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Vor Kurzem hörte ich eine Folge des Podcasts „Diary of a CEO“, in der es um die Rolle einer Chief Happiness Officer ging. Was auf den ersten Blick wie ein moderner Wohlfühltitel klingt, wurde schnell zu einem hochinteressanten Gedanken:Es ging nicht um Goodies wie das Verteilen von Schokolade und Guetzli – besonders am 12. Mai zum Tag der Pflege oder zu Weihnachten und Neujahr – und auch nicht um After-Work-Lachyoga, sondern um strategische Verantwortung für psychisches Wohlbefinden, Sinnhaftigkeit und emotionale Stabilität im Berufsalltag.


Und ich fragte mich: Warum gibt es so etwas nicht in unseren Spitälern – dort, wo der Mensch im Zentrum steht, aber die Menschen, die helfen, oft selbst am Limit sind?

Ich arbeite seit vielen Jahren in der Pflege und habe unzählige Kolleg:innen erlebt, die trotz hoher Belastung mit voller Überzeugung im Beruf geblieben sind – nicht wegen des Lohns oder weil sie nichts anderes gefunden hätten, sondern weil sie wussten:


👉 „Hier bin ich am richtigen Ort. Ich tue etwas Sinnvolles. Ich bin Teil eines Teams, das mich trägt.“


Ich denke an eine Kollegin, die seit über 25 Jahren im gleichen Haus arbeitet. Warum?

„Weil ich hier gesehen werde. Weil ich gestalten darf. Weil ich weiss, dass ich zähle.“


Oder an einen Kollegen, der kürzlich sagte:

„Es gibt stressige Tage – aber ich habe hier eine Führungskraft, die zuhört. Ich fühle mich nicht allein.“


Diese positiven Stimmen sind wichtig. Sie zeigen, wie entscheidend Arbeitskultur ist – und wie viel gute Führung und menschliche Nähe bewirken können.

Doch solche Erlebnisse sind leider nicht überall Standard. In vielen Häusern gibt es zwar Fachexpert:innen für betriebliches Gesundheitsmanagement oder externe psychologische Unterstützungsangebote – doch diese greifen meist erst im Krisenfall.

Was fehlt, ist eine kontinuierliche, präventive Verantwortung für das emotionale Klima. Genau hier sehe ich den Bedarf für eine Rolle wie den Chief Happiness Officer oder Chief Wellness Officer.


Auch auf Stationsebene wird dieser Bedarf spürbar.Ich denke an meine frühere Gruppenleiterin, die gleichzeitig Tagesleitung, Fachverantwortung, Ansprechperson für persönliche Krisen und emotionale Begleitung übernahm. Sie war im besten Sinne eine Art „Wellbeing Officer“ – immer da, wenn jemand jemanden brauchte.

Doch ich sah auch, wie überfordernd das war.Sie jonglierte zwischen kurzfristigen Dienstplanänderungen – besonders wenn kurzfristig jemand krank wurde – Mitarbeitendengesprächen und spontaner emotionaler Erster Hilfe.

Diese Verantwortung gehört nicht auf Schultern einzelner. Sie gehört in die Geschäftsleitung.Denn psychische Gesundheit und emotionale Sicherheit entstehen nicht nebenbei – sie müssen gezielt und professionell gestaltet werden.


Im FHNW-Praxisforum wurde die Idee eines CHO intensiv diskutiert – nicht als nettes Extra, sondern als Antwort auf Entwicklungen wie:

  • hohe Wechselbereitschaft,

  • Rekordwerte bei innerer Kündigung,

  • und ein wachsender Wunsch nach Sinn, Wertschätzung und Entwicklung.

Die Studie „Nachhaltige Rekrutierung“ zeigt deutlich:Mitarbeitende bleiben, wenn sie

  • sich wertgeschätzt fühlen,

  • eine gute Teamkultur erleben,

  • mitgestalten dürfen,

  • strukturiert eingearbeitet werden

  • und körperlich wie seelisch gesund bleiben können.


