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„Wir sind nächste Woche in den Ferien und es wird niemand da sein, der sich um Grossmutter kümmern kann. Kann sie so lange hier im Spital bleiben, bis wir zurück sind?“ – Diese Frage stellte mir kürzlich die Tochter einer Patientin, deren Zustand nach erfolgreicher Behandlung stabil war.

Ich arbeite in einem Universitätsspital – nicht in einer Übergangspflegeeinrichtung, nicht in einem Pflegeheim. Und trotzdem begegnen mir solche Bitten beinahe täglich. Es sind keine medizinischen Fragen mehr, sondern soziale Hilferufe.

Ich dachte kurz nach – und antwortete, wie es mir meine 18 Jahre in der Schweiz beigebracht haben: diplomatisch, aber klar.„Ich verstehe gut, dass Sie nächste Woche nicht da sein werden. Aber der Zustand Ihrer Mutter ist stabil, ihre Laborwerte haben sich normalisiert. Aus medizinischer Sicht gibt es keinen Grund mehr, sie im Spital zu behalten. Ich empfehle Ihnen eine Übergangspflege oder eine Kur – das unterstützt ihre Genesung.“

 

Wenn das Spital zur letzten Hoffnung wird

Solche Situationen sind längst keine Ausnahme mehr. Unser Pflegesystem gerät an seine Grenzen – und das Spital wird zum Auffangnetz, weil andere Versorgungsformen fehlen.

Was wir in der Schweiz erleben, ist kein Einzelfall. Auch die österreichische Ärztin Monika Ferlitsch beschreibt diese Entwicklung treffend: Akutspitäler werden zunehmend zur Lösung für Betreuungslücken – obwohl sie dafür weder gebaut noch ausgerüstet sind.

 

Angehörige am Limit

Ich mache den Angehörigen keinen Vorwurf – ganz im Gegenteil. Ich sehe, wie sie kämpfen: mit der Pflege, mit dem Alltag, mit ihrer eigenen Belastung. Sie geben ihren Beruf auf, verzichten auf Einkommen, verlieren soziale Kontakte – alles aus Liebe.

Ich habe erschöpfte Töchter, verzweifelte Ehemänner, überforderte Enkel erlebt. Immer mit demselben Satz:„Ich kann nicht mehr. Bitte helfen Sie.“

Doch genau da beginnt das Dilemma: Wenn pflegende Angehörige ausfallen, bleibt oft nur das Spital – nicht aus medizinischer Notwendigkeit, sondern weil es keine Alternativen gibt.

 

Fakten, die das Problem belegen

Dass diese Entwicklung kein Einzelfall ist, belegen zahlreiche Studien:

  • 📈 Obsan-Bulletin 1/2022: Der Pflegebedarf wächst rapide, das Angebot hinkt hinterher.

  • 📊 BFS-Pflegebericht 2020: Die Zahl der Pflegebedürftigen wird sich bis 2040 verdoppeln.

  • 🛏 H+ warnt vor zunehmenden „sozialen Hospitalisierungen“ – Belegung von Akutbetten ohne medizinische Indikation.

  • 💬 Universität Basel (2023): Über 60 % der pflegenden Angehörigen fühlen sich psychisch stark belastet, 40 % wünschen sich mehr Unterstützung.

  • 🌍 OECD & European Observatory: Die Schweiz hat Nachholbedarf bei der Integration von Gesundheits- und Sozialversorgung.

 

Pflege ist längst eine öffentliche Aufgabe

Pflege darf nicht länger als Privatsache behandelt werden. Sie ist eine zentrale Säule unserer Gesellschaft – und verdient politische, strukturelle und finanzielle Anerkennung.

 

Was es jetzt braucht

✅ Kurzzeit- und Übergangspflegeplätze, die schnell verfügbar und klar finanziert sind – ohne lange Wartezeiten

Entlastungsangebote für Angehörige: Tagesstrukturen, betreute Ferienaufenthalte, Nachtbetreuung, psychologische Begleitung, Case Management

Pflegehotels: wohnliche, medizinisch betreute Übergangslösungen

Diese Forderungen sind keine Träumereien. Sie sind realistisch – und werden auch vom SBK-Dossier 2023 unterstützt.

 

Zeit für einen Systemwechsel

Pflege darf nicht länger aus der Perspektive der Lücke gedacht werden. Sie gehört ins Zentrum unseres Gesundheitssystems.

