ist übel, sagte sie. Auf einer Skala von eins bis zehn bin ich bei acht.

Ein Blick auf den Infusionsständer genügte. Laufende Chemotherapie, die den Körper zerstört, um ihn neu aufzubauen. Eine Übelkeit dieser Stärke war ein Warnsignal. Ich reagierte instinktiv. Ich lief ins Medikamentenzimmer, prüfte die Verordnung, suchte ihr Reservemittel, bereitete es vor, ging zurück, verabreichte es und dokumentierte jeden Schritt. Danach blieb ich noch einen Moment, um sicherzugehen, dass sie keine weiteren Fragen hatte und alles vorerst stabil war.

Auf dem Gang traf ich ihre Bezugspflegefachperson. Sie ist ganz eine Liebe, sagte sie. Und so jung, ergänzte ich. Damals wusste ich, wie intensiv die kommenden Wochen werden würden, aber nicht, dass diese junge Frau zu meiner Lieblingspatientin werden sollte.


Der lange Weg durch Therapie und Komplikationen

Die Induktion und die darauffolgenden Wirkungen und Nebenwirkungen dauerten fünf Wochen. Doch Noemis Weg führte über Monate immer wieder durch unser Spital. Eine akute myeloische Leukämie macht aus Menschen keine Patientinnen im klassischen Sinn. Sie macht sie zu Reisenden zwischen Alltagswelt und medizinischer Realität.

Manchmal kam sie wegen Kontrollterminen. Oft wegen Komplikationen, Übelkeit, Erbrechen, Gewichtsverlust, Müdigkeit, die so schwer war, dass schon das Sitzen eine Leistung wurde. Und meistens wegen Infektionen, klein begonnen, gross eskaliert und immer gefährlich. Leukämie ist kein linearer Weg. Keine Heldengeschichte. Sie ist ein Labyrinth mit Sackgassen und Wendungen, die keiner Logik folgen.

Einige Patientinnen tauchen zwischen ihren Therapiezyklen ab und melden sich erst wieder, wenn es nicht anders geht. Andere verlieren sich in der Krankheit. Und dann gibt es jene, die trotz allem präsent bleiben und in Verbindung bleiben, weil sie verstanden haben, dass professionelle Begleitung eine Art Anker sein kann. Noemi war eine von ihnen.

Mit jedem Aufenthalt sprachen wir eine klarere Sprache miteinander. Nicht im privaten Sinn, sondern im klinischen, präzisen, effizienten. Sie begann, ihre Symptome so zu beschreiben, wie wir es in Lehrbüchern idealisieren und im Alltag nur selten erleben.

Sie sagte keine vagen Sätze

 wie mir geht es nicht gut.

Sie sagte Stechender Schmerz, linker Unterbauch, sechs von zehn, seit zwei Stunden.

Sie sagte nicht ich kann nicht mehr.

Sie sagte Ich schaffe es heute nicht allein aufs WC. Essen probiere ich trotzdem.


Die gemeinsame Sprache, die alles veränderte

Diese Sprache veränderte den gesamten Behandlungsverlauf. Sie gab uns Geschwindigkeit. Sie gab uns Richtung. Sie gab uns Sicherheit. Nach ein paar Monaten wusste sie fast intuitiv, was wir jeden Morgen wissen mussten. Sie wog sich selbst und schrieb das Resultat an die Wandtafel. Sie notierte, ob sie Stuhlgang hatte, wie stark ihre Übelkeit war und ob Fieber im Anflug war. Ihre Tafel wurde zu einem präzisen Tagesprotokoll und zu einem Symbol ihrer Haltung. Sie kämpfte nicht nur gegen die Krankheit. Sie kämpfte mit uns.

Ich wusste bald, was bei ihr funktionierte. Welche Vene eine Blutentnahme überstand. Welche Speise an Übeltagen möglich war. Welche Medikamente sie vertrug. Und ich wusste, wofür sie kämpfte. Für ihre Schwester. Für ihren Freund, der vier Stunden Zug fuhr, nur um zwei Stunden bei ihr zu sein. Für die Reiseziele, von denen sie während der Chemotherapien sprach, Japan zur Kirschblüte, Island mit dem Wind im Gesicht, Neuseeland mit Ruhe statt Angst im Brustkorb.

Ich erlaubte mir seltenes, vorsichtiges Neckischsein. Nach deinem Studium kommst du zu uns arbeiten, sagte ich. Du kennst unsere Abläufe jetzt besser als manche Praktikanten. Sie lachte. Ein echtes, stilles Lachen, das den Raum heller machte.


