Wie geht es dir?
- ignatius ounde
- vor 4 Tagen
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An diesem Morgen kam ich etwas zu spät zur Arbeit. Eigentlich nichts Dramatisches. Einer dieser Morgen, an denen man bereits bei Dienstbeginn das Gefühl hat, dem Tag ein wenig hinterherzulaufen. Ich spürte den Zeitdruck im Nacken. Die Übergabe kreiste noch im Kopf, und die Aufgaben des Tages warteten bereits, bevor ich überhaupt richtig angekommen war.
Als ich das Patientenzimmer betrat, lagen die beiden Patienten ruhig in ihren Betten. Ich stellte mich vor, wie ich es immer tue, und sagte, dass ich heute für sie zuständig sei. Nachdem ich mich um den Mitpatienten gekümmert hatte, ging ich zu ihm. Ich fragte ihn, wie er geschlafen habe. Er antwortete mir. Dann fragte ich: «Und wie fühlen Sie sich jetzt?» Er erzählte mir, dass es ihm besser gehe als am frühen Morgen. Er habe Fieber gehabt, fühle sich nun etwas stabiler. Ich nickte, hörte zu, registrierte, ordnete ein. Mein Kopf war bereits beim nächsten Schritt, bei den Medikamenten, bei den Kontrollen, bei dem, was an diesem Morgen alles noch anstand.
Und dann geschah etwas, womit ich nicht gerechnet hatte.
Er sah mich an. Wirklich an. Und fragte: «Und wie geht es Ihnen?»
Es war keine Floskel. Er meinte es ernst. Das spürte ich sofort. Es lag in seinem Blick und in der Ruhe, mit der er auf meine Antwort wartete. Er fragte nicht einfach den Pflegefachmann. Er fragte den Menschen vor seinem Bett.
Die Frage traf mich unvorbereitet. Im Arbeitsalltag bin ich es gewohnt, mich auf andere zu konzentrieren. Auf ihre Schmerzen, ihre Temperatur, ihre Übelkeit, ihre Ängste, ihre Werte, ihre Therapie. Auf mich selbst richtet sich der Blick nur selten. Für einen Moment stand ich einfach da und musste durchatmen.
Der Morgen hatte hektisch begonnen. Ich war angespannt zur Arbeit gefahren. Zum Glück hatte ich auf der Zugfahrt eine gute Freundin getroffen. Wir hatten geredet, gelacht und uns gegenseitig mit positiver Energie angesteckt. Sie gehört zu den Menschen, deren Gegenwart ansteckend ist und die einen leichter zurücklassen, als sie einen angetroffen haben. Als ich im Spital angekommen war, hatte sich teil meine Anspannung bereits gelöst. Erst durch seine Frage wurde mir das wirklich bewusst.
Also antwortete ich ehrlich. Dass es mir gut gehe. Dass ich gesund sei. Und dass ich mich auf meinen freien Tag am nächsten Morgen freue.
Während ich das sagte, spürte ich ein leises Zögern. Es fühlte sich beinahe unangebracht an, vor diesem jungen Mann von Gesundheit und freien Tagen zu sprechen. Doch er lächelte. Er freute sich für mich. Aufrichtig. Und genau das machte diesen Moment so besonders.
Denn wer mir diese Frage stellte, war ein junger Mann, noch keine dreissig Jahre alt. Jemand, der seit längerer Zeit zwischen Spitalaufenthalten, Chemotherapien und Rehabilitationen pendelte. Jemand, dessen Körper seit Monaten kämpfte. Jemand, der Schwäche, Unsicherheit und die Erschöpfung einer schweren Krankheit aus eigener Erfahrung kannte. Er hätte jedes Recht der Welt gehabt, seine ganze Kraft für sich selbst zu behalten.
Und trotzdem nahm er sich diesen einen Moment Zeit. Er hob den Blick aus seinem eigenen Kampf heraus und richtete ihn auf mich. Mit der Energie, die ihm dieser Morgen gelassen hatte, schenkte er mir Aufmerksamkeit. Vielleicht war genau das das grösste Geschenk dieses Tages.
In diesem Moment waren wir nicht in erster Linie Patient und Pflegefachmann. Wir waren zwei Menschen. Zwei Menschen in einem Spitalzimmer an einem gewöhnlichen Morgen, die sich gegenseitig wahrnahmen.
Seit diesem Tag stelle ich diese Frage bewusster. Der Ärztin auf dem Weg zur Visite. Dem Physiotherapeuten, der nur kurz vorbeikommt. Der Ernährungsberaterin. Dem Mitarbeiter der Reinigung. Der Kollegin aus der Pflege. Dem Transportdienst. Der Lernenden. Dem Oberarzt. Der Pflegeexpertin. Menschen, die ich gut kenne, und Menschen, die ich nur kurz auf dem Gang treffe.
«Wie geht es dir?»
Die Reaktion ist oft dieselbe: Überraschung. Eine kurze Pause. Ein Lächeln. Manchmal eine ehrliche Antwort. Und manchmal sehe ich in diesem kurzen Moment, wie sich etwas in der anderen Person löst. Eine Schulter, die sinkt. Ein Blick, der weicher wird. Als hätte jemand kurz eine Tür geöffnet, hinter der ein Mensch wartet, gesehen zu werden.
Vielleicht haben wir uns daran gewöhnt, einander vor allem in unseren Rollen zu begegnen. Die Pflegefachperson. Die Ärztin. Der Patient. Die Therapeutin. Die Person, die reinigt, transportiert, plant, dokumentiert, entscheidet, begleitet. Wir gehen davon aus, dass alle funktionieren. Dass alle zurechtkommen. Dass alle ihre Aufgabe machen und weitermachen.
Dabei trägt jeder Mensch etwas Unsichtbares mit sich. Freude. Müdigkeit. Hoffnung. Sorgen. Dankbarkeit. Manchmal auch Erschöpfung, die gut versteckt ist. Manchmal Kraft, die man einem Menschen von aussen kaum ansieht.
Wir alle möchten gesehen werden. Als ganze Menschen mit allem, was wir an diesem Tag in uns tragen.
Dieser junge Patient hat mich daran erinnert, dass Dankbarkeit mehr ist als ein ausgesprochenes «Danke». Dankbarkeit zeigt sich darin, dass wir den Menschen vor uns wahrnehmen. Dass wir neugierig bleiben. Dass wir uns einen Moment Zeit nehmen. Dass wir fragen und bereit sind, die Antwort wirklich zu hören.
Und vielleicht beginnt sie sogar damit, dass wir uns selbst diese Frage wieder stellen. Eine Frage, die ich mir viel zu lange nicht mehr bewusst gestellt hatte: Wie geht es mir eigentlich?
Manchmal verändert eine einzige, aufrichtige Frage die Atmosphäre eines ganzen Tages. Manchmal verändert sie sogar den Menschen, der sie gestellt bekommt.
Bei mir hat sie genau das getan.
Wie geht es dir?



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