Dazu braucht es:

  • Eine nationale Pflegeplanung,

  • eine koordinierte Finanzierung,

  • und politischen Mut, Pflege als das zu behandeln, was sie ist: Ein Grundpfeiler unserer Gesellschaft.

 

Es geht um mehr als Versorgung

Es geht um Würde – für Pflegebedürftige, für Angehörige, für Pflegefachpersonen.

Wenn Akutspitäler weiterhin das tun sollen, wofür sie gebaut wurden, dürfen sie nicht Aufgaben übernehmen müssen, für die sie nie vorgesehen waren.


Wir müssen uns entscheiden:Wollen wir weiter improvisieren – oder endlich vorsorgen?

Herzlich willkommen zum Blogbeitrag an diesem besonderen 1. August Während wir heute die Schönheit unserer Berge, die Stärke unserer Traditionen und den Geist unserer Eidgenossenschaft feiern, möchte ich einen Blick auf ein Thema werfen, das für die Zukunft unseres Landes ebenso entscheidend ist: die gelungene Integration. Es geht nicht nur darum, sich anzupassen, sondern darum, die enorme Bereicherung, die Vielfalt mit sich bringt, voll und ganz zu umarmen.

Die Diskussion um Integration ist oft vielschichtig und manchmal kontrovers. Kürzlich habe ich ein sehr aufschlussreiches Buch gelesen: "Das Integrationsparadox" von Aladin El-Mafaalani. Schon der Titel "Warum gelungene Integration zu mehr Konflikten führt" ist provokant. Doch beim genauen Hinsehen wird klar: Es geht nicht um das Scheitern von Integration, sondern darum, dass der Prozess selbst bestehende, oft ungesehene Spannungen und blinde Flecken aufdeckt. Und genau das ist der Weg zu einer stärkeren, gerechteren Gesellschaft.

El-Mafaalani beschreibt einen strukturellen Erwartungskonflikt. Einerseits gibt es die Erwartung, dass sich integrierte Menschen unauffällig anpassen. Andererseits erwarten viele gut integrierte Postmigrant:innen, mit ihrer sprachlichen, religiösen und vielfältigen Identität als "Deutschplus" – oder in unserem Fall "Schweizerplus" – anerkannt und wertgeschätzt zu werden. Beide Seiten übersehen dabei entscheidende Aspekte.

Der erste "blinde Fleck": Integration bedeutet nicht, den Glauben, die Muttersprache oder die Herkunft wie einen alten Anzug abzulegen. Es ist eher, so El-Mafaalani, wie eine zweite Haut anzulegen – eine Ergänzung, keine Ersetzung. Die Hautfarbe, Augenform oder der Name eines Menschen stellen kein Hindernis für "Unauffälligkeit" dar. Vielmehr prägen sie die Möglichkeiten des Aufgehens in der Masse und formen die Erfahrungen, Herausforderungen und Erfolge. Wer Aladin El-Mafaalani zu diesem Thema hört, weiss, wovon er redet. Es ist ein Plädoyer für Respekt und die Anerkennung, dass die individuellen Hintergründe das Ganze bereichern.

Der zweite "blinde Fleck" kommt von Klaus Bade: "Integration ist keine Einbahnstrasse." Dieser Satz, schon vor über 25 Jahren formuliert, ist die Quintessenz. Die Integration von Teilen in ein Ganzes verändert das Ganze selbst. Wie schon Aristoteles wusste: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile; es ist ein dynamisches Wechselspiel.

Genau hier knüpfen wir an eine zentrale Erkenntnis an, die auch für Unternehmen und Institutionen gilt: "Ein Unternehmen ist nicht inhärent rassistisch, sexistisch, klassistisch oder diskriminierend – der Prozess ist es, wenn nicht genug verschiedene Menschen im Raum sitzen.“ Genau das gilt auch für Spitäler. Vielfalt ist nicht nur ein schönes Ideal, keine blosse Dekoration an der Wand. Sie ist eine betriebswirtschaftliche Notwendigkeit. 

Als Pflegefachmann habe ich aus erster Hand erfahren, dass Vielfalt nicht nur ein nettes Ideal ist, sondern eine entscheidende Zutat für den Erfolg – besonders in unserem Arbeitsalltag im Spital.

