top of page

Akutspitäler sind kein soziales Auffangnetz – ein Blick aus der Praxis

  • Autorenbild: ignatius ounde
    ignatius ounde
  • 5. Aug.
  • 3 Min. Lesezeit
ree

„Wir sind nächste Woche in den Ferien und es wird niemand da sein, der sich um Grossmutter kümmern kann. Kann sie so lange hier im Spital bleiben, bis wir zurück sind?“ – Diese Frage stellte mir kürzlich die Tochter einer Patientin, deren Zustand nach erfolgreicher Behandlung stabil war.

Ich arbeite in einem Universitätsspital – nicht in einer Übergangspflegeeinrichtung, nicht in einem Pflegeheim. Und trotzdem begegnen mir solche Bitten beinahe täglich. Es sind keine medizinischen Fragen mehr, sondern soziale Hilferufe.

Ich dachte kurz nach – und antwortete, wie es mir meine 18 Jahre in der Schweiz beigebracht haben: diplomatisch, aber klar.„Ich verstehe gut, dass Sie nächste Woche nicht da sein werden. Aber der Zustand Ihrer Mutter ist stabil, ihre Laborwerte haben sich normalisiert. Aus medizinischer Sicht gibt es keinen Grund mehr, sie im Spital zu behalten. Ich empfehle Ihnen eine Übergangspflege oder eine Kur – das unterstützt ihre Genesung.“

 

Wenn das Spital zur letzten Hoffnung wird

Solche Situationen sind längst keine Ausnahme mehr. Unser Pflegesystem gerät an seine Grenzen – und das Spital wird zum Auffangnetz, weil andere Versorgungsformen fehlen.

Was wir in der Schweiz erleben, ist kein Einzelfall. Auch die österreichische Ärztin Monika Ferlitsch beschreibt diese Entwicklung treffend: Akutspitäler werden zunehmend zur Lösung für Betreuungslücken – obwohl sie dafür weder gebaut noch ausgerüstet sind.

 

Angehörige am Limit

Ich mache den Angehörigen keinen Vorwurf – ganz im Gegenteil. Ich sehe, wie sie kämpfen: mit der Pflege, mit dem Alltag, mit ihrer eigenen Belastung. Sie geben ihren Beruf auf, verzichten auf Einkommen, verlieren soziale Kontakte – alles aus Liebe.

Ich habe erschöpfte Töchter, verzweifelte Ehemänner, überforderte Enkel erlebt. Immer mit demselben Satz:„Ich kann nicht mehr. Bitte helfen Sie.“

Doch genau da beginnt das Dilemma: Wenn pflegende Angehörige ausfallen, bleibt oft nur das Spital – nicht aus medizinischer Notwendigkeit, sondern weil es keine Alternativen gibt.

 

Fakten, die das Problem belegen

Dass diese Entwicklung kein Einzelfall ist, belegen zahlreiche Studien:

  • 📈 Obsan-Bulletin 1/2022: Der Pflegebedarf wächst rapide, das Angebot hinkt hinterher.

  • 📊 BFS-Pflegebericht 2020: Die Zahl der Pflegebedürftigen wird sich bis 2040 verdoppeln.

  • 🛏 H+ warnt vor zunehmenden „sozialen Hospitalisierungen“ – Belegung von Akutbetten ohne medizinische Indikation.

  • 💬 Universität Basel (2023): Über 60 % der pflegenden Angehörigen fühlen sich psychisch stark belastet, 40 % wünschen sich mehr Unterstützung.

  • 🌍 OECD & European Observatory: Die Schweiz hat Nachholbedarf bei der Integration von Gesundheits- und Sozialversorgung.

 

Pflege ist längst eine öffentliche Aufgabe

Pflege darf nicht länger als Privatsache behandelt werden. Sie ist eine zentrale Säule unserer Gesellschaft – und verdient politische, strukturelle und finanzielle Anerkennung.

 

Was es jetzt braucht

✅ Kurzzeit- und Übergangspflegeplätze, die schnell verfügbar und klar finanziert sind – ohne lange Wartezeiten

Entlastungsangebote für Angehörige: Tagesstrukturen, betreute Ferienaufenthalte, Nachtbetreuung, psychologische Begleitung, Case Management

Pflegehotels: wohnliche, medizinisch betreute Übergangslösungen

Diese Forderungen sind keine Träumereien. Sie sind realistisch – und werden auch vom SBK-Dossier 2023 unterstützt.

 

Zeit für einen Systemwechsel

Pflege darf nicht länger aus der Perspektive der Lücke gedacht werden. Sie gehört ins Zentrum unseres Gesundheitssystems.

Dazu braucht es:

  • Eine nationale Pflegeplanung,

  • eine koordinierte Finanzierung,

  • und politischen Mut, Pflege als das zu behandeln, was sie ist: Ein Grundpfeiler unserer Gesellschaft.

 

Es geht um mehr als Versorgung

Es geht um Würde – für Pflegebedürftige, für Angehörige, für Pflegefachpersonen.

Wenn Akutspitäler weiterhin das tun sollen, wofür sie gebaut wurden, dürfen sie nicht Aufgaben übernehmen müssen, für die sie nie vorgesehen waren.


Wir müssen uns entscheiden:Wollen wir weiter improvisieren – oder endlich vorsorgen?

 
 
 

1 Kommentar

Mit 0 von 5 Sternen bewertet.
Noch keine Ratings

Rating hinzufügen
Gast
06. Aug.
Mit 5 von 5 Sternen bewertet.

Genau meine Meinung

Gefällt mir
BLEIBE AUF DEM LAUFENDEN
TWINT_Individueller-Betrag_DE.png
  • Whatsapp
  • Linkedin
  • Instagram
  • Facebook
  • X
  • TikTok
bottom of page