Nächte, die man nicht vergisst

Doch eine AML ist unerbittlich und in manchen Nächten grausam. Eine Szene hat sich tief eingeprägt. Noemi entwickelte innerhalb von Minuten hohes Fieber, 39.8 Grad, Schüttelfrost, ein Zittern, das durch die Decken drang. Ihre Lippen waren etwas bläulich, ihre Hände eiskalt. Wir mussten sie isolieren. Ich erinnere mich an ihre Haltung, wie sie auf dem Bett sass, die Knie angezogen, den Blick auf einen Punkt irgendwo auf dem Boden gerichtet. Ich fühle mich, als würde mein Körper mich verlassen, sagte sie. Keine Dramatik. Nur Wahrheit.

Wir legten neue Zugänge, nahmen Blutkulturen ab und starteten Antibiotika. Wir arbeiteten konzentriert, schnell, routiniert und gleichzeitig mit dem Wissen, dass dies einer jener Momente war, in denen die Krankheit versucht, sich Raum zu nehmen. Sie weinte in dieser Nacht. Leise. Nicht verzweifelt, nicht klagend. Es waren Tränen, die einfach fielen, weil sie fallen mussten. Für mich war das einer der Momente, in denen man die Würde eines Menschen nicht in seinem Mut sieht, sondern in seiner Ehrlichkeit.

Als sie später in die Reha wechselte, war das kein Happy End. Aber es war ein Übergang. Ein Schritt heraus aus den engen Rhythmen von Infusionen, Alarmen, Laborwerten und den immer gleichen Routinen. Sie sagte Ich will reisen. Ich will dokumentieren, was ich sehe. Nicht für Likes. Für mich. Damit ich weiss, dass ich zurück im Leben bin. Ich sah sie in diesen Worten lebendig werden, nicht körperlich, aber geistig, als ob sie schon einen Fuss auf japanischem Boden hatte, noch bevor sie das Spital verliess.


Menschliche Kompetenz – das Fundament guter Behandlung

Heute, wenn ich an Noemi denke, sehe ich nicht mehr die junge Frau aus Zimmer 17, schweissnass, blass, kämpfend. Ich sehe eine Person, die durch ihre Haltung Raum geschaffen hat – Raum für Vertrauen, für professionelle Nähe, für echte Zusammenarbeit mitten im Ausnahmezustand. Nicht, weil sie „tapfer“ war, sondern weil sie etwas bewahrt hat, was in der Akutmedizin oft schleichend verloren geht:

ihre Kompetenz als Mensch. Die Fähigkeit, sich auszudrücken. Zu beschreiben, was sie braucht. Zu sagen, was weh tut und wo Grenzen liegen. Die Fähigkeit, sich nicht auf „Patientin“ reduzieren zu lassen, sondern als Person sichtbar zu bleiben.

Genau diese menschliche Kompetenz verändert die Behandlung. Sie macht Therapie sicherer. Sie macht Pflege präziser. Sie lässt uns Ärztinnen, Pflegende und Therapeutinnen besser handeln – weil wir verstehen, wen wir vor uns haben und was dieser Mensch in diesem Moment wirklich braucht.

Ihre Geschichte ist nicht abgeschlossen. Noemi kommt weiterhin regelmässig auf die Station: für Therapien, für Kontrollen, manchmal für Infekte, die wir inzwischen schneller erkennen. Manchmal bringt sie ein Lächeln mit. Manchmal Erschöpfung. Manchmal einfach Stille. Und jedes Mal entsteht dieselbe Mischung aus Sorge, Respekt und dieser leisen, tiefen Freude, die nur entsteht, wenn man einen Menschen wieder sieht, dessen Weg man ein Stück weit mitgetragen hat.

Ich wünsche ihr, dass sie eines Tages unter Kirschblüten steht, oder vor einem Vulkan, oder einfach irgendwo sitzt und tief einatmet – ohne Angst. Aber noch mehr wünsche ich ihr, dass sie das behalten kann, was sie durch all diese Monate getragen hat: ihre Fähigkeit, Mensch zu bleiben, auch in der Krankheit.

Denn genau das ist es, was uns im Spital hilft, unsere Arbeit gut zu machen. Nicht perfekte Werte. Nicht Heldengeschichten.

Sondern Menschen, die sich zeigen  klar, verletzlich, aufrichtig. Menschen wie Noemi.

 

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