Ich erinnere mich an eine Situation auf meiner Station, die mir diese Wahrheit besonders deutlich gemacht hat. Wir hatten einen Patienten, dessen Familie aus einem anderen Kulturkreis stammte. Trotz unseres Engagements hatten wir Mühe, ihre nonverbalen Signale und traditionellen Ansichten über Gesundheit und Krankheit richtig zu deuten. Es war kein Mangel an Fürsorge, sondern ein Mangel an gemeinsamem Verständnis.

Dann kam eine Kollegin aus einem anderen kulturellen Hintergrund zum Team. Sie sprach mehrere Sprachen und verstand die Nuancen der Familie intuitiv. Sie konnte die Kommunikationslücke überbrücken, medizinische Informationen so erklären, dass sie Resonanz fanden, und ein Vertrauen aufbauen, das uns vorher fehlte. Die Betreuung des Patienten verbesserte sich dadurch erheblich, und auch wir als Team wurden dadurch effektiver.

Diese Erfahrung hat mir gezeigt: Vielfalt im Spitäler ist nicht nur eine Frage der Repräsentation. Es geht um bessere Patientenversorgung. Ein diverses Team kann die kulturellen Bedürfnisse von Patient:innen effektiver verstehen und darauf eingehen, was zu besseren Ergebnissen und einem größeren Vertrauensverhältnis führt.

Und diese Erkenntnis gilt nicht nur für die Arbeitswelt. In den kleinen und ländlichen Dörfern, wie auch in meinem, sehen wir immer noch eine Überrepräsentation von älteren, weissen Männern, während in den Städten die Durchmischung langsam aufholt. Ich wünsche mir, dass wir diese Vielfalt überall sehen – denn nur wenn verschiedene Menschen an einem Tisch sitzen, mit ihren unterschiedlichen Hintergründen, Erfahrungen und Perspektiven, finden wir robustere Problemlösungen. Kreativität blüht auf, und die Ergebnisse sind umfassender und inklusiver.

Denken Sie an die Herausforderungen, vor denen die Schweiz steht: demografischer Wandel, Fachkräftemangel, globale Wettbewerbsfähigkeit, Innovationsdruck. Wer ist besser geeignet, diese Herausforderungen zu meistern, als eine Belegschaft und eine Gesellschaft, die eine Vielzahl von Perspektiven, Erfahrungen und Fähigkeiten vereint?

An diesem 1. August, während wir unsere Schweizer Identität feiern, sollten wir auch die Dynamik würdigen, die entsteht, wenn wir neue Perspektiven und Erfahrungen in unser nationales Gefüge integrieren. Es ist nicht immer einfach, und ja, es kann Konflikte an die Oberfläche bringen. Aber diese Konflikte sind, wenn konstruktiv angegangen, ein Zeichen des Wachstums, ein Zeichen dafür, dass wir auf dem Weg zu einer vollständigeren, widerstandsfähigeren und letztlich wohlhabenderen Schweiz sind.

Unsere Stärke liegt nicht in der Gleichförmigkeit, sondern in unserer Fähigkeit, das unglaubliche Mosaik von Menschen, die die Schweiz ihr Zuhause nennen, zu umarmen und zu schätzen. Echte Integration bedeutet zu erkennen, dass jede Person mit ihrem einzigartigen Hintergrund und ihren Beiträgen den Reichtum und die Stärke unserer Nation mehrt.

In diesem Sinne: Einen schönen 1. August an alle

Vor ein paar Tagen fand ich in meinem Briefkasten eine Postkarte. Auf der Vorderseite sechs junge Menschen mit offenen, herzlichen Gesichtern. Daneben der Satz: „Wir haben einstimmig beschlossen: Du bist super!“ Ich musste lächeln – erst über den Spruch, dann über die Spontanität der Geste. Doch was mich wirklich berührte, war das Innere der Karte: handgeschriebene Zeilen, kreuz und quer, in unterschiedlichen Farben. Worte voller Wärme, Reflexion und Dankbarkeit. Die Karte kam von einer Studentin, die gerade ihr Studienjahr auf unserer Station abgeschlossen hat und während ich las, wurde mir klar: Diese Karte ist viel mehr als ein netter Gruss. Sie ist ein stiller Spiegel. Ein Beweis dafür, wie sehr wir andere prägen – nicht durch grosse Taten, sondern durch kleine, ehrliche Begegnungen im Alltag.