All das ist kein Zufall – es braucht neue Rollen, klare Strukturen und eine gelebte Haltung, die das aktiv fördern.

„Happiness“ bedeutet dabei nicht oberflächliches Glück, sondern – wie Psycholog:innen es nennen – subjektives Wohlergehen: Ein Zustand innerer Zufriedenheit, der zu mehr Kreativität, Sozialkompetenz, Resilienz und Leistungsfähigkeit führt.

Studien zeigen: Glückliche Mitarbeitende sind produktiver, loyaler und emotional stabiler. In einer Welt, in der gute Pflegekräfte rar sind, ist das kein Luxus – es ist Überlebensstrategie.


Ich wünsche mir, dass wir in der Pflege den Mut haben, diese neue Rolle zu denken. Vielleicht nicht unter dem Titel Chief Happiness Officer. Aber als klares Signal:

✅ Psychische Gesundheit ist keine Privatsache.

Emotionale Sicherheit ist Führungsaufgabe.

Sinn und Zugehörigkeit entstehen nicht zufällig – sondern durch Haltung, Strukturen und gelebte Kultur.

Vielleicht starten wir klein – mit einem Pilotprojekt auf einer Station. Vielleicht nennen wir es Pflegekulturbeauftragte*r oder Wellbeing-Koordinator*in.

Aber was klar ist:

Wir brauchen eine neue Art von Verantwortung – damit die Pflege nicht nur aushält, sondern aufblüht.

 

„Eine positive Arbeitskultur erkennt man daran, dass das Management hohe fachliche und ethische Standards glaubhaft vorlebt – und Wert auf Anerkennung und persönliche Wertschätzung legt.“– Dr. Anne-Katrin Strässer

Caring for those who care – das ist keine Vision. Das ist unsere Pflicht.

 

🎯 Was würdest du tun, wenn du für das Glück und die Gesundheit deines Teams verantwortlich wärst?



Ich erinnere mich noch genau an diesen Moment. Das Zimmer war ruhig, das Licht weich, fast sanft. Eine 87-jährige Patientin lag im Bett, aufrecht, wach, mit einem wachen Blick und einer charmanten Art, die einem sofort das Herz öffnete. Die Diagnose: fortgeschrittener Darmkrebs. Das ärztliche Team diskutierte über eine Chemo/Immuntherapie – vielleicht wirksam. I

ch ging später noch einmal zu ihr, um nach dem Rechten zu sehen. Wir sprachen über das Übliche – Schmerzen, Essen, Besuch. Dann sah sie mir plötzlich direkt in die Augen und fragte leise, aber mit einer unglaublichen Klarheit:

„Was bringt mir das denn noch? ich bin bald 90“

Ich stockte. Meinte sie die Erfolgschancen der Therapie? Oder stellte sie die ganz grosse Frage – die Frage aller Fragen: Lohnt es sich?

Diese Frage lässt mich nicht los. Als Pflegefachmann, der täglich mit älteren, krebskranken Menschen arbeitet, berührt sie mich tief. Und als politisch engagierter Mensch weiss ich: Sie geht weit über das Medizinische hinaus. Sie betrifft unsere Haltung zum Alter, zur Krankheit – und letztlich zum Leben selbst.

Die Patientin entschied sich damals gegen die Chemotherapie und gegen die Immuntherapie. Sie wollte keine aggressive Behandlung mehr – sie wollte Ruhe, Klarheit und Würde. Einige Wochen später ist sie gestorben. Ich glaube, es war in Frieden.


Die Grenzen der Medizin im hohen Alter


Krebs im hohen Alter ist längst keine Ausnahme mehr. Die Menschen leben länger, Diagnosen werden früher gestellt, Therapien raffinierter. Aber: Viele dieser Therapien wurden nie an Hochbetagten getestet. Multimorbidität, Polypharmazie, Demenz – sie verändern das Spiel grundlegend.

