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Das ist etwas anderes

  • Autorenbild: ignatius ounde
    ignatius ounde
  • vor 1 Tag
  • 3 Min. Lesezeit

Letzte Woche war ich nach dem Mittagessen im Zimmer eines Patienten.

Es ging ihm langsam besser. Die Behandlung zeigte Wirkung, die Blutwerte entwickelten sich in die richtige Richtung und Schritt für Schritt kam seine Kraft zurück.

Trotzdem stand das Mittagessen fast unberührt auf dem Tisch.

Ich fragte ihn, weshalb er nichts gegessen habe.

«Ich habe einfach keinen Hunger», sagte er.

Ich wusste, dass er einen Sohn hat, von dem er oft mit einem Lächeln erzählte. Also stellte ich ihm eine andere Frage.

«Wenn Ihr Sohn jetzt hier liegen würde und Ihnen sagen würde, dass er nichts essen möchte, obwohl sein Körper die Energie für die Erholung braucht – was würden Sie ihm raten?»

Er antwortete sofort.

«Ich würde ihm sagen, dass er wenigstens etwas essen soll. Ein paar Löffel reichen schon.»

Ich nickte.

Dann fragte ich:

«Und weshalb sagen Sie das nicht sich selbst?»

Er lächelte.

«Das ist etwas anderes.»



Als ich später aus dem Zimmer ging, liess mich dieser Satz nicht mehr los.

Nicht, weil ich ihm zustimmte.

Sondern weil ich wusste, dass ich mich darin selbst wiedererkannte.

Auch ich verschiebe manchmal Dinge, die meiner Gesundheit guttun würden. Nach einer langen Frühschicht denke ich, dass der Lauf auch morgen noch möglich ist. Oder dass ich einen Termin später vereinbaren kann.

Heute geht es ja noch.

Vielleicht kennst du diesen Gedanken.

Je länger ich über unser Gespräch nachdachte, desto klarer wurde mir, dass dieser Patient nicht nur über sich gesprochen hatte.


Er sprach über uns alle.


Wir kümmern uns oft mit grosser Hingabe um die Menschen, die wir lieben. Wenn unser Kind krank ist, reagieren wir sofort. Wenn unsere Partnerin erschöpft ist, sagen wir, sie solle sich ausruhen. Wenn ein guter Freund Schmerzen hat, raten wir ihm, Medikamente zu nehmen oder zum Arzt zu gehen.

Nur bei uns selbst gelten plötzlich andere Regeln.

In den vielen Jahren, in denen ich als Pflegefachmann gearbeitet habe, ist mir genau das immer wieder begegnet.

Schon während meiner Zeit auf einer chirurgischen Station sah ich, wie unterschiedlich Menschen nach derselben Operation genasen. Manche standen erstaunlich schnell wieder auf den Beinen. Andere brauchten deutlich länger.

Natürlich gibt es dafür viele Gründe. Alter, Vorerkrankungen oder die Schwere einer Krankheit spielen eine wichtige Rolle.

Und trotzdem gab es Faktoren, die immer wieder sichtbar wurden. Rauchen konnte die Wundheilung erschweren. Eine Mangelernährung oder fehlende körperliche Reserven machten den Weg zurück in den Alltag oft länger.

Damals wurde mir etwas bewusst. Die Genesung beginnt nicht erst im Spital.

Sie beginnt lange davor.



Später durfte ich viele Jahre Menschen in der Onkologie begleiten.

Ich habe dort beeindruckende medizinische Fortschritte erlebt. Therapien, die Hoffnung schenkten. Menschen, die mit einer unglaublichen Kraft gegen ihre Krankheit kämpften.

Ich habe dort aber auch einen Satz gehört, den ich nie vergessen werde.

Ein Patient sagte zu mir:

«Wenn ich gewusst hätte, wie wertvoll Gesundheit ist, hätte ich früher besser auf mich geachtet.»

Viele Krankheiten treffen Menschen ohne jede Vorwarnung.

Doch ich glaube, dass wir unsere Gesundheit häufiger beeinflussen können, als wir denken.

Nicht vollständig. Doch oft ein gutes Stück. Deshalb glaube ich auch nicht, dass uns Wissen fehlt.

Die meisten Menschen wissen, was gesund wäre. Was uns häufig fehlt, ist etwas anderes.

 

Wir behandeln unseren eigenen Körper oft mit weniger Fürsorge als die Menschen, die wir lieben.

Dabei ist unser Körper der einzige Ort, an dem wir unser ganzes Leben verbringen werden.

Dieser Text soll niemandem Schuldgefühle machen. Ich weiss, wie das Leben aussieht.

Ich kenne Schichtarbeit. Zeitdruck. Verantwortung. Tage, an denen alles andere wichtiger scheint als man selbst.

Gerade deshalb hat mich das Gespräch mit diesem Patienten so beschäftigt.

Denn seine Antwort war ehrlich.

«Das ist etwas anderes.»


Als ich später noch einmal bei ihm vorbeischaute, war der Teller nicht mehr ganz voll.

Ein paar Löffel hatten gefehlt.

Vielleicht hatte unser Gespräch etwas verändert. Vielleicht auch nicht. Ich weiss es nicht.

Ich weiss nur, dass ich seit diesem Tag immer wieder an diesen Satz denke.

«Das ist etwas anderes.»

Nein. Eigentlich ist es das nicht.Wenn wir einem Menschen, den wir lieben, raten würden, etwas zu essen, dann dürfen wir uns denselben Rat geben.

Wenn wir einem guten Freund sagen würden, er solle zum Arzt gehen, dann dürfen wir auch selbst einen Termin vereinbaren.

Wenn wir unseren Kindern sagen, dass ihre Gesundheit wichtig ist, dann sollte derselbe Satz auch für uns gelten.

Denn irgendwann kommt der Moment, in dem unser Körper keine Ausreden mehr akzeptiert.

Ich wünsche mir, dass dieser Moment möglichst spät kommt.

Und dass wir bis dahin gelernt haben, uns selbst dieselbe Fürsorge zu schenken, die wir den Menschen geben, die wir lieben.

Vielleicht beginnt das mit etwas ganz Einfachem.

Mit den ersten paar Löffeln.

 
 
 

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