Wir hinterlassen Spuren – auch wenn wir es nicht merken


In der Karte schreibt mein ehemaliger Mentee: „Ohne dich wäre ich nicht die Person, die ich heute bin.“ Das ist keine Selbstverständlichkeit. Es ist vielmehr eine Erinnerung daran, dass wir alle eine Verantwortung tragen – ob als Fachperson, Politiker, Vater oder Kollege. Wir sind Vorbilder. Nicht nur in dem, was wir tun, sondern auch in dem, wie wir es tun. Es sind unsere Haltungen, unser Umgang mit Zweifel, unser Mut, Dinge anzupacken, die andere zum Nachdenken bringen.

Was mich am meisten berührt hat, war nicht, dass ich jemanden „inspiriert“ habe – sondern wie. Nicht meine Leistungen waren es, die Eindruck hinterlassen haben, sondern meine Echtheit. Mein Mentee schreibt: „Du bist nie stehen geblieben. Du hattest immer neue Ziele. Und du warst bereit, sie zu verfolgen.“ Diese Worte zeigen mir, dass es nicht Perfektion ist, die inspiriert, sondern die Fähigkeit, sich weiterzuentwickeln – auch wenn man nicht immer genau weiss, wohin der Weg führt.


Mentoring ist Haltungsarbeit


In einem Gespräch hatte ich damals von meinen Fragen erzählt, von Entscheidungen, von Unsicherheiten. Für mich war es ein normales Gespräch. Für mein Gegenüber offenbar nicht: „Ich habe dadurch über mein Leben nachgedacht. Über meine Ziele. Und darüber, wie ich psychologisch-emotionale Hilfe leisten will.“

Solche Rückmeldungen machen mich demütig. Denn sie zeigen, dass Mentoring weit über Fachwissen hinausgeht. Es geht nicht darum, jemanden zu belehren – sondern darum, Haltung vorzuleben. Zuhören, Rückhalt geben, echte Fragen stellen, den eigenen Weg nicht verstecken.

Und es geht weiter. Denn aus Mentees werden Mentor:innen. Aus einem Moment der Ermutigung wird eine Haltung. Mein Mentee wird vielleicht selbst Menschen begleiten, stärken, inspirieren. So wie sie von mir getragen wurde, wird sie andere tragen. Das ist für mich die stille Kraft des Vorbildseins: Sie wirkt weiter, leise und tief.


Inspiration braucht ein Umfeld


Ich weiss aber auch, dass ich nicht allein inspiriere. Es ist unser gesamtes Stationsteam, das diese Atmosphäre mitprägt. Das Engagement, die Kollegialität, die Professionalität und das Vertrauen, das wir im Alltag leben – all das bildet den Rahmen dafür, dass junge Menschen wachsen können. Ich darf Teil eines Teams sein, das nicht nur gemeinsam arbeitet, sondern gemeinsam inspiriert.

Auf der Rückseite der Karte steht ein Satz, der mir besonders in Erinnerung geblieben ist: „Man kann immer weiterkommen – man muss es nur wollen und bereit sein, es zu versuchen.“ Es ist einer dieser Sätze, die man in einem Buch über Selbstentwicklung lesen könnte – aber hier kommt er aus dem Herzen eines jungen Menschen, der ihn sich nicht ausgedacht, sondern selbst erfahren hat und dann steht da noch: „Team Iggie forever“. Das rührt mich, ja. Aber es ist für mich kein Schulterklopfen. Es ist ein Auftrag. Ein Versprechen, das weiterzutragen, was ich selbst erleben durfte: Dass Mut ansteckt. Dass Zuhören Spuren hinterlässt. Dass man Menschen begleiten kann, ohne sie zu lenken.

Die Karte hängt jetzt an meinem Kühlschrank – nicht, weil ich mich feiern will, sondern weil sie mich daran erinnert, worauf es wirklich ankommt. Nicht auf Strategien, Checklisten oder Titel. Sondern auf das Zwischenmenschliche. Auf Begegnung. Auf das, was bleibt, wenn Worte und Gesten ehrlich gemeint sind.


Zum Schluss: Wen möchtest du heute inspirieren?


Zum Schluss stelle ich mir – und vielleicht auch dir – eine einfache Frage: Wen möchtest du heute inspirieren? Vielleicht reicht ein Gespräch. Vielleicht ein Satz. Vielleicht einfach nur, dass du zeigst, dass du nicht perfekt bist – aber bereit, weiterzugehen.


 

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