Immer wieder erlebe ich, wie überfordert Angehörige und Patient:innen sind. Sie suchen nach Hoffnung – und gleichzeitig nach Ehrlichkeit. Nicht alles, was medizinisch machbar ist, ist auch sinnvoll. Und manchmal bedeutet Menschlichkeit: Weniger ist mehr.


Ethik beginnt mit Zuhören


Es gibt diesen schmalen Grat zwischen dem Wunsch, Lebenszeit zu gewinnen – und der Gefahr, nur Leid zu verlängern. Ich habe Menschen begleitet, die um jeden Tag kämpften. Und andere, die nach der Diagnose das Leben noch einmal mit neuen Augen sahen, aber auf Therapie verzichteten.


Beides ist richtig. Beides verdient Respekt.


Doch was passiert, wenn jemand diese Entscheidung nicht mehr selbst treffen kann? Wenn eine demente Patientin eine hochtoxische Chemotherapie erhält, weil „man ja etwas tun muss“ – für wen tun wir das dann? Für die Betroffene? Für uns? Für ein System, das Aktivität belohnt, nicht Innehalten?


Kosten – das leise Tabu


Wir reden ungern darüber, aber es gehört zur Wahrheit: Die Schweiz ist nach den USA das teuerste Land im Gesundheitswesen. Hochpreisige Therapien belasten das System. In einem solidarisch finanzierten System wie dem unsrigen ist das nicht nur eine medizinische, sondern auch eine politische Frage.

Was viele nicht wissen: Gerade in der Pflege sehen wir, dass teil der Palliativangebote, psychologische Begleitung oder Case Management oft nicht kostendeckend sind – obwohl sie mehr zur Lebensqualität beitragen können als jede Spritze. Diese Lücke ist ein Systemfehler.


Lebensqualität ist mehr als Lebensdauer


Aus pflegerischer Sicht weiss ich: Lebensqualität lässt sich nicht in Tagen messen, sondern in Momenten.

In einem Spaziergang im Garten.

In einem Lächeln beim Anblick der Enkelin.

In einer Tasse Tee, getrunken in Ruhe, ohne Schmerzen, in Gesellschaft.

Viele alte Menschen wollen nicht mehr „geheilt“ werden. Sie wollen in Frieden leben – mit Würde. Nicht isoliert, nicht mit Schläuchen, nicht unter Schmerzen. Dafür braucht es mehr Palliativpflege, mehr Beratung, mehr Mut zu ehrlichen Gesprächen. Und Pflegefachpersonen, die mitentscheiden dürfen – als gleichwertige Stimmen am Tisch.


Ich bin ein grosser Befürworter von Digitalisierung und KI im Gesundheitswesen. Aber dieser Teil, dieser ganz menschliche Teil – das stille Zuhören, das Deuten eines Blicks, das Halten einer Hand – das wird nie ein Algorithmus übernehmen.


Menschlichkeit als Richtwert


Ich wünsche mir, dass wir die Frage „Lohnt es sich?“ nicht nur mit medizinischen Leitlinien beantworten, sondern mit Herz, mit Zuhören, mit Zeit. Dass wir Patientenverfügungen ernst nehmen, Angehörige nicht mit Schuldgefühlen alleinlassen und die Stimme der Pflege am Entscheidungstisch hören.


Denn was bedeutet es eigentlich, „zu leben“ – wenn es nur noch um Tage, aber nicht mehr um Momente geht? Ist es das längere Leben, das zählt – oder das intensivere? Und was wären wir bereit dafür aufzugeben: Autonomie? Lebensfreude? Nähe?


Wie viel ist uns ein würdevolles Altern wert, wenn es keine Heilung mehr verspricht? Wenn es nicht um Sieg über die Krankheit geht, sondern um einen friedlichen Umgang mit ihr?


Was wiegt für dich persönlich mehr: ein paar Monate mehr – eventuell mit Schmerzen, Nebenwirkungen, Kontrollverlust? Oder weniger Zeit – aber in Ruhe, mit Sinn, in Würde?


Ich hoffe, dass wir als Gesellschaft solche Fragen nicht verdrängen, sondern sie offen diskutieren.

