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Gute Reise

  • Autorenbild: ignatius ounde
    ignatius ounde
  • 5. Juni
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 8. Juni



Ich erinnere mich an diesen Moment fast wie in Zeitlupe. die Studentin öffnete die Tür zum Stationszimmer Sie stand da, mit diesem Blick, den man sofort erkennt, wenn man schon lange in der Pflege arbeitet. Sie war überfordert dieses es war stille Stehenbleiben, wenn ein Mensch merkt: Jetzt bin ich an einem Punkt, auf den mich kein Lehrbuch wirklich vorbereitet hat.


Es war einer dieser Nachmittage auf der Station, an denen alles gleichzeitig geschieht. Das Telefon klingelt. Auf dem Gang sind schnelle Schritte zu hören. Medikamentenbecher klappern. Irgendwo sucht jemand eine Ärztin. Irgendwo wartet jemand auf eine Antwort. Irgendwo braucht ein Patient mehr Zeit, als der Tagesplan vorgesehen hat.



Ein paar Zimmer weiter lag ein Patient, der in den nächsten Stunden sterben würde.

Er war wach. Er konnte hören. Er konnte verstehen. Er wusste, was geschah.

Wir kannten ihn gut, er war drei Wochen bei uns. Er war ruhig, dankbar und herzlich. Einer dieser Patienten, die einem bleiben. Er brachte eine besondere Ruhe mit. Er war organisiert, gefasst, freundlich. Er bedankte sich für kleine Dinge. Für ein Glas Wasser. Für eine ruhige Erklärung. Für einen Moment Zeit. Mit ihm war in den Tagen zuvor eine echte Verbindung entstanden.


Die Studentin stand im Stationszimmer und suchte nach Worten. Für sie war es das erste Mal, dass sie so bewusst mit dem Sterben eines Menschen konfrontiert wurde. Sie wusste, dass sie noch einmal zu ihm gehen würde. Sie wusste auch, dass es ihre letzten Worte an ihn sein könnten.


Sie fragte mich sinngemäss:

„Was soll ich ihm sagen? Was sagt man in so einem Moment?“

Solche Situationen sind mir in all den Jahren mehrfach begegnet. Trotzdem bleibt jeder Abschied anders. Erfahrung macht den Tod nicht leichter. Sie nimmt einem die Betroffenheit nicht weg. Sie hilft nur, in einem schweren Moment ruhig zu bleiben.

Ich spürte in ihrer Frage eine grosse Verantwortung. Und Vertrauen. Sie kam zu mir, weil sie Orientierung suchte.

Ich sagte ihr:

„Sag ihm: Gute Reise.“

Er war viel gereist. Er wanderte gerne. Er kannte Wege, Landschaften, Aufbrüche. Deshalb passte dieser Satz zu ihm als etwas, das mit seinem Leben zu tun hatte.

Die Studentin schaute mich überrascht an.

Vielleicht hatte sie mit einem medizinischen Satz gerechnet. Vielleicht mit einer religiösen Formulierung. Vielleicht mit etwas Grösserem, etwas Ausgefeiltem, etwas, das der Schwere dieses Moments gerecht werden sollte.

Für mich war „Gute Reise“ genau richtig.



Viele Menschen erleben das Lebensende als Übergang. Manche als Anfang von etwas Neuem. Manche wissen es selber kaum. Manche glauben fest. Manche zweifeln. Manche sind müde vom Kämpfen. Ein Satz wie „Gute Reise“ lässt Raum. Er drängt niemandem eine Weltanschauung auf. Er erklärt nichts. Er verspricht nichts. Er begleitet.

Früher hätte ich vielleicht anders reagiert. Vielleicht hätte ich gesagt: „Gott sei mit dir.“ Oder: „Du gehst an einen besseren Ort.“ Oder einfach: „Alles Gute.“ Mit den Jahren hat sich mein Umgang mit dem Sterben verändert. Ich suche weniger nach grossen Worten. Ich vertraue mehr auf einfache, ehrliche Sätze.


Später ging ich selbst noch einmal zu ihm ins Zimmer.

Es war ruhiger geworden. Das Licht im Zimmer war weicher. Seine Atmung war langsamer. Ich trat an sein Bett, blieb einen Moment stehen und sagte leise:

„Gute Reise. Und danke für alles, was ich von Ihnen lernen durfte. Vor allem Gelassenheit.“

Er öffnete die Augen nicht mehr. Seine Frau nickte. Und das reichte.

Das war der eigentliche Moment diese stille Verbindung zwischen Menschen. Ein Patient, der ging. Seine Frau, die blieb. Eine Pflegende, die Zeugin war. Ein Raum, in dem nichts mehr gelöst werden musste.


Dieser Patient hatte uns in seinen letzten Tagen gezeigt, dass ein Mensch auch am Ende seines Lebens Würde ausstrahlen kann. Ruhe. Dankbarkeit. Gelassenheit. Nicht jeder Mensch findet am Lebensende diese Ruhe. Sterben ist verschieden. Manche Menschen haben Angst. Manche sind wütend. Manche kämpfen. Manche sind innerlich schon weit weg. Genau deshalb war seine Art so besonders sie war sein Weg, Und diesen Weg durfte ich respektvoll begleiten.

Am Lebensende braucht es oft keine langen Erklärungen. Es braucht keine falsche Hoffnung. Es braucht keine religiösen Sätze ohne Bezug zum Menschen. Es braucht keine Floskeln, die vor allem die eigene Unsicherheit verdecken.


Es braucht Präsenz.

Es braucht Echtheit.

Es braucht den Mut, den Moment auszuhalten.


Das ist etwas, was ich jungen Pflegefachpersonen mitgeben möchte: Am Bett eines sterbenden Menschen zählt die Stille, die ihr halten könnt. Die Gegenwart, die ihr schenkt. Das Dasein selbst. Still. Ganz. Ohne den Anspruch, alles richtig machen zu müssen.

Manchmal reicht ein ruhiger Blick. Eine Hand, die bleibt. Eine Stimme, die ruhig spricht. Ein Satz, der ehrlich gemeint ist.


Pflege am Lebensende ist Beziehung. Würde. Begleitung und manchmal ist sie ein stilles Versprechen: Du bist in diesem Moment als Mensch gesehen.

Auch wir Pflegefachpersonen haben in solchen Situationen keine fertigen Antworten. Auch wir suchen manchmal nach Worten. Auch wir spüren die Schwere eines Abschieds. Vielleicht macht genau das gute Pflege aus: dass wir unsere Menschlichkeit behalten, während wir professionell bleiben.


Vielleicht stehst du eines Tages selbst an einem solchen Bett. Als Pflegefachperson. Als Angehöriger. Als Freund. Als Mensch, der einfach da ist, während ein anderer Mensch geht.

Du wirst vielleicht nach Worten suchen. Vielleicht wirst du schweigen. Vielleicht wirst du nur eine Hand halten, den Atem hören, im Zimmer bleiben und spüren, wie schwer dieser Moment ist.

Das reicht. Denn ein sterbender Mensch braucht in diesem Augenblick keine Antwort auf den Tod. Er braucht einen Menschen.

Er braucht dich.

 


 
 
 

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