Als Politiker wünsche ich mir, dass diese Themen nicht zwischen Fallpauschalen und Technikversprechen untergehen.

Als Pfleger höre ich weiter zu.

Und als Mensch wünsche ich mir, dass ich eines Tages – wenn ich selbst frage: „Lohnt es sich?“ – verstanden werde.


Am Samstag haben in der ganzen Schweiz tausende Frauen gestreikt – für echte Gleichstellung, für Respekt, für ein Ende der Gewalt. Ich war in Aarau präsent, bewusst und solidarisch. Mit meinen beiden Söhnen an meiner Seite, als Mann, der sich seiner Rolle bewusst wird.

 

Ich profitiere davon, dass ich als Mann seltener unterbrochen werde. Dass man mir Kompetenz eher zutraut. Dass meine Care-Arbeit als „engagiert“ gilt – obwohl sie bei Frauen oft als selbstverständlich angesehen wird.

 

Ich profitiere auch davon, dass ich keine Angst haben muss, abends allein nach Hause zu gehen. Dass meine Karrierewege statistisch seltener durch Schwangerschaft, Betreuung oder familiäre Erwartungen gebremst werden. Diese Vorteile sind unsichtbar – gerade weil sie so selbstverständlich wirken. Aber sie sind real. Und sie kommen auf Kosten anderer.

 

Warum ich mit meinen Söhnen in Aarau war

 

Ich will, dass meine Söhne verstehen: Gleichstellung ist kein Gefallen für Frauen. Es ist eine Frage der Gerechtigkeit. Eine Frage der Haltung und ein Gewinn für alle.

 

Ich habe selbst keine Töchter, aber ich bin Götti von starken, klugen Mädchen. Ich will, dass sie in einer Welt aufwachsen, in der sie nicht systematisch benachteiligt werden – weder im Lohn noch in ihrer Sicherheit. Ich will, dass meine Söhne lernen, wie man Verantwortung übernimmt – nicht nur für sich, sondern für das Ganze.

 

Frauen werden ermordet, weil Männer es nicht ertragen, verlassen zu werden. Oder weil sie „Nein“ sagen. Diese Gewalt ist kein Zufall, sondern Ausdruck eines Systems, das Besitzansprüche über Selbstbestimmung stellt.

 

Solange wir Männer schweigen, sind wir Teil dieses Systems und solange wir es nicht hinterfragen, bleibt es bestehen.

 

Gleichstellung ist kein Ziel, das man erreicht und dann abhakt. Es ist ein Prozess. Ein Weg, den wir gemeinsam gehen müssen – in Politik, Wirtschaft und Alltag.

 

Was es dafür braucht? Kein Heldentum, sondern Klarheit:

 

  • Lohntransparenz, weil Fairness messbar sein muss.

  • Gerechte Elternzeit, weil Gleichstellung bei der Familiengründung beginnt.

  • Flexibles Rentenalter, weil Lebenswege verschieden sind.

  • Anerkennung von Pflege und Freiwilligenarbeit, weil sie das Rückgrat unserer Gesellschaft bilden.

 

Diese Veränderungen sind kein Luxus. Sie sind überfällig. Und sie gelingen nur, wenn wir Männer bereit sind, mitzudenken, mitzutragen und mitzukämpfen.

 

Was ich tue – nicht aus Mitleid, sondern aus Überzeugung

 

Ich unterstütze Gleichstellung nicht „für die Frauen“. Ich tue es, weil ich an eine gerechtere Welt glaube. Und weil ich als Mann einen Hebel in der Hand habe, den ich nicht ungenutzt lassen will.

 

Ich will kein Schulterklopfen. Ich will Veränderung. Und ich beginne dort, wo es zählt:

Im Gespräch mit meinen Söhnen.

In meinem politischen Engagement.

Und im ehrlichen Blick auf meine eigenen Privilegien.

Ich profitiere vom Patriarchat. Aber ich will es nicht behalten. Ich will etwas Besseres. Für alle.

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